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Kunstmuseum Wolfsburg : Ölmalerei in der Dieselmoderne

  • -Aktualisiert am

Ralf Beil, der ehemalige Direktor des Kunstmuseums Wolfsburg, vermutet, dass die Ausstellung „Oil. Schönheit und Schrecken des Erdölzeitalters“ mit seiner Entlassung zu tun haben könnte. Bild: dpa

Museumsdirektoren werden in Deutschland selten entlassen. Wenn doch, hat das oft mit den mächtigen Geldgebern der jeweiligen Institution zu tun. So erging es Ralf Beil als Direktor des Kunstmuseums Wolfsburg.

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          Als deutscher Museumsdirektor kann man sich seiner Anstellung relativ sicher sein. Es gibt eigentlich nur drei Gründe für eine Entlassung: Der- oder diejenige verscherzt es sich heillos mit den altvorderen Mitarbeitern des jeweiligen Musentempels. Chronische Erfolglosigkeit und leere Museumssäle oder geleerte Museumskonten wären ein anderes Argument. Das dritte könnte ein Zerwürfnis mit den oft mächtigen Geldgebern der jeweiligen Institution sein.

          Da man für Ralf Beil, den bisherigen Direktor des Kunstmuseums Wolfsburg mit einem guten Verhältnis zu seinen Kollegen und erfolgreichen Ausstellungen und Einwerbungen in den vergangenen Jahren die ersten beiden Gründe nicht namhaft machen kann, muss es wohl am dritten gelegen haben. Seine Kündigung dieser Tage kam überraschend, sein Vertrag wäre noch bis zum 31. Januar 2020 gelaufen. Dabei ist das Wolfsburger Museum kein Heimatmuseum an der Peripherie; unbestritten zählt es zu den wichtigen Häusern für zeitgenössische Kunst in Deutschland.

          Abhängig von den Zuwendungen einer Automobilfirma

          Ein Kernproblem mag aber sein, dass das Museum keinen eigenen Ankaufsetat besitzt. Es ist abhängig von den Zuwendungen einer Automobilfirma, die in ihrem Namen anzeigt, auf breiter Basis Volkes Wägen herzustellen. Genau genommen ist die gesamte Stadt auf Blech und Öl gebaut. Die Legende will gar, dass noch im späten zwanzigsten Jahrhundert außerwolfsburgische Fahrzeuge ebenso gefühlvoll wie lokalpatriotisch bestimmt mit Schlüsseln oder anderen kratzfähigen Instrumenten gestreichelt wurden. Der geschasste Direktor äußerte nun in mehreren Interviews den Verdacht, dass ausschlaggebend für seine Entlassung eine Meinungsverschiedenheit mit der Stiftung über seine für nächstes Jahr geplante Ausstellung „Oil. Schönheit und Schrecken des Erdölzeitalters“ sein könnte, in deren Vorfeld Beil Ende Oktober auch in einem vorbereitenden Symposion auf Licht- und Schattenseiten unseres Petrozäns hingewiesen hatte.

          Die Verlängerung seines Vertrags war jedenfalls von der Autostiftung wiederholt ohne Angabe von Gründen verschoben worden, ehe ihm schließlich gekündigt wurde. Schlimmer noch: Über Dritte wurde Beil bedeutet, dass man sich vom Museum mehr „Unterstützung“ für den im Abgasskandal ins Kreuzfeuer geratenen Konzern erwartet habe. Völlig unabhängig, ob es nur die unliebe Öl-Ausstellung oder auch andere Meinungsdifferenzen waren, die bei Kunstausstellungen als Reibungsfläche notwendig sind: Schon die Tatsache, dass in den vergangenen Tagen seitens des Konzerns nicht Stellung zu der Entlassung bezogen und damit keinerlei Transparenz über die Entscheidung hergestellt wurde, entspricht der Gutsherrenart, in der manche Abgasvertuscher in den letzten Jahren unzweifelhafte Auswirkungen von Ölverbrennungsmotoren vernebelten.

          Interimistisch übernimmt nun, bevor zum 1. April 2019 der Aachener Ludwig-Forum-Direktor Andreas Beitin kommt, die Geschäftsführung des Kunstmuseums ein Vorstandsmitglied der Kunststiftung Volkswagen. Ein Ausstellungsvorschlag für den Interimsdirektor wäre: „Zero Emission. Ölmalerei in der Dieselmoderne“.

          Stefan Trinks
          Redakteur im Feuilleton.

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