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Londoner Abendauktionen : Was bleibt, wer kommt

  • -Aktualisiert am

Restituiert und neu auf dem Markt: Ernst Ludwig Kirchners von Van Gogh inspiriertes „Selbstbildnis mit Pfeife“ von 1907 ist bei Sotheby’s auf 8 bis 12 Millionen Pfund taxiert. Bild: Sotheby`s

Ein restituiertes Selbstporträt von Ernst Ludwig Kirchner gehört zu den Spitzenwerken bei den Londoner Abendauktionen moderner und zeitgenössischer Kunst bei Christie's, Sotheby's und Phillips. Was bieten sie noch?

          3 Min.

          „Selbstbildnis mit Pfeife“ ist das erste Selbstporträt Ernst Ludwig Kirchners in Öl, und es nimmt eine besondere Stellung in seinem Werk ein: Der Brücke-Maler schuf es 1907, am Beginn seiner Künstlerkarriere, unter dem Einfluss von van Gogh. Öffentlich ausgestellt war es nur selten: 1931 und 1958 im Carnegie Institute in Pittsburgh, 1952 im Kunsthaus Zürich und 2007 in der Ausstellung „Vincent van Gogh and Expressionism“ in New York und Amsterdam. Von 1981 an war es im Besitz eines amerikanische Privatsammlers. Nun wird es verkauft, um den Restitutionsanspruch der Erben des großen jüdischen Sammlers Hugo Simon zu begleichen, der vor den Nationalsozialisten aus Berlin nach Paris und 1941 weiter nach Rio de Janeiro fliehen musste. Kirchners Selbstbildnis ist am 29. Juni eines der Spitzenlose der „Modern and Contemporary Evening Auction“ bei Sotheby’s in London und taxiert auf acht bis zwölf Millionen Pfund. Es kommt ohne Garantie zum Aufruf.

          Ein Schwerpunkt des Sommertermins mit Moderne und Zeitgenossen bei Christie’s und Sotheby’s ist die Nachkriegskunst, besonders die britische, passend zur Ausstellung „Postwar Modern: New Art in Britain 1945–1965“, die gerade im Londoner Barbican Centre zu Ende geht. Phillips setzt auf internationale Künstlerinnen, die ein Drittel der Lose in der Abendauktion stellen. Alle drei Unternehmen haben Gemälde der trendigen jungen Malerin Anna Weyant im Programm sowie Skulpturen von Simone Leigh, die in diesem Jahr als erste afro-amerikanische Künstlerin den Pavillon der Vereinigten Staaten auf der Biennale in Venedig bespielt und mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde. Leigh stellt bei Christie’s „20th/21st Century: London Evening Sale“ am 28. Juni das erste Los mit „Untitled V (Anatomy of Architecture series)“ (Taxe 300.000 bis 500.000 Pfund), einem Frauenkopf aus schwarzer Terracotta mit eng gerollten Porzellanrosen als Haartracht. Die Spitzenlose von Yves Klein und Claude Monet harmonieren in ihren Blautönen: Monets dem blassen Dunst der Themse entsteigende „Waterloo Bridge, effet de brume“ (22/32 Millionen) kommt aus dem Nachlass von Paul Bulova Guilden. Seine „Nymphéas, temps gris“ (20/30 Millionen) befanden sich einst im Besitz der Familie Onassis. Wie in Wasser schwebend wirken auch die acht Abdrücke nackter Frauenkörper auf blauem Grund in Yves Kleins mehr als drei Meter breiter „Anthropométrie de l’époque bleue, (ANT 124)“, entstanden 1960. Sie befand sich in der Essener Sammlung des Architekten Werner Ruhnau und soll „um 24 Millionen Pfund“ erzielen.

