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Wagneriana im Antiquariat : Die Wahrheit

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Über den ganzen Richard Wagner kann man im aktuellen Katalog des Stuttgarter Antiquariats Drüner lesen – vom gezielten Selbstdarsteller bis zum erfindungsreichen Komponisten.

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          Der alte Musiker-Kalauer „je preiser gekrönt, desto durcher gefallen“ ist zwar in seinem hämischen Ressentiment nicht eben sympathisch, taugt aber als Übertragung auf andere Bereiche des Kulturbetriebs, etwa die großen Jubiläen, runden Geburts- und Todestage. Ein Beispiel lieferten die Mozart-Jahre 1991 und 2006. Tauchten beim ersten immerhin noch kritische Gedanken zu Werk und Rezeption auf, die dadurch belebt wurde, so rotierte danach hauptsächlich die Hagiographie-Maschine – mit der Folge, dass manche Werkbereiche nur noch arg ausgedünnt im Konzert-Repertoire erscheinen: Der Overkill schlug in eine Art Katzenjammer um.

          Nun tost das Wagner-Jahr; ob es ähnliche Ernüchterung beschert, bleibt abzuwarten. Doch in der unüberschaubaren Fülle der Publikationen ergeben sich polare Tendenzen, wobei die apologetisch-hymnischen überwiegen – nicht zuletzt bei einigen Berufs-Wagnerianern wie Dieter Borchmeyer oder Udo Bermbach, die entweder gebannt durch die Suggestion der Musikdramen oder fokussiert auf manch utopisch-sozialrevolutionäre Tendenzen, dazu neigen, Wagners Fatalitäten, seinen aggressiven Antisemitismus zumal, herunterzuspielen. Auf diesem wiederum beharren Autoren wie Gottfried Wagner, vor allem Hartmut Zelinsky, auch Jens Malte Fischer, die in Wagners völkisch-rassistischen Tiraden nicht nur Marginalien zum grandiosen Werk, sondern ideologische Vorboten der Judenfeindschaft, ja -vernichtung sehen. Die Konfliktwunde will sich nicht schließen.

          Den Widerstreit zwischen ästhetischer Faszination und politisch-moralischer Kritik mag eine Alban Berg zugeschriebene Äußerung, von Adorno bestätigt, belegen. Auf die Vorwürfe eines jüngeren Musikers gegen Wagners „schlechten Charakter“, seine unsäglichen Texte und monströsen Opern soll er nur geseufzt haben: „Sie haben es gut, Sie sind kein Komponist.“ Kommt man aus solch ethisch-ästhetischem Dilemma schon nicht so leicht heraus, so ist es immerhin wichtig, das Bewusstsein der Ambivalenz zu wahren.

          Ebendiese findet sich vorzüglich dokumentiert im aufwendigen Katalogband des Stuttgarter Antiquariats Drüner, dem ein zweiter, dem anderen Jubilar, Verdi, gewidmeter, folgen soll. Nun ist Ulrich Drüner nicht nur Antiquar, sondern hat lange als Bratschist im Stuttgarter Staatsorchester viel Wagner gespielt: Als Musiker weiß er also, wovon er bei dem von ihm verehrten Komponisten redet, über den er aber auch Kritisches publiziert hat. Insofern werden seine überaus zahlreichen Wagneriana keineswegs als Devotionalien-Sammelsurium aufgelistet, sondern zunächst chronologisch angeordnet: von den Anfängen und Jugendwerken bis zu Spätphase und „Parsifal“ – darüber hinaus die Rezeptionsgeschichte von Wagners Tod bis in die Ära Wieland Wagner.

          Besonderes Gewicht erhält die Kollektion durch keineswegs wenige un- oder kaum bekannte Dokumente, die zum Teil überaus kenntnisreich präsentiert und vor allem kommentiert werden. In dieser Hinsicht ist der Band eine Fundgrube, konfrontiert er doch mit Quellen, die entschieden geeignet sind, das affirmative Wagner-Bild zu relativieren, mancherlei Selbstdarstellung als gezielte Selbstdarstellung zu entlarven: Gar so schlimm müssen etwa die Pariser „Hungerjahre“ nicht gewesen sein. Nicht minder deutlich wird, dass Wagners Verweise auf die obligaten jüdischen Widerstände oft Vorwand für seine antisemitischen Ausfälle waren. Wagners Judenhass wird in einigen Schriftstücken überdeutlich; dass erst Cosimas Einfluss und das spätere Bayreuth auf ihn dominant wirkte, erweist sich als frommer Wunsch. Manche Texte sind denn auch erschreckend, nicht zuletzt in der deutschnational-nazistischen Verlängerung. Beschönigt wird da nicht.

          Natürlich werden in dem 250 Objekte umfassenden Katalog auch – zum Teil berückende – Illustrationen aufgeführt, Erstausgaben, Titelbilder, Porträts, Szenen- und Künstlerfotos, Karikaturen. Eine von ihnen stammt ausgerechnet vom Hofmaler Franz von Lenbach, dessen Wagner-Porträt nicht wenig zur Kanonisierung beigetragen hat: Sie zeigt Richard und Cosima am 5. November 1874 am Tegernsee, keineswegs gehässig, aber mit wohltuend ironischer Distanz (14.000 Euro). Apart ist auch ein Holzstich des Bayreuther Festspielhauses von 1875 nach einem Gemälde von Louis Sauter (75 Euro). Auf einem Albumblatt von 1881 mit einer Klavierskizze aus dem ersten Akt des „Parsifal“ ist die groteske Tempo- wie Metronomangabe „Tempo Bayreuthico. Viertel = 1881“ verzeichnet. Dabei wären dem feierlichen Marsch allenfalls 76 Viertel angemessen (13.000 Euro).

          Ein Holzstich von 1883 zeigt die Ankunft von Wagners Leiche auf dem Münchner Hauptbahnhof, begrüßt von der „Künstlerschaft“ (75 Euro). Wie weit die Wagner-Rezeption schon bald ideologisch auseinanderdriftete, die Bayreuther immer mehr zum dumpf Germanophilen hin, die französische zur décadence, belegen drei Jahrgänge der in Paris erschienenen „Revue Wagnérienne“ von 1885 bis 1888 mit Gedichten von Verlaine und Mallarmé und epochalen Werken der Bildenden Kunst (1900 Euro).

          Wer Wagner in seinen Widersprüchen, dem Wechselspiel von Verehrungswürdigem und Abstoßendem, kennenlernen will, findet hier reiches Material.

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