https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunstmarkt/wie-auktionshaeuser-kunstwerke-pruefen-faelschern-auf-der-spur-18241073.html

Fälschern auf der Spur : Wie prüfen Auktionshäuser Kunst?

  • -Aktualisiert am

Gefälscht: „Rotes Bild mit Pferden“, versteigert 2006 als Werk Heinrich Campendonks, stand im Zentrum des Beltracchi-Skandals. . Bild: dpa

Bei der Prüfung von Kunstwerken ziehen Auktionshäuser vergleichsweise selten Labore hinzu. Dabei können diese Fälschungen mit naturwissenschaftlichen Methoden enttarnen.

          3 Min.

          Einem großen Berliner Auktionshaus wird nach eigener Aussage im Durchschnitt jeden Tag mindestens eine Fälschung auf den Tisch gelegt. Das lässt nicht nur die Menge unechter Objekte erahnen, die in den Markt geschleust werden, sondern bedeutet auch, dass viele Fälschungen von seriösen Händlern erkannt, entlarvt und herausgefiltert werden. Wenn hausinterne Experten die Urheberschaft und somit Echtheit überprüfen, basiert ihr Vorgehen auf materieller Gegenstandssicherung, Provenienzrecherche und vergleichender stilkritischer Analyse. Betrüger liefern ihre Arbeiten jedoch oft kurz vor Annahmeschluss ein. Dann ist womöglich nicht mehr genug Zeit für intensive Untersuchungen und Recherchen. Besonders zeitaufwendig sind Analysen in kunsttechnologischen Laboren. Dort können Fälschungen mit naturwissenschaftlichen Methoden entlarvt werden.

          Solche Analysen werden aber auch bei wertvollen Werken von Auktionshäusern nur selten in Auftrag gegeben, wie Bassenge, Christie’s, Grisebach, Karl & Faber, Ketterer und Van Ham auf Nachfrage bestätigen. Sie beauftragen Labore nur dann, wenn Zweifel an der Echtheit bestehen oder aufgekommene Fragen weder vom Auktionshaus noch von hinzugezogenen Kunsthistorikern und Restauratoren beantwortet werden können. Lediglich Sotheby’s verfügt mit Orion Analytical über ein eigenes großes Labor. Allerdings ist dieses nicht unabhängig. Dass andere Versteigerungshäuser Labore selten hinzuziehen, ist verständlich und erstaunlich zugleich: Die Untersuchungen sind zeitaufwendig und verursachen teils hohe Kosten; gelegentlich erfordern sie überdies einen Eingriff in die Werksubstanz.

          Echt oder nicht? Schon im 19. Jahrhundert zweifelten Sammler, wie Jacques Adrien Lavieilles humoristischer Holzstich „Les Collectioneurs“ von 1840 nach einer Federzeichnung von Paul Gavarni zeigt.
          Echt oder nicht? Schon im 19. Jahrhundert zweifelten Sammler, wie Jacques Adrien Lavieilles humoristischer Holzstich „Les Collectioneurs“ von 1840 nach einer Federzeichnung von Paul Gavarni zeigt. : Bild: Archiv

          In manchen Fällen wäre es jedoch besser gewesen, man hätte den Weg einer Laboranalyse eingeschlagen. Nachdem das Kölner Kunsthaus Lempertz 2006 das Ölgemälde „Rotes Bild mit Pferden“, angeblich 1914 von Heinrich Campendonk gefertigt, für fast 2,9 Millionen Euro versteigert hatte, stellte es sich als Fälschung von Wolfgang Beltracchi heraus. Das Doerner Institut in München und das Labor Art Analysis & Research in London bestätigten, dass das Bild nicht echt sei, da man in der Grundierung und weiteren Malschichten ein Pigment gefunden hatte, dass erst nach dem angeblichen Entstehungsjahr des Werks auf den Markt gekommen war. Außerdem konnten bei den rückseitigen Aufklebern ein historisch falscher Klebstoff und künstliche Alterungsspuren nachgewiesen werden. Lempertz hatte das Bild als Original ausgewiesen, obwohl es keine historische Abbildung und keine belastbaren Beweise für die Herkunft gab. Das Auktionshaus hätte sich viel Geld, den Imageschaden und einen jahrelangen Rechtsstreit sparen können, wenn es das Bild vor der Versteigerung hätte gründlich untersuchen lassen.

          Ausführlichere Untersuchungen wären auch bei den Kollegen vom Auktionshaus Van Ham in Köln angeraten gewesen. Nachdem der Katalog zur Moderne-Auktion erschienen war, zog die Firma im Mai, wenige Tage vor der Versteigerung, drei Bilder aus der Sammlung Hilmar Kopper und sechs Werke aus der Sammlung Gerhard Cromme zurück. Kunsthistoriker und die Polizei hatten darauf aufmerksam gemacht, dass es sich bei den Arbeiten, die unter anderem von den russischen Avantgardisten Wassili Jermilow, Ljubow Popowa oder El Lissitzky stammen sollten, um Fälschungen handeln könnte. In einer Presseerklärung erläuterte das Auktionshaus speziell zu den Werken aus dem Besitz von Gerhard Cromme: „Aufgrund der kurzfristigen Einlieferung vor Drucklegung bei dieser Sammlung blieb Van Ham kaum Zeit zur ausgiebigen Recherche. Van Ham hat sich jedoch auf die Aufnahme in den Katalog eingelassen, da alle Werke eine beeindruckende Ausstellungshistorie aufweisen.“

          Museumsausstellungen, in denen Werke als Leihgaben gezeigt werden, bieten aber keine letzte Sicherheit. Denn kein Museum führt eigenmächtig eine materialtechnische Untersuchung bei einer Leihgabe durch. Außerdem irren sich Museen durchaus auch bei der Frage nach der Echtheit von Leihgaben. Das zeigten sieben Max-Ernst-Fälschungen von Beltracchi, die in mindestens neun internationalen Museen ausgestellt wurden, ohne dass den Kuratoren etwas auffiel. Van Ham gab bezüglich der zurückgezogenen Bilder zu, „dass keines der Werke ohne Abschluss der Recherchen und naturwissenschaftlichen Untersuchungen in den Katalog hätte aufgenommen werden sollen“. Damit hat das Auktionshaus mehr oder weniger offen eingestanden, dass es nicht seiner Sorgfaltspflicht nachgekommen ist. Angesichts solcher Beispiele sollte sich die Erkenntnis durchsetzen, wie wichtig die Arbeit kunsttechnologischer Labore ist, selbst wenn sie Zeit und Geld kostet.

          Weitere Themen

          Schenkung für das Nolde Museum

          Sammlung Gerlinger : Schenkung für das Nolde Museum

          Hermann Gerlinger übergibt 36 Werke seiner bedeutenden Expressionismus-Sammlung dem Nolde Museum. Damit findet wenigstens ein kleiner Teil der großen Kollektion eine museale Bleibe. Der Rest wird versteigert.

          Topmeldungen

          Twitter-Kauf : Elon Musk kapituliert

          Der Tesla-Chef macht eine abrupte Kehrtwende und bietet an, Twitter nun doch zum vereinbarten Preis zu kaufen. Twitter plant den Verkauf an Elon Musk abzuschließen. Damit fällt der Showdown vor Gericht vermutlich aus.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.