https://www.faz.net/-gqz-9k4d8

Wanda Pratschke : Die Liebe zu den Volumina

Wanda Pratschke, Vier Frauen, 1989, Bronze, 4 Exemplare+1 HC Bild: Atelier / Galerie Hanna Bekker vom Rath

In der Galerie Hanna Bekker vom Rath in Frankfurt sind Wanda Pratschkes starke Frauen zu besichtigen

          Sie heißt „Schöne“, schlicht und den Raum um sich herum ergreifend. Dabei ist sie versunken in sich selbst und ihre Gedanken, die sie umschließt mit ihrem von allen Seiten runden Körper; kauernd, kraftvoll versammelt.

          Heldin, 2016, Bronze, weiße Ölfarbe, 105 x 20 x 18 cm, Ex 8+2 HC

          Wanda Pratschke hat die 120 Zentimeter hohe Bronze im Jahr 2001 modelliert, ein Inbild weiblicher Anwesenheit, die sich ihrer selbst gewiss ist. In der Galerie Hanna Bekker vom Rath ist die „Schöne“, von den Dimensionen her, das größte Werk der 1939 in Berlin geborenen Bildhauerin, die in Frankfurt lebt und arbeitet. Dort stehen auch – kerzengrade aufgerichtet und mit verschränkten Armen oberhalb der Brüste – zwei, je gut einen Meter hohe „Heldinnen“ von 2016. Sie tragen die Spuren der Bearbeitung ihrer ursprünglichen Gestalt auf der bronzenen Haut, und die Künstlerin hat sie bemalt, eine schwarz, eine weiß, mit goldenen Farbsprenkeln gehöht (Auflage je 8+1 HC; 14.000 Euro).

          Die Modelle von Wanda Pratschke sind stets Frauen, und sie beginnt ihre Arbeit immer vor dem lebenden Modell. Sie bildet die Formen in Gips nach, bis sich eine, gewissermaßen überzeitliche Figur daraus entwickelt hat. Dabei geht es ihr um die Volumina des weiblichen Körpers, in ihren Verhältnissen zueinander, und deren Proportionen entsprechen keinesfalls gängigen Normierungen; sie sind vielmehr von eindrucksvoller Autonomie.

          Klein und trotzdem monumental

          Die Suche nach Anregungen für die Werke der Künstlerin führt zuerst in die Nähe von August Rodin – ihre große „Schöne“ erinnert in der Haltung besonders von Kopf und linker Hand sogar ein wenig an dessen „Denker“. Dann ist da Aristide Maillol, und es gibt einige Anklänge an Henry Moore. Das nimmt Wanda Pratschke aber nichts von ihrer Originalität, die zugleich ihren klaren Wiedererkennungswert über Jahrzehnte hin ausmacht. Manche mutmaßen, dass ihre Schöpfungen, vor allem die Tektonik ihrer fülligen Leiber, einen weiblichen Blick anzeigen.

          Jedenfalls hält sie seit nun vierzig Jahren fest an den Frauen in ihren Arbeiten, darunter die Bronzen, die auch ganz klein sein können; doch auf eine überzeugende Weise sind sie immer – monumental: wie eine schwarz patinierte, nur 35 Zentimeter hohe „Unbesiegte“ von 2010, die ihren Kopf in den Nacken zu werfen scheint, halb ausgestreckt liegend in ihren schwellenden Formen (Auflage 8+2 HC; 12.000 Euro). Im Frankfurter Außenraum zeigen die Skulpturen starke Präsenz: So steht in den Wallanlagen eine 220 Zentimeter hohe „Betty“, eine Wächterin vielleicht, wie eine jüngere Schwester archaischer Göttinnen. Und am Flughafen im Terminal II sind ein Guss eben der „Schönen“ anzutreffen und eine kleinformatige Gruppe von „Vier Frauen“ mit glatten Leibern, die auf ihrem Sockel einander zugewendet im Schneidersitz hocken, als heckten sie miteinander etwas aus.

          In der Galerie ist jetzt eine ganze Truppe dieser weiblichen Idole versammelt. Hinzugekommen sind in jüngerer Zeit Fragmente von Körpern, die in jedem Sinn für sich allein stehen können: Ein einzelnes bronzenes Bein balanciert, 55 Zentimeter hoch, auf seinem halben Fuß und auf seinem Podest, das mit ihm aus einem Guss ist (Auflage 8+2 HC; 4200 Euro). Oder die Finger einer nach oben gestreckten Hand mit halbem Unterarm, noch etwas größer als das Bein, umgreifen einen Granatapfel. Es gibt sie als „Rote Hand“, gleich scheint die Frucht explodieren zu wollen (Auflage 10+2 HC; 7500 Euro).

          Im Kunstverein Familie Montez in Frankfurt eröffnet am 26.Februar eine Ausstellung mit ihren Bronzen, Gipsen und Zeichnungen. Das geschieht zur Feier von Wanda Pratschkes achtzigstem Geburtstag am 25.Februar – zu dem auch wir gratulieren. (In der Galerie Hanna Bekker vom Rath bis zum 23.März. Das Katalogbuch „Wanda Pratschke. Form Sinn Sinnlichkeit. Bronzen, Gipsarbeiten und Zeichnungen“ kostet 25 Euro.)

          Weitere Themen

          Hoffnung im Angesicht der Apokalypse Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Endzeit“ : Hoffnung im Angesicht der Apokalypse

          Blutverschmierte Münder, abgehackte Gliedmaßen und Non-Stop-Action – so kennt man als geneigter Zuschauer das Zombiefilm-Genre. Wie sich der deutsche Film „Endzeit“ dagegen abhebt und warum man gerade als Nicht-Zombie-Fan den Gang ins Kino wagen sollte, erklärt F.A.Z.-Redakteur Andreas Platthaus.

          Topmeldungen

          Ziel geopolitischer Interessen : Die Tragödie der Arktis

          Je schneller das Eis in der Arktis schmilzt, desto größer werden die konkurrierenden Begehrlichkeiten. Man kann an diesem Theater ablesen, wie sich die politischen Interessen verschoben haben.

          Ringen um den Brexit-Deal : Macron erwartet von Johnson neue Erklärungen

          Berlin und London haben im Streit über den britischen EU-Austritt Gesprächsbereitschaft signalisiert. Für Frankreich sei eine Neuverhandlung des EU-Austritts auf der Grundlage der bisherigen Vorschläge von Johnson jedoch „keine Option“, sagt Macron.

          TV-Kritik: „Maischberger“ : Gedächtnisschwäche und Meinungsbildung

          Grönland-Debatte, Fleischkonsum oder Greta Thunberg: Schaffen die Medien unsere Wirklichkeit, oder bilden sie diese nur ab? Das war das eigentliche Thema dieses Abends, der an fast vergessene Ereignisse der letzten Wochen erinnerte.
          Glück im Spiel, Pech an der Börse? Gamer auf der Gamescom in Köln

          Gamescom : Gamer haben an der Börse keinen Spaß

          Das vergangene Jahr war für viele Entwicklerfirmen ein schlechtes Jahr. Das lag vor allem an einem Spiel. Warum Analysten trotzdem weiterhin auf die Gaming-Papiere setzen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.