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Zeitgenossen in New York : Gegenwart im Milliardenrausch

  • -Aktualisiert am

Das New Yorker Rekordfieber auf neuem Höchststand: Die Zeitgenossen-Auktionen bei Sotheby’s, Christie’s und Phillips de Pury können niemandem mehr so ganz geheuer sein.

          5 Min.

          Eine Woche der Sensationen und Rekorde. Ein extravagant boomender Kunstmarkt. Ein Gesamtumsatz, der die großen New Yorker Auktionshäuser euphorisch über die Milliardengrenze schweben ließ. Der Reihe nach: Noch bevor auf den Herbstauktionen mit Zeitgenossen das erste Los ausgerufen war, kam bei Christie’s einen ganzen Tag lang Warhol und nur Warhol unter den Hammer. Einlieferin war die „Andy Warhol Foundation for the Visual Arts“, die im September verkündet hatte, fortan nur noch Stipendien zu vergeben und sich darum im Laufe der nächsten Jahre von all ihren Kunstschätzen zu trennen.

          In Form von Siebdrucken, Collagen und Fotografien standen jetzt fürs Erste insgesamt 354 Lose zur Versteigerung an, was der Stiftung mehr als siebzehn Millionen Dollar einbrachte. Aber das war nur ein Klacks im Vergleich zu den wahrlich atemraubenden Beträgen, die dann in den Abendauktionen über die Anzeigetafeln flimmerten.

          Sotheby’s machte den Anfang, und auch da gehörte Warhol zu den Superstars. „Suicide“, ein Einzelsiebdruck, der einen in den Tod springenden Mann zeigt, erzielte mit 14,5 Millionen Dollar (Taxe 6/8 Millionen) einen neuen Auktionsrekord für eine Arbeit Warhols auf Papier, und auch zwei weitere solcher Werke - „The Kiss“ für 8,2 Millionen und „Cagney“ für 5,8 Millionen - ließen die bisherige Rekordmarke von 5,193 Millionen (mit Aufgeld) locker hinter sich.

          Überhaupt war es ein Abend der Rekorde. Nie war mehr bezahlt worden für ein Gemälde von Franz Kline - „Shenandoah“ für 8,25 Millionen Dollar -, Arshile Gorky - „Impatience“ für sechs Millionen - und Robert Motherwell - „Elegy to the Spanish Republic #122“ für 3,2 Millionen. Ein telefonisches Gefecht lieferten sich zwei anonyme Bieter um Jackson Pollocks Drip-Painting „Number 4, 1951“, das mit dem Zuschlag bei 36 Millionen Dollar (Taxe 25/35 Millionen) gleichfalls alle vorhergehenden Auktionspreise des Künstlers übertraf.

          Kein Wunder also, dass nach der Veranstaltung der Auktionator Tobias Meyer, in der Hand ein Glas Weißwein, blendend gelaunt das Resümee zog: „Besser kann es nicht werden.“ Auch Sotheby’s selbst konnte einen Rekord verzeichnen, denn mit dem Gesamtumsatz von mehr als 375 Millionen Dollar war der Abend konkurrenzlos in der gesamten Geschichte des Hauses.

          Aus allen Teilen der Welt seien die Gebote gekommen, so die offizielle Erklärung, und wieder einmal habe es sich bestätigt, dass Qualität sich immer verkaufe - quality sells. Es waren in der Tat marktfrische Werke von auktionserprobten Künstlern, die den sensationellen Erfolg begründeten, gleich von Anfang an, so wie Sotheby’s es raffiniert inszeniert hatte. Nur zum Schluss blieben einige Enttäuschungen und sogar Rückgänge nicht aus: bei Jeff Koons wie Jean-Michel Basquiat und Richard Prince.

