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Zählt nur die Rendite? : Das Museum ist das neue Casino für Kultursponsoren

Die Firma Eon zieht ein Gemälde von Jackson Pollock aus dem Kunst Palast in Düsseldorf ab und lässt es versteigern. Die einen freuen sich über die Rendite, die anderen verlieren endgültig das Vertrauen.

          5 Min.

          In der Ausstellung „Le Grand Geste! Informel und Abstrakter Expressionismus 1946 bis 1964“, in der die Stiftung Museum Kunst Palast (SMKP) in Düsseldorf 2010 Verbindungen zwischen europäischen und amerikanischen Positionen nachging, hatte sie ihren letzten großen Auftritt: Die „Elegant Lady No. 5“ (1951) von Jackson Pollock, ein Stück aus der Serie „black enamel paintings“ aus demselben Jahr, die gleich nach den monumentalen „Drippings“ entstanden ist und, auch wenn ihr nicht deren bahnbrechende Bedeutung zukommt, mit ihren latenten Kompositionen als exemplarisches Werk gilt. Der einzige Pollock des Museums hatte seinen festen Platz in der ständigen Sammlung und war ein Pfund im internationalen Leihverkehr: Gerade erst war er in der Ausstellung „Jorn&Pollock: Revolutionary Roads“ im Louisiana Museum in Humblebaek zu sehen. Seit mehr als dreißig Jahren ist das Bild, das sich der Maler 1954 von der New Yorker Galeristin Martha Jackson mit jenem Oldsmobile88 Cabriolet bezahlen ließ, mit dem er zwei Jahre später auf Long Island tödlich verunglückt ist, in Düsseldorf zu Hause.

          Andreas Rossmann
          Freier Autor im Feuilleton.

          Doch die Düsseldorfer Tage des Werks sind gezählt. Denn Eigentümer ist nicht das Museum, sondern der Energiekonzerns Eon, der sich zwar, wie er mitteilt, „nur schweren Herzens“ von ihm trennen kann, doch Christie’s beauftragt hat, es zu versteigern: Als eines der Spitzenlose wird es am 13.Mai in der New Yorker Abendauktion für Nachkriegs- und Gegenwartskunst aufgerufen. Der Zeitpunkt ist gut gewählt, und die Aussichten auf ein hervorragendes Ergebnis, der Schätzwert wird mit fünfzehn bis zwanzig Millionen Dollar angegeben, sind günstig: Viele gefälschte Pollocks waren zuletzt im Umlauf, undso sind Werke mit zuverlässiger Provenienz umso gefragter. Der Düsseldorfer Kunsthändler Alfred Schmela hat die „Elegant Lady“, die er Ende der siebziger Jahre von der New Yorker Galerie Knoedler erworben hatte, 1980 an die Veba verkauft. Danach hing sie zwanzig Jahre lang im Düsseldorfer Hauptgebäude des Unternehmens, das 2000 mit der Viag zur Eon fusionierte. Der langjährige und kürzlich verstorbene Vorstandsvorsitzende Ulrich Hartmann, damals Büroleiter seines Vorvorgängers Rudolf Bennigsen-Foerder, hatte sich für die Erwerbung stark gemacht. Er war es auch, der sie 2001 dem benachbarten Museum überließ.

          Eon nimmt Einfluss auf die Inhalte des Museums

          In Düsseldorf ist Eon mit der SMKP nicht nur durch einen eigenen Zugang, sondern auch durch eine „private public partnership“ verbunden, die 1998 gegründet wurde: Das Unternehmen bekam für ein neues Hauptgebäude das Grundstück in bester innenstadtnaher Lage und ließ dafür den benachbarten Museumsflügel, beides nach dem Entwurf von Oswalt Mathias Ungers, in der alten Hülle neu bauen. Die Vereinbarung, dass Eon sich jährlich mit 1,1 Millionen Euro beteiligt, lief bis 2011 und wurde, von Hartmanns Nachfolger, zunächst nur bis 2014 verlängert. Für die folgenden drei Jahre, 2015 bis 2017, wurde sie auf 750 000 Euro gesenkt und macht damit nur gut ein Zehntel des städtischen Zuschusses aus, der 7,2 Millionen Euro beträgt. Dennoch hält Eon vier von vierzehn Sitzen im Kuratorium.

          Auf die inhaltliche Arbeit hat der Konzern, so der frühere Museumsdirektor Jean-Hubert Martin, mehrfach Einfluss zu nehmen versucht: Erst 2012 lieh er der SMKP einen Manager als kaufmännischen Direktor aus, um ihr, wie es hieß, wirtschaftliches Denken beizubringen. Der größte europäische Energiekonzern spürt die Folgen der Energiewende, seit 2011 hat er die Zahl der Beschäftigten von rund 80000 auf 62000 verringert, 2013 hat der Gewinn sich halbiert, doch schreibt Eon – anders als RWE – weiter schwarze Zahlen. Mit dem Verkauf eines wertvollen Kunstwerks werde, so ein Insider, auch auf den Druck von innen reagiert.

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