https://www.faz.net/-gqz-9rxna

Pierre-Cardin-Ausstellung : Der Weltraum ist offen

Avantgarde 1968: Kleider aus der Chemiefaser „Cardine“ mit thermoplastisch geformten Prägemustern. Bild: Archives Pierre Cardin

Der Futurismus wird zum Kleid: In Düsseldorf widmet der Kunstpalast dem französischen Modeschöpfer Pierre Cardin eine umfassende Schau.

          4 Min.

          Eine spektakuläre Truppe besetzt den großen Saal im Museum, effektvoll ausgeleuchtet. Manche der Figuren sehen aus wie von einem anderen Stern, noch heute – oder schon wieder, nach ungefähr einem halben Jahrhundert. Denn die weißen Puppen, Frauen und Männer, tragen Modelle des französischen Modeschöpfers Pierre Cardin, vor allem aus den sechziger und siebziger Jahren. Mehr als achtzig seiner Kreationen und Accessoires umfasst die Phalanx, die erste große Schau dieser Art in Deutschland. Es ist eine so spannende wie erhellende Zeitreise zurück in die Zukunft jener Avantgarde, die Cardin zum futuristischen Schneider par excellence gemacht hat, neben ihm nur noch Paco Rabanne oder André Courrèges in Paris. Von einer Revolution in der Mode, im Zusammenspiel mit dem wehenden Zeitgeist, zu sprechen ist schon korrekt.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          „Space Age Fashion“ heißt das Schlagwort, lange bevor der Begriff spacig in die deutsche Sprache fand. Im Jahr 1966 präsentierte Cardin seine „Cosmocorps“-Kollektion in Paris. Die kosmischen Körper hüllte er in bis dahin nicht gesehene Gewandungen, die ihr Vorbild in der damaligen Euphorie für den Outer Space hatten. Die Amerikaner und die Russen waren mit dem Wettlauf ins All beschäftigt, „Apollo11“ wird, es ist bekannt, 1969 zum ersten Mal auf dem Mond landen. Die eher irdischen Ableger waren die ersten Science-Fiction-Serien, allen voran der bis heute nicht enden wollende „Star Trek“ des Raumschiffs Enterprise. In Deutschland bannte, tatsächlich schon 1966, die „Raumpatrouille“-Serie ihre Zuschauer vor dem Fernseher. Und Stanley Kubrick drehte 1968 den ewigen Kultfilm „2001: Odyssee im Weltraum“.

          Fanal des Auf- und Ausbruchs

          Cardin erkannte den historischen Moment für einen Aufbruch in die Zukunft, der unbedingt auch in der Mode gelten sollte, vor allem für die Jugend. Also staffierte er diese Jugend mit Kostümen des Nonkonformismus aus, im androgynen Habitus, in Lack und Leder, mit dramatischem Zubehör, schwarzen Brillen und markanten Kappen. Manches ist knallbunt, alles figurbetont, genauer hauteng, die selbstbewusste Betonung des Sex ist kalkuliert. Schon im Jahr 1966 hatte er – ein absolutes Novum der Branche, die bis dahin nur Damenmode kannte – mit der „Zylinderlinie“ eine Herrenkollektion entworfen: „Da es den Beruf des Männermodels noch nicht gibt“, schreibt Ingeborg Harms in ihrem kenntnisreich amüsanten Katalogbeitrag, „engagiert Cardin 200 Studenten, die seinen kragenlosen, hochgeknöpften Anzug mit seitlich versetztem Reißverschluss und seinen Zylinder-Cordanzug mit Röhrenhose, schmalem Jackett und hohem Armausschnitt paradieren.“ Die Vorstellung hat einen gewissen Charme: Ein paar Jahre vor der Revolte führen Studenten die Phantasien eines Modeschöpfers gleichsam naiv spazieren, der sich von den Beatniks ihrer Generation angezogen fühlte und ein bisschen den Hauch des Existentialismus nachwehen ließ.

          Für seine Entwürfe bekommt Cardin auch prominente Unterstützung. So sind es die Beatles, die 1963 am Anfang ihrer Karriere ein veritables Fashion Statement abliefern und in solchen Zylinder-Anzügen posieren, allerdings vorsichtshalber doch mit Kragenhemd und Binder unterm Jackett. Für die jungen Frauen – und ausdrücklich nur für sie machte er seine Mode – war Cardins Schneiderei durchaus ein Fanal des Auf- und Ausbruchs. Wer in den Sechzigern und Siebzigern die Bedeutung von Mode als Mittel der Selbstdarstellung – und mithin der Provokation – kapiert hatte, wusste, was er an Cardin hatte. Weniger im Blick waren vielleicht seine Hüte, die wie umgedrehte Blumentöpfe, gegebenenfalls mit Schlitzen darin für die Augen, aussahen, oder wie Helme, womöglich mit durchsichtigen Visieren, auf den Köpfen saßen. Vielmehr waren es zum Beispiel die Stiefel, gern ellenlange Overknees aus glänzendem synthetischen Lack, die, vorsichtig formuliert, umstritten waren bei bürgerlichen Müttern.

          Hinzu kamen die überdimensionalen Schmuckgehänge, manche wie Panzer aus Metall und Plastik um Hals und Taille, zu schweigen von der Kürze der Kleider. In Verbindung mit der aufblühenden Pop Art eines Andy Warhol mit ihrer offensiven Liebe zu den banalen Sachen und mit der aufsässigen Musik war das ein explosives Gemisch. Natürlich war die Haute Couture, in der auch Cardins Anfänge lagen, keineswegs zugänglich für alle und jeden. Aber sein unverkennbarer Stil sickerte schnell in die Jugendkultur ein – was schlicht wesentlich daran lag, dass seine anscheinend so simplen Modelle sofort abgekupfert wurden und in preiswerten Kopien schnell überall zu haben waren.