          Der atmosphärische Unterschied zu den eher verhaltenen Auktionen der vorigen Woche, als der Verkauf von Impressionismus und Moderne überraschend oft ins Stocken geriet, war allerdings enorm. Schon der brechend volle Saal von Sotheby’s schien die wirklich nicht taufrische, aktuelle Marktmeinung zu bekräftigen, dass derzeit relativ viele Leute mit absolut viel Geld nach attraktiven Anlagemöglichkeiten suchen und Kunst dabei eine immer größere Rolle spielt.

          Wäre so auch zu erklären, wie ein Anleger, womöglich ein unerfahrener Sammler, sich dazu inspirieren lässt, für Mark Rothkos „No.1 (Royal Red and Blue)“ 67 Millionen Dollar - mit Aufgeld schwindelerregende 75,1225 Millionen - hinzublättern. Immerhin blieb dieser Rothko, als Spitzenlos unangefochten und sicherlich ein Klassiker des Abstrakten Expressionismus, unter dem bisherigen Rekord von fast 87 Millionen Dollar, bezahlt im Mai für sein „Orange, Red, Yellow“. So gesehen, hat sich der anonyme Bieter ein Schnäppchen ersteigert.

          Dass auch die alten Auktionshasen kräftig mitsteigerten, führte der Unternehmer, Verleger und Warhol-Gefährte Peter Brant vor, der seine Warhol-Sammlung um „Green Disaster (Green DisasterTwice)“ aufstockte und für die grausige Unfallszene 13,5 Millionen Dollar (Taxe um 12 Millionen) lockermachte. Den Ton aber gaben die Heroen der amerikanischen Nachkriegskunst an, unter denen nur Clyfford Stills „1948-H“, auf fünfzehn bis zwanzig Millionen geschätzt, mit einem Hammerpreis von 8,75 Millionen Dollar enttäuschte. Mithalten konnte Francis

          Bacon, der mit seinem „Unitled (Pope)“, einem seiner ikonischen Päpste, auf 26,5 Millionen (18/25 Millionen) kam, und auch Gerhard Richter ist auf den vorderen Plätzen zu finden, erzielte jedoch mit den 15,5 Millionen für ein „Abstraktes Bild“ nicht ganz den Schätzpreis, der als „oberhalb von sechzehn Millionen Dollar“ angegeben war. Für 3,9 Millionen (3/4 Millionen) fanden Richters „Split“ und die beiden Rückenporträts seiner damaligen Frau Isa Genzken für jeweils drei Millionen (3/4Millionen) ihre Käufer. „Ohne Titel (Silberbild)“, eine großformatige Abstraktion in Goldtönen von Sigmar Polke, stieg mit 3,6 Millionen Dollar weit über die erwarteten 800.000 bis 1,2 Millionen.

          Der Herausforderung, die Sotheby’s mit seiner Rekordauktion bot, zeigte sich Christie’s mehr als gewachsen: Am Ende des Abends war die Traumsumme von 412,2531 Millionen Dollar erreicht - soviel, wie noch nie für Gegenwartskunst in einer einzigen Auktion zusammenkam. Der Markt, versicherte auch Christie’s, begrenze sich nicht auf einige Länder und Regionen, er sei nun endgültig global.

          So fiel der Hammer für einen heißbegehrten Hit wie Warhols multiple, ein bisschen dreidimensional schimmernde „Statue of Liberty“ erst bei 39 Millionen Dollar, und „Marlon“, seine Glorifizierung des lederbejackten Marlon Brando, war dem Kunsthändlerclan um David Nahmad nicht nur 21,5 Millionen Dollar wert, denn Nahmad hätte, wie er nachher sagte, auch vierzig Millionen bezahlt. Jeff Koons - und die Norddeutsche Landesbank, die seine „Tulips“ eingeliefert hatte - durften sich über dreißig Millionen Dollar für die bunte Monumentalplastik freuen: und damit über einen neuen Auktionsrekord für Koons, der damit Gerhard Richter fast vom Thron des teuersten lebenden Künstlers gestoßen hätte.

