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Sommerauktion in Ahrenshoop : Alter Genosse am Zaun

Willi Sitte, „Junge Frau“, 1956, Tusche auf Papier, 53 mal 37 Zentimeter: Taxe 1200/1800 Euro. Bild: Ahrenshooper Kunstauktionen

Wo Repräsentanten der DDR-Kunst Urlaub machten: Eine Vorschau auf die Ahrenshooper Kunstauktion mit Gemälden, Skulpturen und Arbeiten auf Papier.

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          Immer wieder ermöglichen die sommerlichen Ahrenshooper Kunstauktionen den Zugriff auf Relikte der DDR-Kunst, deren Repräsentanten, soweit der Urlaub bezahlbar und parteipolitisch abgesegnet war, in der warmen Jahreszeit zu Ferien am Meer aufbrachen. Im Wechsel mit Spätimpressionisten und Vertretern der Klassischen Moderne gelangen am 7. August 172 Gemälde, Skulpturen und Arbeiten auf Papier zum Aufruf. Als Spitzenlos auf 35.000/45.000 Euro geschätzt, ergänzt Karl Hagemeisters großformatige „Brandungswelle – Stürmische See auf Rügen“ die aktuelle Erfolgsgeschichte des Brandenburger Sezessionisten, dessen von 1880 an entstandene, naturselige Sujets bei deutschen Auktionshäusern erst kürzlich sechsstellige Zuschläge erzielten. Im Gegensatz zu den heiß begehrten märkischen Seen, Wiesen und (Mohn-)Feldern besitzen Hagemeisters Marinen nicht jenen malerischen Schmelz, der die floral inspirierten Bilder auszeichnet.

          Camilla Blechen
          Freie Autorin im Feuilleton.

          Preisgünstiger sind Gemälde der Gründer einer „Ahrenshooper Malerkolonie“: so die „Dorfstraße in Barnstorf“ von Paul Müller-Kaempff (Taxe 7000/9000 Euro) oder Elisabeth von Eickens „Frühling in Althagen“ (9000/14.000). Unter den Druckgrafiken fallen Lyonel Feiningers Radierung „Am Strande“ (6000/8000) und der Holzschnitt „Wrack, gestrandetes Schiff“ (4000/6000) auf. Ernst Ludwig Kirchners Kaltnadelradierung „Nacktes liegendes Mädchen auf dem Diwan“ ist mit 6500 bis 8500 Euro beziffert, Erich Heckels ebenfalls unbekleidete „Sitzende am Wasser“ mit 5500 bis 7000 Euro. Kalligraphisch verknappt, streben drei „Fischer“ auf einer zarten Rohrfederzeichnung Ernst Wilhelm Nays einem vor Anker liegenden Segelboot zu (4200/5200).

          Noch ganz im Bann Picassos, porträtierte Willi Sitte 1956 eine „Junge Frau“ (1200/1800) als Vorzeichnung zu dem 1957 vollendeten und seit 1962 verschollenen Triptychon „Lidice“. Tristesse der sechziger Jahre spricht aus einem an die Stillleben des Franzosen Bernard Buffet gemahnenden „Teetischchen mit Samowar und Zuckerdose“ des Berliners Manfred Böttcher (2800/3600). Im Jahr 1973 positioniert sich Walter Womacka, langjähriger Direktor der Kunsthochschule Weißensee, mit dem optimistischen Blick auf prachtvolle Sonnenblumen (4000/ 5000) als Nachfahre Van Goghs. DDR-spezifischer verhält sich Wolfgang Mattheuer mit einem Holzschnitt nach dem ikonischen, 1976 von der Hamburger Kunsthalle erworbenen Gemälde „Alter Genosse am Zaun“ (750/1200). Peter Keler, dessen „Bauhauswiege“ 1923 das Weimarer Bürgertum schockierte, nutzte 1970, drei Jahre vor seinem Tod, das unvergessene kubistische Vokabular zur Visualisierung eines „Sommerlichen Farbspiels“, das 5500 bis 8500 Euro erzielen soll.

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