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Fotografie-Ausstellung : Von der Schönheit des Unvollkommenen

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Nirvana, Depeche Mode und Prince – er hatte sie alle vor der Linse: Anita Beckers zeigt in Frankfurt unveröffentlichte Musikerporträts von Anton Corbijn, dem niederländischen Starfotografen.

          Patti Smith begrüßt den Besucher im Samtsessel lungernd, das Gesicht abgewandt und mit dem rechten Arm bedeckt. Die langen Haare fallen ihr sanft auf die Schultern, die kurzärmlige Bluse ist lässig aufgeknöpft, das Kreuz an der Kette um ihren Hals ist zu sehen. Die großformatige Schwarzweißfotografie, 1999 in New York entstanden, hängt als Blickfang der Ausstellung „Anton Corbijn #5“ in der Galerie Anita Beckers in Frankfurt. Sie lädt den Betrachter ein, abzutauchen in die Welt der Musikstars, in den Kosmos von Anton Corbijn, dem holländischen Porträtfotografen, der auch verantwortlich zeichnet für zahlreiche Musikvideos, von Depeche Mode, Coldplay oder U2, und für Spielfilme wie „Control“ und „A Most Wanted Man“.

          Ein Hauch von Überraschung

          Mit seinen Fotografien schafft Corbijn intime und ausdrucksstarke Aufnahmen von den Großen der Pop- und Rockszene, von den Prominenten aus Film, Mode und Kunstwelt. Es sind gleichsam film stills, die eine imaginäre Geschichte erzählen, ja ein Vorher und Nachher suggerieren. So komponiert er seine Bilder und drückt im richtigen Augenblick ab. Begonnen hat Corbijn seine Karriere in den siebziger Jahren mit Dokumentarfotos von Musikkonzerten – damals mehr Mittel zum Zweck, um seinen Idolen möglichst nah zu sein. Mit den Jahren entwickelte sich daraus seine unverkennbare narrative Sichtweise, die seine Porträts zu Bildern macht, die im Kopf bleiben. Dank traditioneller Techniken wie der analogen Fotografie, dem Verzicht auf Kunstlicht und Ausleuchtung und dem fast ausschließlich verwendeten Schwarzweißfilm enthalten seine Fotografien immer einen Hauch von Überraschung, eine Spur des „Unperfekten“, wie er selbst sagt. Es ist jener Stil, der bereits von manchen „Corbijnismus“ genannt wird.

          Im hinteren Zimmer der Galerie in der Braubachstraße begegnen sich David Bowie, Johnny Cash und Prince, Lou Reed trifft auf Metallica und Nirvana; in einem anderen Raum liegt Dave Gahan von Depeche Mode nackt schlafend im Bett. Die Ausstellung versammelt achtzehn – bisher unveröffentlichte – Musikerporträts aus den Jahren 1972 bis 2013, die im Rahmen von Corbijns Werkserien „1-2-3-4“ entstanden. Einige der Abgebildeten sagen vielleicht den jüngeren Besuchern schon nichts mehr, doch das tut den Fotos keinen Abbruch. Denn Corbijn schafft es mit jeder einzelnen Aufnahme, die Persönlichkeit so zu inszenieren, dass es dem Betrachter nicht gelingt, zwischen orchestrierter Maskerade und ungezwungener Authentizität zu unterscheiden: Der Schein trügt, der Schein wird gewahrt. Häufig verpasst der Fotograf den Stars das Image des einsamen Helden, in karger trostloser Landschaft oder vor spärlichem Mobiliar. Während David Bowie im Regen versunken an seiner Zigarette zieht, singt Johnny Cash schmachtend eine riesige, ozeanisch anmutende Tierfigur an, die vor einer Luxus-Mall in Los Angeles stand, und die Äste des gewaltigen Baumes, vor dem sich Keith Richards präsentiert, setzen sich in den tiefen Furchen seines Gesichts fort.

          Eines der stärksten und bekanntesten Bilder Corbijns hängt aktuell am zweiten Standort der Ausstellung, im Atelier Frankfurt: Zerknirscht, nachdenklich und eine Spur wütend blickt Nick Cave über seine Schulter an der Linse des Fotografen vorbei. Die zusammengezogenen Augenbrauen, der intensive Blick und das wilde dichte Haar geben seiner Miene einen skeptischen Ausdruck, als wolle Cave sagen: Na, wer bin ich denn?

          (Die Digitalprints, 125 mal 125 Zentimeter groß, Auflage 5 + 2 AP, kosten von 23 800 bis 53 550 Euro. Bis zum 3.September.)

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