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Von der Familie Hugo : Aus dem Leben eines stolzen Inselbewohners

Der andere Victor Hugo und seine Klecksographien: In Paris wird der Nachlass des Urenkels des französischen Schriftstellers versteigert.

          3 Min.

          Eine Insel, so hat Victor Hugo einmal geschrieben, sei ein Egoismus. Hugo wusste, wovon er sprach: Er war ein Familientyrann, und er kannte das Inselleben. Nach dem Putsch Louis Bonapartes im Dezember 1851 war Hugo, damals knapp fünfzigjährig, zunächst nach Belgien geflohen und von dort aus wenig später weiter auf die Kanalinsel Jersey. 1855 zieht er um nach Guernsey, wo er bis 1870 bleibt. Ein Inseldasein also, das fast zwei Jahrzehnte dauerte. Die vier auf 4000 bis 6000 Euro geschätzten Fotografien aus dem Atelier von Charles Hugo-Vacquerie, mit denen Christie’s große Auktion der „Collection Hugo“ eröffnet wird, zeigen den Exilanten zwischen 1853 und 1855 auf Guernsey: ein schmallippiger Mann, dessen Pose ungebrochenen Stolz verkünden soll.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Sammlung stammt aus dem Nachlass von Victor Hugos Urenkel Jean Hugo, der 1984 mit neunzig Jahren starb. Jetzt wollen sich seine Nachkommen von dieser einzigartigen Familienkollektion trennen. Sie umfasst 415 Lose, darunter zahlreiche Daguerreotypien, etliche von Nadar, Autographen und Erstausgaben sowie Memorabilia jeglicher Art: Orden, Gedenkmünzen, der gravierte Fächer seiner Gemahlin Adèle, daneben Zeichnungen, überwiegend Porträts von Familienmitgliedern. Es kommen aber auch Möbel aus dem Familienbesitz sowie Gemälde zum Aufruf. Die „Versuchung des Heiligen Antonius“, die zum Schätzpreis von 60000 bis 100000 Euro aufgerufen wird, hat Victor Hugo um 1860 in Brüssel erworben. Ein fischköpfiger Dämon und anderes Höllengetier bedrängt den Heiligen, der hier im niederländischen Stil des fünfzehnten Jahrhunderts gezeigt wird.

          Von besonderem Interesse sind aber die Zeichnungen und Gemälde von Victor Hugo selbst. Frühe Klecksographien wie man sie auch von Hugos deutschem Zeitgenossen und Schriftstellerkollegen Justinus Kerner kennt, erinnern an den Rorschachtest und lassen weit stärker als das zu Lebzeiten veröffentlichte literarische Werk Hugos Interesse an surrealistischen Strömungen erkennen. Sein eigener Entwurf zu einer Visitenkarte in lavierter brauner Tinte, signiert und datiert 1855 auf Jersey, zeigt bei einer Taxe von 50000 bis 80000 Euro den Namen des Schriftstellers in ungewöhnlicher Schreibweise: „VICTOROGUH“.

          Das absonderlichste Stück aber stellen zweifellos die beiden rohen Holzpaneele dar, die Hugo mit Chinatinte verziert und mit den Worten „Vivez“ und „et Mourez“ beschriftet hat, als habe er dabei an den Sarg des tätowierten Harpuniers Queequeg gedacht, auf dem Melville am Ende des „Moby Dick“ seinen Erzähler Ismael als Einzigen den Untergang der „Pequod“ überleben lässt. Melvilles Roman erschien 1851, fünfzehn Jahre später schrieb Hugo „Die Arbeiter des Meeres“, einen melodramatischen Roman, der auf Guernsey spielt und durchzogen wird von Betrachtungen über die Mysterien des Meeres und seiner Bewohner. Geschätzt wird die geheimnisvolle Komposition des Schriftstellers auf 100.000 bis 150.000 Euro.

          Den Katalog schmückt der weit verzweigte Stammbaum einer Großfamilie, deren Unterhalt dem Dichter oft Sorgen bereitete. Erst 1856, als nach gut zehnjähriger Publikationspause der Gedichtband „Les Contemplations“ erscheint und zu einem Sensationserfolg wird, ist das Exil finanziell einigermaßen gesichert. Mit dem üppigen Honorar erwirbt Hugo den früheren Piratensitz „Hauteville House“, standesgemäßes Domizil und politische Lebensversicherung zugleich, denn als Grundbesitzer auf Guernsey kann der Schriftsteller nicht mehr ausgewiesen werden.

          Die Familiengeschichte, die man sich kaum dramatisch genug vorstellen kann, vermag die Kollektion nicht abzubilden. Nur dem Enkel Georges und dessen 1894 geborenem Sohn Jean sind eigene Abteilungen der Kollektion gewidmet. Auf 2000 bis 3000 Euro wird ein Brief aus dem Jahr 1879 geschätzt, auf dem der Großvater Victor in Großbuchstaben vermerkt, das sein Enkelsohn sich in die Hose gemacht hat. Da war Georges immerhin schon elf Jahre alt. Ein echter Überraschungsfund ist ein Manuskript von der Hand Edmond de Goncourts. Das bislang unbekannte Konvolut, das 218 Seiten umfasst und zum legendären Diarium der Brüder Goncourt gehört, wird auf 30.000 bis 50.000 Euro geschätzt.

          Das letzte Drittel der Kollektion bildet der Nachlass Jean Hugos, der als Maler, Zeichner und Illustrator mit Picasso, Satie, Eluard oder Proust verkehrte. Neben zahlreichen eigenen Werken, darunter die symbolistische Gouache „Les Métamorphoses“ von 1929, die auf 30.000 bis 50.000 Euro geschätzt wird, dominieren hier Fotografien und eine reizvolle Serie kleiner Porträtzeichnungen, die Jean Cocteau aufs Blatt geworfen hat (zwischen 400 und 1500 Euro).

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