          Visionär einer Ära

          Geboren wurde Pierre Cardin 1922 als Pietro Costante Cardin in der Region Treviso in Italien als jüngstes von elf Kindern. Seine Familie emigrierte 1924 nach Frankreich, sein Aufstieg in der Pariser Modeszene war rasant. Er begann 1946 im Haus von Christian Dior, 1950 begründete er sein eigenes Label mit dem bis heute unverkennbaren, fast altmodisch verschnörkelten Logo. Früh erkannte er seine Chance in der Selbstvermarktung, seine Ideen unter seinem eigenen Namen unter die Leute zu bringen, ehe es eben andere unautorisiert taten. Über den Prêt-à-porter geht er weiter bis zu den Kleidern von der Stange, wie sie in Kaufhäusern zu haben sind. Schnell erkannte er Japan und China als Plätze für sich und seine Firma.

          In den Achtzigern stellt er in Peking seine Uniformen für die Stewardessen und Piloten von „Air China“ vor. Das ist so geschäftstüchtig wie konsequent, hatte er der Welt doch schon in den Sechzigern den „Mao-Look“ geschenkt, der bis heute in Cardins Stehkragenhemden überlebt. Überhaupt weitete er sein Portfolio sukzessive aus, bis zu allen möglichen Gegenständen der Alltäglichkeit, die unter seiner Marke laufen. Noch immer ist er der alleinige Eigentümer seines weltweiten Unternehmens, zu dem schon seit 1981, nur zum Beispiel, das berühmte Lokal „Maxim’s“ in Paris gehört.

          Was ihm seinen Erfolg allererst beschert hat – seine bahnbrechende Intuition in der Mode – ist in der Schau in Düsseldorf zu betrachten. Cardin machte synthetische Stoffe salonfähig, etwa Vinyl oder die nach ihm benannte Chemiefaser „Cardine“, die er sich patentieren ließ; auf ihr lassen sich Prägemuster thermoplastisch formen. Daraus schuf er schräge Muster und baute sie in Minikleider in Trapezform oder A-Linie ohne Nähte ein, kleine architektonische Kunstwerke. Anders huldigte er den, freilich immer sehr schlanken, Leibern mit seinen Bodysuits, abgeleitet vom klassischen Overall, der eigentlich als Arbeitskleidung diente. Für die Frauen erfand er geschlitzte Röckchen dazu, den Männern band er knappe lederne Lendenschurze um. Wirklich praktisch in der Handhabung konnten solche Strampelanzüge für beide Geschlechter nicht sein, aber sie passten ins extravagante Unisex-Konzept.

          Auch das „Triadische Ballett“ lässt da grüßen, wo die Tänzerinnen und Tänzer in ähnlichem Aufzug antraten, darüber mit geometrischen Formen dekoriert. Und ähnlich wie Oskar Schlemmers Figurinen haben die aufwendigen Abendkleider Cardins mitunter applizierte Faltungen oder in den Stoff eingenähte Reifen, so dass ihre Trägerinnen wie Skulpturen daherkommen. Diese Roben bilden in ihrer Grandiosität einen dramatischen Gegensatz zur Klarheit der Schnitte bei den Tageskleidern, selbst dort, wo diese etwa mit effektvoll eingesetzten, asymmetrischen Cut-Outs an Kimonos erinnern.

          Die Kuratorinnen Barbara Til und Maria Zinser haben für ihre „Fashion Futurist“-Ausstellung ein Szenario entwickelt, das Cardins innovativen Geist aufleben lässt – und im gleichen Zug dessen geschichtlicher Gebundenheit nachspürt. Die Schau wird so zum rasanten Zeitdokument, zur Zeitmaschine in eine vergangene Zukunft. Und zum Panoptikum für einen Optimismus, der mit Kunststoffen, die in allen Bonbonfarben quietschten, noch unschuldig Utopien verbinden konnte. Pierre Cardin ist zweifellos ein Visionär dieser Ära.

          Pierre Cardin. Fashion Futurist. Im Kunstpalast, Düsseldorf; bis zum 5. Januar 2020. Der informative und umfassend bebilderte Katalog, im Kerber Verlag, kostet im Museum 39,90 Euro, im Buchhandel 48 Euro.

          Weitere Themen

          Ein filmisches Denkmal für Vergewaltigte

          Kosovo-Krieg : Ein filmisches Denkmal für Vergewaltigte

          „Ich glaube an die heilende Kraft der Leinwand“: Eine Begegnung mit Lendita Zeqiraj, einer Künstlerin aus dem Kosovo, deren Filme von Frauen und der Gewalt gegen sie handeln, vor allem im Krieg.

          Künstler isst 120.000 Dollar teure Banane Video-Seite öffnen

          Festnahme : Künstler isst 120.000 Dollar teure Banane

          Auf der Art Basel in Miami hat ein Performance-Künstler eine an die Wand geklebte Banane aufgegessen, die ein Werk des Italieners Maurizio Cattelan und bereits für einen sechsstelligen Betrag verkauft worden war.

          Topmeldungen

          Das Kohlekraftwerk Mehrum im Landkreis Peine

          Europas „Green Deal“ : EU will bis 2050 Klimaneutralität erreichen

          Am Mittwoch will die neue EU-Kommission ihren „Green Deal“ vorstellen, nach dem Europa bis 2050 klimaneutral werden soll. Voraussetzung ist der Kohleausstieg aller Länder. Für die vom Strukturwandel besonders betroffenen Regionen soll es Übergangshilfen geben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.