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Kunstmäzen versteigert Werke : Mit einer Leidenschaft, wie sie die Renaissance kannte

Thomas Olbricht, einer der bedeutenden europäischen Sammler, trennt sich von fünfhundert seiner Werke in einer Auktion. Das bedeutet natürlich nicht, dass er aufhört.

          2 Min.

          Anfang Mai wurde bekannt, dass Thomas Olbricht nach zehn Jahren seine Räume in Berlin-Mitte schließt, den „me Collectors Room“, wo er Teile seiner ständig weiterwachsenden Kollektion gezeigt hatte – und im oberen Stock eine einzigartige Wunderkammer einrichtete. Dort kombinierte er deren klassisches Inventar, eben staunenswerte Dinge aus Kunst, Wissenschaft und fremder Welt, mit Werken zeitgenössischer Künstler, wie Kuckuckseier dazwischen. Es ist eine Leidenschaft aus der Renaissance, die Olbricht so in unsere Aktualität geholt hat. Jetzt aber trennt er sich von einem großen Teil. Unter dem Titel „From a Universal Collector – The Olbricht Collection“ werden etwa fünfhundert Lose zum Aufruf kommen. Das sind zwanzig Prozent an Stücken dieser einzigartigen Sammlung mit Kunst und – das ist so speziell daran – Objekten von rarer Kunstfertigkeit aus Phantasiewelten. Diese Verschlankung seiner in mehr als dreißig Jahren akkumulierten Schätze hängt mit Thomas Olbrichts Umzug zurück nach Essen zusammen.

          Rose-Maria Gropp
          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Dass er Berlin verlässt, hat entgegen anderslautenden Vermutungen nicht mit dem vielfach diagnostizierten Kunst-Exodus von dort zu tun, für den der geplante Abzug der Flick-Sammlung aus dem Hamburger Bahnhof stehen kann oder der, wenigstens angedrohte, Weggang der Stoscheck Collection. Und es ist zu betonen, dass sich Olbricht mit seinem großzügigen privaten Museum und Ausstellungsquartier nie auf öffentliche Gelder gestützt, sondern die aufwendigen Unterhaltskosten stets selbst bestritten hat.

          Der Fokus wird sich verändern

          Das „me“ vor dem „Collectors Room“ – das sich umstandslos auch als Ausdruck persönlichen Gestaltungswillens verstehen ließ – bedeutete „Moving Energies“. So hieß auch die Abschiedsshow, die kurz nach der Eröffnung im März wegen der Pandemie wieder geschlossen werden musste. Solche Energieströme haben Olbricht nun wieder ins Ruhrgebiet gelenkt, den Umzug der Wunderkammer inklusive. In Essen ist die Olbricht Stiftung bereits in der Förderung kultureller Bildung besonders für Kinder und Jugendliche engagiert, und für das Folkwang Museum, das über diesen Mäzen glücklich sein darf, ist ein „Artist in Residence“-Programm geplant.

          Ausgesucht für die Versteigerung hat Olbricht vor allem Arbeiten der zeitgenössischen Kunst, aber auch der Klassischen Moderne, etwa Blätter von Ernst Ludwig Kirchner, und eben Wunderkammer-Stücke sind im Angebot. Zu denen zählen das mehr als dreißig Zentimeter hohe Ei eines Aepyornis maximus oder ein Stethoskop aus Elfenbein, wie es im neunzehnten Jahrhundert zum Einsatz kam. Am höchsten eingeschätzt wird ein typisches starkfarbiges Gemälde von George Condo, „Screaming Couple“, mit 300.000 bis 500.000 Euro. Sehr attraktiv ist eine platzgreifend kreisrunde Neoninstallation von John M. Armleder, für die 80.000 bis 120.000 Euro erwartet werden. Unter weiteren derzeit begehrten Zeitgenossen sind Daniel Richter oder William Copley vertreten, Vanessa Beecroft und Matthew Barney, zwei Arbeiten von Cindy Sherman und eines der verwirrenden Emaille-Gemälde von Marilyn Minter, das bei 80.000 bis 100.000 Euro liegt.

          Olbricht, Jahrgang 1948, habilitierter Mediziner und Chemiker, Angehöriger der Wella-Dynastie, wird natürlich nicht aufhören mit dem Sammeln. Seine klare Antwort lautet auf Nachfrage: „Leidenschaftliches Sammeln endet nie.“ Und er sagt: „Es wird nicht aufhören, aber der Fokus wird sich verändern.“ Die Richtung will er nicht konkretisieren. Die Passionen eines Universalsammlers sind eben mannigfach. Die ausgewählten Lose der Olbricht Collection kommen am 26. September beim Auktionshaus Van Ham in Köln zum Aufruf. Die Zerstreuung der Werke wird die Liebhaber auf den Plan rufen.

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