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Ware als Kunst : Die Welt als Supermarkt

Eine dieser Filialen taucht nun als Ready-Made in der Kunst wieder auf: In der Berliner Galerie Crone hat die Künstlergruppe FORT noch bis zum 20.Oktober die Originaleinrichtung einer Filiale wieder aufgebaut - mit Einkaufswagen, Zigarettenkäfig und dem Kassenhäuschen, das, im White Cube wie auf dem Seziertisch freigestellt, die Perversität des Systems offenbart. Weil man bei Schlecker nicht nur an orthopädisch verantwortbaren Stühlen für die Kassiererinnen sparte, sondern auch an Heizungen, musste eine Miniaturheizung hinter dem Sitz für die in ihrer Halbkabine eingeklemmte Kassiererin reichen. Der einzige Ton, den man hier hört, ist das monotone Rattern der Registrierkasse, deren letzter Bon auf den 29.August datiert: ein Requiem auf die Billigserien der Populärkultur.

Menschen, die nicht um das Drama der Schlecker-Pleite wissen, könnten die perforierten, in Stahlträger eingehängten Stellwände auf den ersten Blick für eine minimalistische Skulptur oder die Miniatur eines rationalistischen Fabrikgebäudes der sechziger Jahre halten - wie es tatsächlich ein Vorbild für die Stellwandarchitektur von Schlecker war. Die ästhetischen Versprechen einer rationalisierten, reduzierten, in Serienfertigung gegangenen Moderne, die in der Minimal Art einen Reflex fanden, tauchen hier als Perversion wieder auf.

Zwischen den leeren Regalen betritt man eine Welt des Wahnsinns: Schlecker, der Firmenbesitzer, hat die Regalsysteme und Sonderangebotswagen alle selbst entworfen, die Drogeriemärkte waren ein dystopisches Gesamtkunstwerk. Die stark verschmutzten Rückseiten, an denen Staubflusen und klebriger Dreck prangen, stehen in der Galerie frei - der Billigkapitalismus hat hier seinen Dorian-Gray-Moment: Die hässliche Fratze wird sichtbar, das Rattern der Kasse zur psychotischen Melodie, ein scharfer Geruch von aggressiven Billigreinigern, die sichtbar einige Regalteile verätzt haben, hängt in dieser Luft. Die Installation ist die Ruinenlandschaft des ökonomisch und sozial kollabierenden Discountsystems.

Fast zeitgleich mit FORT hat Thomas Demand dem Schlecker-Kollaps und seinen Überresten eine Serie von Rekonstruktionen gewidmet. Seine Bilder sind eine Archäologie der Billigkultur: Da hängen die das Kundenauge anschreienden orangefarbenen Preisschildumrandungen entleert an den aus weich glänzendem abwaschbarem Plastik gefertigten Regalkanten, dahinter erhebt sich die von Schlecker erfundene Löcherwand, und sofort stellt sich die Atmosphäre der klinisch im Neonlicht liegenden, nach scharfen Reinigern riechenden Läden ein.

Die Werke, die das Ende von Schlecker reflektieren, markieren auch einen Wandel im Zugriff der Kunst auf das Thema Konsumkultur. Hielten sich bei Gursky noch Schrecken der Endlosbilligserien und Faszination am Massenornament die Waage, zeigen die Schlecker-Werke den Einkaufsmarkt als pathologischen Ort: Als sisyphushafte Strafanlage bei FORT, als pervertierte Kaufklinik bei Demand. Gurskys Galerie hat übrigens den Abdruck des Werks „99 Cent“ verweigert. Warum? In jedem Fall kann man feststellen, dass die Kameraperspektive von „99 Cent“ in seinem Werk nicht mehr aktuell ist. Auch sie hat sich mit Gurskys Aufstieg zum erfolgreichsten Fotografen der Welt verändert - von der eines Fußgängers in „Rhein“ über die des Formel-1-Bosses in den Rennstreckenbildern zu der Gottes, der aus dem All auf die Welt schaut. Gurskys Kollegen wählen die gegenteilige Herangehensweise: die extreme Nah- und Untersicht, um die Mechanismen eines ästhetischen Systems sichtbar zu machen.

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