          Neueste Sachlichkeit: Anna Weyant, „Ingrid With Flowers“, 2020, Öl auf Leinwand, 101,6 mal 76,2 Zentimeter, Taxe bei Christie’s 150.000 bis 250.000 Pfund
          Neueste Sachlichkeit: Anna Weyant, „Ingrid With Flowers“, 2020, Öl auf Leinwand, 101,6 mal 76,2 Zentimeter, Taxe bei Christie’s 150.000 bis 250.000 Pfund : Bild: Christie`s

          Für die insgesamt 63 Lose in seiner Abendauktion strebt Christie’s einen Umsatz von 135,6 bis 188,8 Millionen Pfund an. Die Monumentalskulptur „Balloon Monkey (Magenta)“ von Jeff Koons, draußen auf dem St. James’s Square in der Sonne glänzend, soll sechs bis zehn Millionen beitragen.

          Sotheby’s hat, wie im vergangenen Sommer, eine Abendauktion mit britischer Kunst an die „Modern and Contemporary Evening Auction“ angeschlossen. Sie sollen zusammen mit 81 Losen 145,3 bis 203,3 Millionen Pfund einspielen. Das entspricht in etwa dem Umsatz im vergangenen Jahr. Das Spitzenlos der „British Art: The Jubilee Auction“ – in Anlehnung an das Thronjubiläum der Queen – ist Francis Bacons mit Garantie und unwiderruflichem Gebot abgesicherte „Study for Portrait of Lucian Freud“ von 1964. Die Taxe für das Gemälde, das sich seit den frühen Achtzigerjahren in einer europäischen Privatsammlung befand, liegt bei „mehr als“ 35 Millionen Pfund. Es war nur im Jahr 1965 öffentlich ausgestellt. Unter Skulpturen von Henry ­Moore und Lynn Chadwick sticht Barbara Hepworths elegant geschnitzte „Elegy“ (1,7/2,5 Millionen) hervor.

          Aus dem Nachlass von Paul Bulova Guilden: Claude Monet, „Waterloo Bridge“, Öl auf Leinwand, 65,2 mal 100,7 Zentimeter, Taxe: 22 bis 32 Millionen Pfund
          Aus dem Nachlass von Paul Bulova Guilden: Claude Monet, „Waterloo Bridge“, Öl auf Leinwand, 65,2 mal 100,7 Zentimeter, Taxe: 22 bis 32 Millionen Pfund : Bild: Christie`s

          Die Nachwuchsgeneration vertritt unter anderen Flora Yukhnovich mit ihrer vom Rokoko inspirierten Malerei „Boucher’s Flesh“ (200.000/300.000). John Constables Wolkengemälde „Cloud Study“ (100.000/150.000), um 1822 geschaffen, doch sehr zeitgenössisch wirkend, macht den Auftakt. Bedeutender ist allerdings Gerhard Richters Interpretation in „Study for Clouds (Contre-jour)“ (6/8 Millionen) in der „Modern and Contemporary Evening Auction“. Hier ist das Spitzenlos ein „Self-Portrait“ (12/18 Millionen) Warhols aus einer amerikanischen Privatsammlung. Unter den deutschen Künstlern ist Paul Klee gleich viermal vertreten, Georg Baselitz mit zwei Gemälden.

          Der „20th Century & Contemporary Art Evening Sale“ bei Phillips bietet am 30. Juni 35 Lose mit einer Gesamttaxe von 16,16 bis 22,13 Millionen Pfund. Den Auftakt macht die Malerin Antonia Showering mit „We Stray“ (40.000/60.000). Sie hat erst 2018 ihr Studium an der Londoner Slade School of Art abgeschlossen. Das Spitzenlos stellt Cy Twombly mit der Leinwand „Untitled“ (3/4 Millionen), entstanden 1962 in Rom. Simone Leighs Porträtskulptur „Clarendon“ (800.000/1,2 Millionen) bezieht sich auf ein wichtiges Kapitel in der Geschichte der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung: In Clarendon County in South Carolina begann in den Vierzigerjahren der Protest gegen die Segregation an Schulen. Michelangelo Pistolettos „Ragazza in minigonna/Ragazza seduta per terra“ (1,8/2,2 Millionen), gedruckt auf poliertem Stahl, ist eines der wenigen mit Garantie abgesicherten Werke.

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