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Antiquariatsmessen : Nicht nur Europas Insekten

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Von der Beschaffenheit des Lichts bis zur Kinderfibel: Das Angebot der Stuttgarter Antiquariatsmesse und der Antiquaria in Ludwigsburg ist breit gefächert. Eine Vorschau

          Wie in jedem Jahr finden sich im Januar bibliophile Sammler auf der Stuttgarter Antiquariatsmesse und auf der Antiquaria in Ludwigsburg ein. Insgesamt mehr als 130 Aussteller sind zwischen dem 22. und dem 25. Januar in Baden-Württemberg versammelt. Eines der Highlights beider Messen ist in Stuttgart im Württembergischen Kunstverein zu sehen: Das „Breviarium romanum“, Stundenbuch des Klerikers und Dichters Octavien de Saint-Gelais, entstand um 1494, in der Werkstatt des Pariser Illuminators und Druckers Jean Pichore. Beim Antiquariat Bibermühle von Heribert Tenschert aus dem schweizerischen Ramsen werden für das mit 31 Prachtseiten und mehr als hundert Miniaturen geschmückte Werk 760.000 Euro erwartet. Dort gibt es auch ein weiteres, etwas späteres Stundenbuch aus derselben Werkstatt, um 1520 (340.000 Euro).

          In einer anderen Preisklasse rangiert die Vorstudie zu Oskar Schlemmers Wandbild „Familie“, die er 1940 schuf; bei der Stuttgarter Galerie Valentien wird sie für 48.000 Euro angeboten. Das Wandbild selbst wurde in den neunziger Jahren auf einen Bildträger übertragen und befindet sich im Ausland; derzeit ist es in der Stuttgarter Staatsgalerie in der Ausstellung „Oskar Schlemmer - Visionen einer neuen Welt“ zu sehen. Von den Idealen des Werkbunds geprägt ist der Einband zu Walter Benjamins „Einbahnstraße“ von 1928, den der russische Exilant Sasha Stone gestaltete. Ein Exemplar der Original-Broschur mit dem vielzitierten Schilderwald-Umschlag ist beim Antiquariat Abeceda aus München für 8000 Euro erwerbbar.

          Gerader Weg zur Gleichberechtigung

          Mit großflächigen Lithographien ausgeschmückt ist das Bilderbuch „Uit huis en hof“ von Konrad Mullerfurer, welches das Antiquariat Sabine Keune, Aachen, ausstellt (1600 Euro); im Jahr 1921 in Utrecht gedruckt, ist es im Stil des Art-déco gehalten. Stärker um den Inhalt als um die Bildwerke geht es bei der alchimistischen Schrift des Sendimir von Siebenstern, der im Jahr 1723 über die Beschaffenheit des Lichts schrieb. Sein „Helles Licht und Gerader Weeg zu den Natur-Geheimnüssen“, dem Oswald Crolls „Das ist hermetischer Wunderbaum“ von 1635 angebunden ist, wird beim Antiquariat Peter Kiefer, Pforzheim, für 4250 Euro angeboten. Beim Berliner Antiquariat Rainer Schlicht gibt es ein eigenhändiges undatiertes Albumblatt von Hector Berlioz für 3800 Euro; es zeigt sieben Takte aus dem „Thème du Scherzo final de Néatrice et Bénédict“.

          Einen Schwerpunkt legen beide Messen diesmal auf die Präsenz von Frauen - in der Branche selbst wie auch im Angebot. Zu den Frauen, die die Kunstgeschichte seit langem kennt, zählt Maria Sibylla Merian, die mit ihren gemalten Naturstudien, vor allem von Pflanzen und Insekten, bekannt wurde. Das Regensburger Antiquariat Reinhold Berg kann die Amsterdamer Ausgabe eines ihrer berühmten Werke, „De Europische Insecten“ aus dem Jahr 1730, in Stuttgart ausstellen (38.000 Euro).

          Reisen auf dem Nil

          Auch auf der Antiquaria in der Ludwigsburger Musikhalle sind Kunstwerke von weiblicher Hand zu finden. Zehn „bauhausfotos“ von Marianne Brandt versammelt eine Mappe, die das Bauhaus-Archiv im Jahr 1993 herausgegeben hat; sie soll beim Antiquariat Michael Kühn aus Berlin 2800 Euro kosten. Ebenfalls 2800 Euro verlangt das Berliner Rote Antiquariat und Galerie für ein fotografisches Porträt der Sozialistin und Frauenrechtlerin Clara Zetkin, das Lucia Moholy, Frau von László Moholy-Nagy, um 1929 machte. Ikonenhaft ziert Twiggy, Model-Star der Sechziger, das Cover ihrer eigenen Autobiographie aus dem Jahr 1975, die das Antiquariat am Mehlsack, Ravensburg, als Erstausgabe für 150 Euro im Angebot hat.

          Die eigentlich unterhalb des Preissegments der Stuttgarter Messe liegende Antiquaria kann dieses Jahr mit dem Spitzentitel „Die Stede und Tage reyse czu dem helgen grabe“ von Siegfried von Gelnhausen aufwarten, der beim Gemeinschaftsstand von Inlibris aus Wien und Kotte aus Roßhaupten 450.000 Euro kostet. Die Handschrift, die um 1453 bis 1455 in Darmstadt produziert wurde, schildert die Pilgerfahrt des Grafen Philipp von Katzenelnbogen nach Ägypten und Palästina und galt lange als verschollen. Das gilt auch für einen Brief von Angelika Kauffmann an den Verleger Christoph Martin Wieland aus dem Jahr 1792, ebenfalls bei Inlibris und Kotte, für 25.000 Euro.

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