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Pierre-Cardin-Ausstellung : Der Weltraum ist offen

Hinzu kamen die überdimensionalen Schmuckgehänge, manche wie Panzer aus Metall und Plastik um Hals und Taille, zu schweigen von der Kürze der Kleider. In Verbindung mit der aufblühenden Pop Art eines Andy Warhol mit ihrer offensiven Liebe zu den banalen Sachen und mit der aufsässigen Musik war das ein explosives Gemisch. Natürlich war die Haute Couture, in der auch Cardins Anfänge lagen, keineswegs zugänglich für alle und jeden. Aber sein unverkennbarer Stil sickerte schnell in die Jugendkultur ein – was schlicht wesentlich daran lag, dass seine anscheinend so simplen Modelle sofort abgekupfert wurden und in preiswerten Kopien schnell überall zu haben waren.

Visionär einer Ära

Geboren wurde Pierre Cardin 1922 als Pietro Costante Cardin in der Region Treviso in Italien als jüngstes von elf Kindern. Seine Familie emigrierte 1924 nach Frankreich, sein Aufstieg in der Pariser Modeszene war rasant. Er begann 1946 im Haus von Christian Dior, 1950 begründete er sein eigenes Label mit dem bis heute unverkennbaren, fast altmodisch verschnörkelten Logo. Früh erkannte er seine Chance in der Selbstvermarktung, seine Ideen unter seinem eigenen Namen unter die Leute zu bringen, ehe es eben andere unautorisiert taten. Über den Prêt-à-porter geht er weiter bis zu den Kleidern von der Stange, wie sie in Kaufhäusern zu haben sind. Schnell erkannte er Japan und China als Plätze für sich und seine Firma.

In den Achtzigern stellt er in Peking seine Uniformen für die Stewardessen und Piloten von „Air China“ vor. Das ist so geschäftstüchtig wie konsequent, hatte er der Welt doch schon in den Sechzigern den „Mao-Look“ geschenkt, der bis heute in Cardins Stehkragenhemden überlebt. Überhaupt weitete er sein Portfolio sukzessive aus, bis zu allen möglichen Gegenständen der Alltäglichkeit, die unter seiner Marke laufen. Noch immer ist er der alleinige Eigentümer seines weltweiten Unternehmens, zu dem schon seit 1981, nur zum Beispiel, das berühmte Lokal „Maxim’s“ in Paris gehört.

Was ihm seinen Erfolg allererst beschert hat – seine bahnbrechende Intuition in der Mode – ist in der Schau in Düsseldorf zu betrachten. Cardin machte synthetische Stoffe salonfähig, etwa Vinyl oder die nach ihm benannte Chemiefaser „Cardine“, die er sich patentieren ließ; auf ihr lassen sich Prägemuster thermoplastisch formen. Daraus schuf er schräge Muster und baute sie in Minikleider in Trapezform oder A-Linie ohne Nähte ein, kleine architektonische Kunstwerke. Anders huldigte er den, freilich immer sehr schlanken, Leibern mit seinen Bodysuits, abgeleitet vom klassischen Overall, der eigentlich als Arbeitskleidung diente. Für die Frauen erfand er geschlitzte Röckchen dazu, den Männern band er knappe lederne Lendenschurze um. Wirklich praktisch in der Handhabung konnten solche Strampelanzüge für beide Geschlechter nicht sein, aber sie passten ins extravagante Unisex-Konzept.

Auch das „Triadische Ballett“ lässt da grüßen, wo die Tänzerinnen und Tänzer in ähnlichem Aufzug antraten, darüber mit geometrischen Formen dekoriert. Und ähnlich wie Oskar Schlemmers Figurinen haben die aufwendigen Abendkleider Cardins mitunter applizierte Faltungen oder in den Stoff eingenähte Reifen, so dass ihre Trägerinnen wie Skulpturen daherkommen. Diese Roben bilden in ihrer Grandiosität einen dramatischen Gegensatz zur Klarheit der Schnitte bei den Tageskleidern, selbst dort, wo diese etwa mit effektvoll eingesetzten, asymmetrischen Cut-Outs an Kimonos erinnern.

Die Kuratorinnen Barbara Til und Maria Zinser haben für ihre „Fashion Futurist“-Ausstellung ein Szenario entwickelt, das Cardins innovativen Geist aufleben lässt – und im gleichen Zug dessen geschichtlicher Gebundenheit nachspürt. Die Schau wird so zum rasanten Zeitdokument, zur Zeitmaschine in eine vergangene Zukunft. Und zum Panoptikum für einen Optimismus, der mit Kunststoffen, die in allen Bonbonfarben quietschten, noch unschuldig Utopien verbinden konnte. Pierre Cardin ist zweifellos ein Visionär dieser Ära.

Pierre Cardin. Fashion Futurist. Im Kunstpalast, Düsseldorf; bis zum 5. Januar 2020. Der informative und umfassend bebilderte Katalog, im Kerber Verlag, kostet im Museum 39,90 Euro, im Buchhandel 48 Euro.

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