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Viennafair : Kunstpiroggen mit spärlich Kaviar

  • -Aktualisiert am

Braucht eine Kunstmesse Glamour? Die Viennafair sucht lieber die Spezialisierung und schärft ihr Profil mit osteuropäischen Galeristen. Die postsozialistische Sammlerschaft wirkt wie ein Aufputschmittel für die risikoscheue Veranstaltung.

          An der Gesichtsfarbe etlicher Galeristen auf der Viennafair lässt sich erahnen, wie viele Messen die Österreicher in diesem April bereits absolviert hatten. Nach Frankfurt, Köln, Düsseldorf und Brüssel nun also zum Heimspiel. Die Viennafair dankte den 107 treuen Händlern mit Verbesserungen: Breitere Gänge lockern die Architektur auf, eine Mischung aus Groß- und Kleinkojen schärft die Profile, und auch die zwei Dutzend, in der Mehrzahl gesponserten Galerien aus Süd- und Südosteuropa werden besser einbezogen. Keine andere Messe bietet einen so umfangreichen Schwerpunkt auf Kunst aus postsozialistischen Ländern. Diese Spezialisierung wird zunehmend als eine Chance für Entdeckungen erkannt.

          Dieses Jahr folgten sogar prominente amerikanische Sammler wie die Familie Rubell der Einladung nach Wien. So sammelten sich in den sechs Galerien aus Polen bei der Preview die Sammler. Auf der Suche nach einem Nachfolger für Senkrechtstarter Wilhelm Sasnal fällt der 1980 geborene Karel Radziszewski in der Warschauer Program Gallery auf. Die frechen Kleinformate seiner Serie „Ufo“ (500 bis 4000 Euro) verströmen kokette Düsterkeit. Gelungen ist auch der Stand der Piekary Gallery aus Posen: Ein Tisch mit kleinen Latexskulpturen von Aleksandra Ska (10.000 Euro) verbinden Großmutters Piroggen mit Louise Bourgeois. Magda Moskwas schaurige Frauengestalt, mit Fingern und Därmen wie Reliquien assembliert, kostet dort 10.000 Euro.

          Viel Platz für junge Kunst

          Die teuerste Arbeit der Messe versteckt sich am Stand der Galerie Space projects: Der slowakische Konzeptkünstler Stano Filko zeigt in einer Diashow sein überbordendes Künstlerstudio auf einem Hügel bei Bratislava. Für 1,2 Millionen Euro bietet er es zum Verkauf an - alle Kunstwerke vor Ort natürlich inklusive. Hochkarätig auf der Viennafair, bei der junge Kunst viel Platz einnimmt, präsentiert sich die deutsche Galerie Vonderbank. Im Rundformat mit Aluminiumrahmen lockt dort ein 2001 gemalter Baselitz für 302 500 Euro sowie eine Frauenskulptur von Stephan Balkenhol auf schwarzem Sockel für 73.700 Euro.

          Während die Lisson Gallery nach einmaliger Beteiligung an der Viennafair nicht zurückkehrte, hält Wilkinson die Stellung. Schmusende Affen in einem verwahrlosten Hinterhof auf dem großen Gemälde vom Leipziger Thilo Baumgartel kosten bei der Londoner Galerie 45.000 Euro, ein mit glänzenden Farben auf Holz gemaltes Triptychon nächtlicher Baumstämme des Briten George Shaw 100.000 Euro. Einen der feinsten Messestände hat die Schweizer Lelong Galerie zusammengestellt. Dort finden sich die große erotische Zeichnung „La Caverne de Cacus“ von Pierre Klossowski für 72.000 Euro und Kleinformate des malenden Jazzmusikers John Lurie (4900 Euro).

          Risikoscheu

          Wenngleich hohe Qualität die Regel ist, mangelt es den Wiener Galerien insgesamt etwas an Risikofreude und großen Gesten. Einzelpräsentationen wagen nur die Platzhirsche Georg Kargl, bei dem das Künstlerduo Clegg & Guttmann seine Bibliotheksprojekte aus den neunziger Jahren reanimiert, und die Galerie Meyer Kainer mit zweiteiligen Architekturfotos von Walter Niedermayer. Für viele Galerien liegt das Gute gar zu nah: so die große Erwin-Wurm-Fotografie bei Ursula Krinzinger für 33.000 Euro (Auflage 5) oder das gestische Grisaille-Gemälde von Herbert Brandl, dem österreichischen Vertreter auf der kommenden Biennale in Venedig, das die Galerie nächst St. Stephan für 32.000 Euro verkauft hat.

          Den Preis für den schönsten Messestand gewannen die Jung-Galeristen von layr:wuestenhagen aus Wien: Die stets zu subversiven Eingriffen aufgelegte Künstlergruppe Mahony verwendet einen Teil der Kojenwand für die Konstruktion eines ärmlichen Floßes. Apropos: Kippenberger stellte 1996 mit Inbrunst die Posen der Verzweifelten von Gericaults Gemälde „Das Floß der Medusa“ nach. Diese großartige Schwarzweißserie (Auflage 15) der Fotografin Elfi Semotan ist bei Gabriele Senn für 15.000 Euro zu erstehen. Das von Georg Herold 2006 mit Kaviar gemalte Bild (23.000 Euro) hätte „Kippi“ bestimmt amüsiert. Beluga oder Sevruga: Man mag in London und Miami schon wieder die Nase über zu viel Glamour rümpfen, aber die Viennafair kann gut mehr davon vertragen. Mit dem richtigen Engagement könnte in Zukunft die osteuropäische Sammlerschaft als dieses Aufputschmittel wirken. Nicole Scheyerer

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