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Warhol-Verkauf in NRW : Kunst und Kasino

Das Land Nordrhein-Westfalen will in der nächsten Woche zwei Warhol-Bilder in New York zu Geld machen. Das ist ein Skandal, hinter dem sich ein Werteverfall ohne Beispiel verbirgt.

          Wir in Nordrhein-Westfalen haben die vielfältigste Kulturlandschaft Europas“ ist ein Satz, der Hannelore Kraft flüssig über die Lippen geht. Wobei sie statt „vielfältigste“ auch „dichteste“ oder „reichste“ und statt „Kultur“, je nach Gelegenheit, auch „Theater“, „Museum“ oder „Orchester“ sagen kann. Der Anzahl der Einrichtungen nach mag das stimmen, doch ist es nicht so, dass die Ministerpräsidentin ein Verdienst daran hätte. In Nordrhein-Westfalen fällt die Kultur, das hat historische Gründe, in die Verantwortung der Kommunen, die nah beieinanderliegen; zehn der zwanzig größten deutschen Städte befinden sich im bevölkerungsreichsten Bundesland. Der Kulturhaushalt des Landes ist, mit rund zweihundert Millionen Euro, überaus bescheiden.

          Hannelore Kraft hängt sich diese Wortgirlande um wie eine Halskette. Kultur ist für sie dann Schmuck, wie sie das für die Ministerin ihres Kabinetts ist, die in ihrem Ressort neben Familie, Kinder, Jugend und Sport auch die Kultur verwaltet, als fünftes Rad am Wagen. Schmuck lässt sich an- und ablegen, und ganz ähnlich wird hier mit der Kultur und zumal der Kunst umgegangen: Sie wird ein- und ausgesetzt, wie es gerade passt. Für die rot-grüne Landesregierung kann Kultur vieles sein, Standortfaktor, Stadtentwicklungsimpuls, Repräsentation, Touristenattraktion, Integrationsmedium oder, derzeit besonders angesagt, Thema der kulturellen Bildung. Nur eines darf die Kunst nicht sein: sie selbst, ein Wert sui generis.

          Mäzene, Stadtväter und Gewerkschafter

          Kultur als Alibi, das ist (nicht nur) in Nordrhein-Westfalen herrschende politische Praxis. Das 1946 gegründete Bundesland hat sich in seiner jungen Geschichte früh über Arbeit definiert, sein Kern, das Ruhrgebiet, war der Motor des Wirtschaftswunders. Das „größte Industrierevier Europas“ war stolz auf seine Leistungskraft, und diese Mentalität lebt, auch nachdem die Arbeit weniger geworden ist, fort. Zwar gab es weitblickende Unternehmer und Mäzene, Stadtväter und Gewerkschafter, die bemerkenswerte Kunstorte gründeten - wie das Grillo-Theater, das Museum Folkwang, das Schauspielhaus Bochum oder die Ruhrfestspiele -, doch diese wurden der Arbeit nachgeordnet und nicht als unabhängige Größen wahrgenommen. Dass die Kunst, vorderhand betrachtet, keinen Nutzen bringt, aber auf ihre Weise für die Gesellschaft produktiv ist, macht sie unberechenbar. So wird sie zweckrationalistisch korrumpiert und notfalls für entbehrlich gehalten - wie das Fach Latein oder der Musikunterricht.

          Mit dem lange vorbereiteten Plan, zwei hochkarätige Bilder von Andy Warhol, „Triple Elvis“ und „Four Marlons“, aus dem Besitz der Westspiel GmbH, einer Tochter der landeseigenen NRW Bank, bei Christie’s in New York zu versteigern, erfährt diese Indienstnahme eine schnöde Konsequenz. Die Kunst wird auf ihren Marktwert reduziert, der - die Gelegenheit ist günstig - hundert Millionen Euro betragen soll, und dem allerprofansten Nutzen zugeführt: Sie wird zur Verfügungsmasse, um Haushaltslöcher zu stopfen. Mit dem Erlös soll das defizitäre Kasino in Aachen saniert, in Köln eine neue Spielbank gebaut und, so etwas übrig bleibt, die Landeskasse entlastet werden.

          Ein falsches Signal an die klammen Städte

          Dass die öffentliche Hand zwei Werke von Weltrang als Spekulationsobjekte freigibt, bedeutet einen Tabubruch. Ihr Vorgehen missachtet internationale Konventionen und ist ein Affront gegenüber dem ersten Kunstmäzen des Landes, dem Aachener Unternehmer Peter Ludwig, mit Bezug zu dessen Pop-Art-Sammlung die Warhols für das Spielkasino angekauft wurden. Darüber hinaus setzt er ein falsches Signal an die klammen Städte, von denen viele ihre Schatzhäuser am Existenzminimum fahren und sich in den kommunalpolitischen Verteilungskämpfen mit ähnlichen Vorschlägen konfrontiert sehen. So sollte 2006 in Krefeld ein Gemälde von Monet verkauft, 2010 in Mülheim an der Ruhr das Kunstmuseum abgewickelt werden, und in Essen gab es gerade Überlegungen, die Sammlung des Museums Folkwang höher zu bewerten, um das Eigenkapital der Stadt zu stärken - Bilanzkosmetik.

          Der Veräußerungsgewinn offenbart einen Werteverfall, der in der Bundesrepublik ohne Präzedens ist. Doch es gibt Vorbilder: Von 1966 bis zum Mauerfall hat der DDR-Unterhändler Alexander Schalck-Golodkowski durch gezielte Aufkäufe privater Sammlungen, aber auch durch Entnahme aus öffentlichen Museen zahlreiche Kunstwerke im Auftrag des SED-Regimes in die Bundesrepublik und das westliche Ausland verscherbelt, um dem maroden Staat Devisen zu beschaffen. Dass man diese schäbige Praxis nachahmt, macht das Geschäft mit Christie’s zum Skandal, der „die vielfältigste Kulturlandschaft Europas“ und Hannelore Kraft blamiert. Der befürchtete Dammbruch ist schon absehbar: Hatte es zunächst geheißen, Westspiel wolle keine weiteren Werke verkaufen, wird inzwischen laut darüber nachgedacht, auch Bilder aus der Sammlung der früheren West LB und der Schausammlung „Kunst aus NRW“ in der ehemaligen Reichsabtei Kornelimünster zu versilbern. Die Büchse der Pandora ist geöffnet. Kunst im Besitz des Landes, mit Steuergeldern angeschafft und Eigentum der Bürger, ist nicht mehr sicher.

          Andreas Rossmann

          Redakteur im Feuilleton.

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