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Gründer des Folkwang-Museums : Er holte die französische Moderne ins Ruhrgebiet

  • -Aktualisiert am

Heiterte den verbitterten Bildhauer Auguste Rodin mit der Idee auf, „Champagner über Walderdbeeren zu gießen“: Karl Ernst Osthaus (1874-1921). Bild: Picture-Alliance

Karl Ernst Osthaus begeisterte sich als Sammler für Kunsthandwerk aus dem Orient ebenso wie für die neuesten Werke aus den Pariser Ateliers. Mit seiner wegweisenden Kollektion gründete er das Folkwang-Museum. Vor hundert Jahren ist er gestorben.

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          Eigentlich habe er das Folkwang-Museum in Hagen gegründet, „um die Berliner zu ärgern“, ließ er einmal halb spaßhaft verlauten. In der Tat konnte man nicht nur dort ganz neidisch darauf werden, was der Sammler Karl Ernst Osthaus, 1874 in Hagen geboren, in kurzer Zeit zusammengetragen hatte. Dabei war in seiner Heimatstadt von 1902 an nicht nur eine ständige Sammlung zu sehen, die beim Jubiläum zum zehnjährigen Bestehen fast hundert Gemälde, fünfzig Plastiken und 500 Aquarelle, Zeichnungen und Grafiken umfasste, sondern es wurden auch Ausstellungen (allein bis 1912 sechzig Sonderschauen) gezeigt. Das war eine damals an Museen noch nicht verbreitete Praxis. Westfalen und der „Industriebezirk“ an Ruhr und Wupper sowie das benachbarte Rheinland mit Düsseldorf, Köln und Krefeld waren sein Aktionsraum. Dort engagierte sich Osthaus unter anderem beim „Sonderbund westdeutscher Kunstfreunde und Künstler“, der von 1909 bis 1912 weithin beachtete Ausstellungen organisierte. Dabei spielte die französische Moderne eine große Rolle. Sammler und Künstler reisten zu diesen Ereignissen wie Pilger zu heiligen Stätten: Das Folkwang-Museum selbst galt als lockendes „Mekka der Kunst“.

          Zu Besuch bei Rodin und Cézanne

          Osthaus interessierte sich für bildende und angewandte Kunst vieler Kulturkreise. 1897 war er nach Algerien und Tunesien gereist, um die Architektur und das Kunsthandwerk des Maghreb aus eigener Anschauung kennenzulernen. Er übte dabei das erfolgreiche Aushandeln des Preises von Objekten und den Umgang mit fremdländischen Mentalitäten. Derart gewappnet, konnte er mit Pariser Galeristen in Verhandlungen treten. Zwar kaufte Osthaus auch bei Paul Cassirer in Berlin, doch weitere Partner wurden ihm etwa Ambroise Vollard und die Brüder Gaston und Josse Bernheim-Jeune. Er wusste, dass die beiden großen Pariser Jahresausstellungen, der Salon des Indépendants im Frühjahr und der Salon d’Automne im Herbst. beste Gelegenheiten waren, frische Ware zu erstehen. Doch in vielen Fällen suchte er den direkten Kontakt zu den Künstlern; größter Genuss waren ihm Atelierbesuche.

          Rodins Plastik „Das eherne Zeitalter“ im Zentrum: der große Bildersaal des Folkwang-Museums in Hagen 1919.
          Rodins Plastik „Das eherne Zeitalter“ im Zentrum: der große Bildersaal des Folkwang-Museums in Hagen 1919. : Bild: Bildarchiv Foto Marburg

          Osthaus hat entsprechende Korrespondenzen hinterlassen und in stellenweise blumiger Prosa anekdotenhafte Essays mit Erinnerungen an seine Atelierbesuche verfasst, die 1920/21 von der Monatsschrift „Feuer“ veröffentlicht wurden. Die frühesten Visiten galten 1901/02 Auguste Rodin in Paris und Meudon. Später war er im Hôtel Biron zu Gast, dem Pariser Stadtpalast, in dem Rodin sein eigenes Museum plante. Osthaus erinnerte sich daran, dass ihn im Musée du Luxembourg eine erste Begegnung mit der Jünglingsfigur „L’Âge d’airain“ (Das eherne Zeitalter) auf die Idee gebracht habe, den Bildhauer aufzusuchen und einen Bronzeguss zu erwerben. Dem Ankauf der Plastik, die in die Mitte des großen Bildersaals des Folkwang-Museums gerückt wurde, folgte die Erwerbung weiterer Bronzen und einem Werk aus Marmor. Osthaus konnte nicht immer aus dem Vollen schöpfen, denn bisweilen waren Stücke „bereits an Liebhaber vergeben“.

          1906 machten er und seine Frau Gertrud auf dem Weg nach Tunis in Aix-en-Provence halt, wo sie sich in die Höhle des Löwen wagten. Paul Cézanne galt nicht als freundlich, jedenfalls nicht gegenüber ungebetenen Gästen. Umso erstaunter waren sie, als sie ihn in seinem Haus in der Altstadt als zuvorkommend und redselig erlebten. In einem Gespräch, das durch den „lebhaften Wunsch“, ein Bild von ihm zu erwerben, Fahrt aufgenommen hatte, äußerte sich Cézanne zu seiner Vorstellung von Malerei. Aber er hatte nur „einige unbedeutende Bilder und Studien“ zu zeigen, „die die Habgier der Kunsthändler ihm gelassen hatte“. Umso mehr freute sich das Ehepaar aus Deutschland über die Einladung in sein auf einer Anhöhe außerhalb der Stadt gelegenes Atelier am Chemin des Lauves. Cézanne sei von „bestrickender Liebenswürdigkeit“ gewesen. Nach einer Besichtigung des Ateliers, in dem nur ein spätes Hauptwerk Badender und ein kaum begonnenes Stillleben auf der Staffelei zu sehen waren, habe er auf seine kleine Gartenterrasse gebeten. Zudem habe er versprochen, an seinen Händlern vorbei, ein paar Bilder zur Ansicht nach Hagen zu schicken. Dazu kam es nicht mehr, Cézanne starb wenig später. Für das Folkwang-Museum konnte schließlich Vollard zwei Gemälde beschaffen, darunter ein Blick auf die Steinbrüche von Bibémus bei Aix-en-Provence.

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