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Kunstplünderungen : Ali Baba und seine tausend Räuber

Die Plünderungen in Bagdad haben viele Ursachen, die Folgen sind einfach verheerend: Auch die islamischen Geschichtsquellen des Iraks sind verbrannt.

          Ibrahim, Jurist im Ministerium für Religiöse Angelegenheiten (Awqaf), hält mit einigen anderen noch immer Wache. Vielleicht kann in dem Komplex doch noch einiges vor den Plünderern und Brandstiftern gerettet werden. Das meiste ist aber bereits verloren. Fassungslos führt er zur Bibliothek des Ministeriums. Sie ist restlos ausgebrannt. Nur ein unbedeutender Bruchteil ihrer Manuskripte und Bücher konnte gerettet werden.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Gerade die Manuskripte dieser Bibliothek waren eine der wichtigsten Quellen für die islamische Geschichte des Landes gewesen. Auf der Straße gegenüber sind weitere Teile des Ministeriums in Flammen aufgegangen. Dort waren die Schriftstücke gelagert, die die religiösen Schenkungen dokumentiert hatten.

          Rache war ein Motiv

          Ein einziger Panzer in der Straße hätte diesen Akt des Vandalismus verhindern können, sinniert Ibrahim. Noch immer halten die Plünderer aber Ausschau nach neuen Objekten. In der Bibliothek hatten sie zunächst die Computer und Airconditioner mitgenommen, die Tische und die Ventilatoren. Alles, was beweglich war oder abzumontieren, nahmen sie mit.

          Ibrahim glaubt nicht daran, daß die Plünderer in der Bibliothek auch das Feuer gelegt haben. Wer immer es gemacht hat, habe sich von Rache treiben lassen und professionell alle Schriftstücke zerstört. Dann zählt er, im Rahmen der in Nahost üblichen Verschwörungstheorien, einen Kreis von möglichen Tätern auf: Sie könnten es aus Rache gegen das Regime von Saddam getan haben, aus Rache für das irakische Plündern 1990 in Kuweit, auch könnten schiitische Eiferer die wichtigste Bibliothek des sunnitischen Islam im Irak im Auge gehabt haben. Eine schlüssige Erklärung hat er aber nicht. Wer immer es war: Er hat Unersetzbares unwiederbringlich zerstört. Denn von den Manuskripten gab es keine Abschriften und keine Mikrofilme.

          Mutproben

          Vielen Moscheen im Lande, die ebenfalls wertvolle Manuskripte beherbergt hatten, soll es während der Wirren ähnlich ergangen sein. Unklar ist, wie es um die Manuskripte steht, die im Auftrag des Nationalmuseums in der Haifa-Straße in den historischen Villen lagern, die einst irakischen Juden gehört hatten. Der Museumsdirektor versichert, alle Manuskripte hätten rechtzeitig in den Kellern der Villen in Sicherheit gebracht werden können. Sie hätten so Krieg und die Nachkriegswirren unversehrt überstanden. Trotz der schriftlichen Zustimmung des Direktors des Nationalmuseums sind die Angestellten der Manuskriptabteilung der "Dar al Machtutat" zu keiner Auskunft bereit, ist kein Augenschein möglich. Man muß sich mit dem Schild an der Tür zufriedengeben: "Dieses Gebäude steht unter Aufsicht".

          Neben den alten Villen der "Dar al Machtutat" hatte einst das irakische Kunstmuseum Besucher angelockt. Es ist restlos ausgeraubt. Noch immer ziehen aggressive Kinder und Jugendliche in Horden in den modernen Komplex, um vielleicht doch noch eine Steckdose oder eine Kloschüssel zu entdecken. Amerikanische Soldaten fordern sie mit Schüssen in die Luft auf, ihrem Treiben endlich ein Ende zu setzen. Nach wenigen Minuten sind sie aber zurück. Die Iraker nennen solche Plünderer "Ali Baba". Erstmals hatten sie diesen Begriff 1990 verwendet, als Regimeanhänger von Saddam Hussein nach der Besetzung Kuweits das Nachbarland sinnlos ausgeplündert hatten. Heute verstehen die "Ali Babas" das Treiben in ihrer eigenen Hauptstadt als Volkssport und Mutprobe zugleich.

          Jetzt sind die Panzer da

          Aus dem Kunstmuseum konnte immerhin ein kleiner Teil der Bilder irakischer und anderer arabischer Künstler gerettet werden. Sie stehen inzwischen im Verwaltungstrakt des geplünderten Nationalmuseums. Dorthin kehren die Angestellten allmählich zurück, lassen sich registrieren und nehmen die Arbeit wieder auf. Auskunftsfreudig ist das Museumspersonal aber nicht. Bestenfalls sagen sie, jeden Tag kehrten einige Kunstwerke zurück. Mehr ist nicht zu erfahren. Zu sehen ist nichts. Als ob eine Informationssperre verhängt worden sei. Immer wieder ein kleiner Fingerzeig zu den amerikanischen Soldaten. Heute sind Panzer um das Museum postiert, und genügend Soldaten sichern es. Zu spät.

          Die Plünderungen im Museum waren offenbar organisiert. Die einfachen "Ali Babas" hatten es auf Türknöpfe und Fensterrahmen abgesehen. Die blieben aber alle an ihrer Stelle. Für sie interessierte sich keiner. Die professionellen Plünderer hatten es allein auf die Kunstwerke abgesehen. Ein Angestellter des Nationalmuseums erzählt hinter vorgehaltener Hand, er habe einem Plünderer noch zugerufen, doch nicht zu stehlen. Darauf habe ihn ein amerikanischer Soldat angewiesen, lieber seines Weges zu gehen. Anstatt einzugreifen, habe der dem Plündern zugeschaut und sich damit zufriedengegeben, Soldat zu sein und kein Polizist.

          Noch liegt keine Bestandsaufnahme vor, welche Schäden der Krieg und besonders die Nachkriegswirren an den Kulturschätzen des Iraks angerichtet haben. Vieles ist gottlob unversehrt und intakt geblieben. So die im dreizehnten Jahrhundert direkt am Tigris errichtete frühe islamische Universität al Mustansariya. In ihrem großen Innenhof findet der Reisende noch immer Ruhe. Umgeben ist der weite Hof von doppelstöckigen Bogenarkaden und Gebetshallen, die zum Hof offen und mit kunstvollen Stuckarbeiten geschmückt sind. An anderen Orten, die von den "Ali Babas" der Moderne heimgesucht worden sind, ist dem Reisenden diese Ruhe nicht mehr vergönnt.

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