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Ware als Kunst : Die Welt als Supermarkt

Die ökonomische Krise wirft ihre Schatten bis in die Kunstwerke hinein: Konsum-Orte wie die pleitegegangenen Schlecker-Märkte sind zu einem zentralen Motiv der Gegenwartskunst geworden.

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          Diese Geschichte muss man mit einem Objekt beginnen, das erstmals vor genau fünfundsiebzig Jahren auftauchte: 1937 erfand Sylvan Goldman, Besitzer des Humpty-Dumpty-Supermarkts in Oklahoma City, den Einkaufswagen, der damals nichts weiter war als ein umoperierter Gartenstuhl: Unter die Beine hatte Goldman vier Räder geschraubt, auf die Sitzfläche hatte er einen Korb gesetzt, der größer war als alle Körbe, die die Kunden hätten tragen können: So konnten sie größere Mengen kaufen als je zuvor.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Goldmans Erfindung war die folgenreichste Zweckentfremdung eines Stuhls in der Geschichte der Einrichtungsgegenstände. Sie war das, was die Einführung von Feuerwaffen für die Büffeljäger in der Prärie war: Jetzt wurde nicht mehr besorgt, was gebraucht wurde, sondern was maximal zu besorgen war - und das war mehr, als gebraucht wurde. Der Einkaufswagen war - als Verkleinerung und Fortsetzung des Autos, mit dem man aus den neuen Suburbias zum Supermarkt fuhr, statt zu Fuß zum Kolonialwarenladen und zum Fleischer zu wandern - das Fanal einer neuen Zeit.

          Im Jahr 1940 meldete Goldman den Einkaufswagen zum Patent an, 1946 erfand Orla E.Watson dann in Kansas City das telescoping shopping cart, den platzsparend ineinander schiebbaren Wagen, ohne den der Aufstieg des Supermarkts nicht denkbar wäre. Die Verwandlung eines Möbelstücks, das dem Verweilen dient, in ein berädertes Objekt für den Konsum hat immer wieder auch Künstler beschäftigt: Sylvie Fleury stellte acht vergoldete Einkaufswagen als Skulpturen aus, in Guillaume Bijls Installation „Neuer Supermarkt“ tauchten die Wagen als Teil eines ganzen Marktes auf, und der Berliner Künstler Christian Jakowski jagte bei einer Performance wie ein in die Moderne zurückgekehrtes archaisches Albgespenst mit Pfeil und Bogen Produkte in einem Supermarkt und zerrte seine Beute in den Einkaufswagen. Auch die Frankfurter Ausstellung „Shopping“ zeigte im Jahr 2002 den Einkaufswagen als Inkunabel der Konsumkultur.

          Deren Tempel, die Discount- und Supermärkte, haben Künstler seit der Pop Art meist auf eine zwiespältige Art interessiert: Architekten wie Claude Parent haben Anfang der siebziger Jahre Supermärkte gebaut, die an minimalistische Betonskulpturen erinnerten, Künstler wie Andreas Gursky haben mit Fotografien wie „99Cent“ die seriellen Massenprodukte der Supermarktwelt ästhetisiert und zu Landschaftsbildern der Konsumkultur gemacht. Stets liegt in diesen Bildern eine Faszination für die Schönheit der Serialität - Gurskys Foto zelebrierte das Massenprodukt so, wie es die Pop-Art mit den seriellen Dosenbildern und Brilloboxen getan hatte.

          Zwischen Warhols Produktimitaten und Serienbildern und Gurskys Fotos liegen die goldenen Jahrzehnte einer consumer culture, die trotz zyklischer Krisen von stetiger Expansion und Rationalisierung geprägt war. Es entstand in der Supermarktarchitektur eine Ästhetik des Billigen, die als Versprechen wirken sollte: grelles Neonlicht, billige weiße Kacheln, klapprige Regale und große Preisschilder vermittelten den Eindruck, das hier auf allen Ebenen gespart werde im Dienst billiger Produkte. Mahagoni-Imitat oder Terrakottafußböden hätten, so die Annahme der Supermarktgestalter, auf das preisbewusste Publikum verdächtig bis abschreckend gewirkt.

          Aber die ökonomische Krise, die seit 2008 in immer engeren Zyklen ihre Opfer fordert, ist auch zur Krise der Ästhetik des Billigprodukts geworden - was auch die Drogeriekette Schlecker zu spüren bekam. Ihre Insolvenz hinterlässt Löcher in der Geographie des Billigkonsums: Mit der angekündigten Entlassung von 13.200 Beschäftigten begann auch der Ausverkauf der 2800 deutschen Filialen.

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