          Richter, bei Sotheby’s noch bis auf 15,5 Millionen gestiegen, stürzte bei Christie’s zweimal unter großem Geraune im Saal ab: Für „Prag 1883“ war bei 8,8Millionen Dollar Schluss, für „Große Teyde-Landschaft“ bei neun Millionen, beides nicht genug für den Zuschlag. Sein „Abstraktes Bild (779-2)“ brachte dann wieder 13,6 Millionen (12/18 Millionen), seine „Cythera Skizze“ 2,45 Millionen (2/3 Millionen).

          New York schien es darauf abgesehen zu haben, Richters Londoner Sensationsrekord von vor einem Monat für „Abstraktes Bild (809-4)“ mit umgerechnet 34,9 Millionen Dollar (inklusive Aufgeld) einer scharfen Korrektur zu unterziehen und Anbieter, die sich nun einen schnellen Gewinn erhofften, zu vergrämen. Polke, auch er erfolgreich bei Sotheby’s, handelte sich mit seinem Acrylbild „Mexiko“ (1,3/2 Millionen) bei Christies’s ebenfalls einen Rückgang ein.

          Aber das waren Niederlagen, die das Rekordfieber nicht zu drosseln vermochten. Franz Kline übertraf seinen Rekord vom Abend zuvor gleich zweimal: „Untitled“, ein grandios dynamisiertes Großformat von 1957, wechselte für 36Millionen Dollar (20/30 Millionen) den Besitzer, „De Medici“ für 9,8Millionen (5/7 Millionen). Zu den weiteren Rekordlern der Marathonauktion gehörten Basquiat mit einem „Untitled“ von 1981 für 23,5 Millionen, Richard Diebenkorn mit „Ocean Park#48“ für zwölf Millionen, Richard Serra mit „Schulhof’s Curve“ für 2,5Millionen, George Condo mit „The Manhattan Strip Club“ für 1,1 Millionen und Mark Grotjahn mit einem „Untitled“ von 2008 für 3,65Millionen Dollar.

          Gegen eine solche Serie war schwer anzukommen, aber auch am dritten Abend noch hatte Phillips de Pury, wo es dank Simon de Purys franko-amerikanischer Hammertechnik unterhaltsamer als bei der Konkurrenz zugeht, ein paar Highlights zu bieten. Wieder sorgte Warhol für die besten Ergebnisse, mit einem „Mao“ à zwölf Millionen Dollar (12/18 Millionen) und „Nine Jackies“ in Blau, die für elf Millionen (10/15 Millionen) weggingen.

          Basquiat kam dreimal zum Zuge, am einträglichsten mit „Humidity“, einer graffitiesk bearbeiteten Leinwand, die jedoch um drei Millionen Dollar den unteren Schätzpreis von zwölf Millionen verfehlte. Richters Abstraktion „Kegel“ schaffte es, versehen mit einer Garantie, auf elf Millionen (12/18 Millionen). Anselm Kiefers düsteres „Selbstporträt“ von 1995 wurde lediglich mit 450000 Dollar (600.000/ 800.000) bedacht, Rosemarie Trockels „Untitled“-Strickleinwand von 1987 mit respekta-blen 170.000 (150.000/250.000).

          Nur allzu verständlich die Hochstimmung bei Sotheby’s, Christie’s und Phillips de Pury: Über den Milliardenrausch des globalen Kunstmarkts, wie er sich in New York derart unverhohlen manifestierte, gerieten aber nun auch selbst erfahrene Marktteilnehmer ins Grübeln, ob per Twitter oder auf den Gängen der Auktionshäuser.

          Da ging es erwartungsgemäß um die Summen, die Kunst nur noch als Investitionsobjekt, als Spielzeug von Moguln und Magnaten begreifbar machen. Da ging es bisweilen aber auch um die Diskrepanz zwischen der prekären Weltwirtschaft und einer künstlerisch verbrämten Nischenökonomie, die sich ihre eigene, separate Luxusrealität geschaffen hat. Der Rest war Jubel.

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