https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunstmarkt/weihnachtsauktion-im-wiener-kinsky-17666145.html

Weihnachtsauktion in Wien : Ein Altar zum Fest

  • -Aktualisiert am

Taxe 250.000 bis 500.000 Euro im Kinsky: Der mehr als vier Meter breite Altar des „Schwarzaer Meisters“ von 1479 mit der Muttergottes im Zentrum Bild: imKinsky

Ein eindrucksvoller Schnitzaltar aus Thüringen ist das Spitzenlos der Weihnachtsauktion im Wiener Kinsky. Die Bandbreite der Offerte in sechs Sparten ist groß.

          2 Min.

          In seiner Weihnachtsauktion führt das Wiener Kinsky von 14. bis 17. Dezember Lose aus sechs Sparten ins Rennen: An der Spitze steht ein Thüringer Schnitzaltar von 1479 als Teil der Offerte Antiquitäten. Der auf 250.000 bis 500.000 Euro geschätzte Wandelaltar wurde für die Kirche St. Laurentius zu Schwarza geschaffen. Sein anonymer Schöpfer, der „Schwarzaer Meister“, wird der Saalfelder Schule zugerechnet. Vier Meter breit und einen Meter hoch birgt der Altar als Herzstück eine Muttergottes. Je sechs Heilige flankieren sie. Bis in die Sechzigerjahre des vorigen Jahrhunderts befand er sich im Besitz des Wiener Antiquitätenhändlers Wolfgang Hofstätter.

          Fegefeuer und Brautmode

          Das Highlight der Alten Meister inszeniert das Fegefeuer: Ein Nachfolger Hieronymus Boschs ließ im 16. Jahrhundert die Teufel los, um seinem Gemälde „Limbus. Abstieg Christi in die Unterwelt“ Drastik zu verleihen. Gottes Sohn schwebt in dem Tafelbild neben einem Mühlrad als Folterapparatur. Das Werk gibt sein Marktdebüt mit einer Taxe von 150.000 bis 300.000 Euro. Es soll sich ebenso im Besitz der Grafen Sándor von Szlavnicza befunden haben wie das dicht bevölkerte Tableau „Winter-Karneval mit Eisläufern vor der Kipdorppoort Bastion“. Das Sebastian Vrancx zugeschriebene Werk (100.000/200.000) zeigt buntes Treiben auf einen Antwerpener Kanal. Eine originelle Idee realisierte Jan van Kessel im Kleinformat, als er nach 1650 vor weißem Hintergrund die Buchstaben seiner Signatur aus Schlangen und Raupen formte (70.000/140.000).

          Bei dem 230 Lose starken Angebot des 19. Jahrhunderts spielt Grafik eine wichtige Rolle. Unter den Gemälden sticht das Dreiviertelporträt „Die Braut“ hervor. Ferdinand Waldmüller hat sie 1826 mit seligem Ausdruck in Biedermeier-Mode verewigt (35.000/70.000). In eine vorgerückte Lebensphase führen Carl Spitzwegs vier Rundmedaillons „Erfahrungen eines älteren Mannes“, darunter ein „Mondsüchtiger Zeitungsleser“ (80.000/140.000).

          Mit Rosen geschmückt: Ferdinand Georg Waldmüller, „Eine Braut“, 1826, Öl auf Leinwand, 68,5 mal 55,5 Zentimeter, für 35.000 bis 70.000 Euro im Kinsky
          Mit Rosen geschmückt: Ferdinand Georg Waldmüller, „Eine Braut“, 1826, Öl auf Leinwand, 68,5 mal 55,5 Zentimeter, für 35.000 bis 70.000 Euro im Kinsky : Bild: © Auktionshaus im Kinsky GmbH, Wien

          In der Sektion der klassischen Moderne entzückt ein Mädchenbildnis, das der junge Gustav Klimt mit unschuldig entblößter Schulter gezeichnet hat (25.000/50­­.000). Eine Dekade später entfaltet seine Kreidezeichnung „Schwebender Akt mit ausgebreiteten Armen“ geballte Erotik (60.000/ 120.000). Unter den zehn Losen von Alfons Walde zählt die winterliche „Begegnung“ bäuerlicher Kirchgängerinnen zu den häufigsten Motiven des Kitzbühler Künstlers. Die Szene ist abstrahiert mit Öl und Tempera auf Papier gebannt (100.000/200.000).

          Eine reiche Auswahl bietet die Auktion auch zu Werner Berg: Von dem Kärntner Maler liegt das 1934 entstandene, naiv anmutende Frühwerk „Schrein der unschuldigen Kinder“ (120.000/240.000) vor, für das die Kirche Maria Saal das Vorbild bot. Die resolute „Kirchgeherin“ von 1961 tritt schon in Bergs typisch dunkelblauem Couleur auf (150.000/300.000).

          Heimische Kunstgeschichte

          Atmosphärische Landschaften seiner Heimat bieten „Keusche im Winter“ von 1974 (100.000/200.000) und „Spätwinterabend“ von 1968 (90.000/180.000). Eine beachtliche Wertsteigerung hat die Grazer Tiermalerin Norbertine Bresslern-Roth in den vergangenen Jahren erlebt. Ihr 80 mal 110 Zentimeter großes Gemälde „Schneeleopard“ von 1939 zeigt die gekonnte Wiedergabe der Felltextur und Muster, die durch den grobmaschigen Malgrund Jute noch plastischer wirkt (150.000/250.000).

          Eine farbintensive Abstraktion der Künstlerin Martha Jungwirth, die jüngst mit dem Oskar-Kokoschka-Preis ausgezeichnet wurde, leuchtet bei den Zeitgenossen hervor und ist auf 50.000 bis 100.000 Euro taxiert. Drei ältere Gemälde, etwa „Weidekopf“ (25.000/50.000), lassen die Verdichtung von Jungwirths Stil erkennen. Die Auktion führt mittelpreisig durch die heimische Kunstgeschichte, von Fritz Wotrubas kubischer Bronzeskulptur „Hockender“ von 1951 (35.000/70.000) über Hermann Nitschs rotbeschmiertem „Hemd“ (12.000/24.000) bis zu Plakatentwürfen von Franz West (10.000/20.000).

          Weitere Themen

          Zuwendung, nicht Verhöhnung

          Ultraschall-Festival Berlin : Zuwendung, nicht Verhöhnung

          Was macht neue Musik, wenn ihre Materialdiskussionen keine Maus mehr hinterm Ofen hervorlocken? Sie lädt liebevoll zum Spiel ein. Das war beim Festival Ultraschall Berlin zu beobachten.

          Skulpturen auf Bleistiftspitzen Video-Seite öffnen

          Kunstwerke in XXS : Skulpturen auf Bleistiftspitzen

          Der bosnische Künstler und Bildhauer Jasenko Đorđević schafft es, unglaublich winzige und dennoch detailreiche Skulpturen aus Bleistiftminen zu erschaffen. Seine Miniaturkunst zeigt er in Ausstellungen in ganz Europa.

          Topmeldungen

          Ricarda Lang im Paul-Löbe-Haus in Berlin

          Ricarda Lang im Porträt : Der neue Habeck

          Ricarda Lang will Chefin der Grünen werden – mit gerade mal 28 Jahren. Sie muss die Partei zusammenhalten, wenn die Ampel-Kompromisse weh tun. Leicht wird das nicht.