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Van Gogh und kein Ende : Pfingstrosen aus Arles?

  • -Aktualisiert am
          2 Min.

          Und schon wieder die alte Geschichte vom unbekannten Bild, das unbedingt ein wiederentdecktes Meisterwerk sein soll. Und von den Experten, die gern bereit sind, dafür auch Indizien zu bestätigen - mal mit, mal ohne die Zahlung entsprechender Honorare. Wie einfach es ist, mit Hilfe ihrer Gutachten Millionen zu kassieren, hat im vergangenen Herbst der Fälschungsfall Beltracchi einer fassungslos-faszinierten Öffentlichkeit vor Augen geführt.

          Für fast jede seiner Fälschungen hatte der inzwischen verurteilte Betrüger von willfährigen, naiven oder überforderten Experten Gutachten erhalten, mit deren Hilfe er die Gemälde verkaufen konnte. Allerdings ist dies für das Bild, das in der ersten Augustwoche in Köln, nicht zum ersten Mal, als angebliche Wiederentdeckung präsentiert werden soll, bislang nicht gelungen - obwohl es seine wechselnden Besitzer seit mehr als dreißig Jahren versuchen. Erfunden hat Beltracchi die Methode also nicht.

          Eine fragwürdige Expertise

          Dass es sich bei dem „Stillleben mit Pfingstrosen“ um eine willentliche Fälschung handelt, ist bislang nicht erwiesen. Es gibt seit den achtziger Jahren sogar einige Gutachten, die sich positiv zu dem Bild äußern. Große Bedeutung allerdings haben sie nicht. Eines stammt von einem Mediziner aus Sprockhövel, der später behauptete, er habe rund 250 Van Gogh-Werke auf dem Dachboden eines Altersheims in Breda gefunden, und einen Kunsthandel eröffnete. Inzwischen gilt als sicher, dass die mit „Vincent“ signierten Arbeiten von der Malerin Willemina Vincent stammen.

          Ein anderes Gutachten haben vor zehn Jahren die Chemiker Elisabeth und Erhard Jägers verfasst, die sich später auch zu Beltracchi-Bildern äußerten. Obwohl die Wissenschaftler nur das Malmaterial und den Bildaufbau des Blumenbildes analysieren sollten, endet ihre sechsseitige Expertise mit dem unverantwortlich weit gehenden Urteil, die Ergebnisse sprächen „nicht gegen eine Zuordnung des Gemäldes zu Vincent van Gogh bzw. in die Jahre 1888 - 90“.

          Einladung zu einer letzten Vernissage

          Aus solch leichtfertigen Schlüssen werden in der Kunstwelt Legenden gestrickt. Die maßgebliche Instanz hingegen, das frei von wirtschaftlichen Interessen agierende Van-Gogh-Museum in Amsterdam, kam zu einem ganz anderen Schluss. Kurator Louis van Tilborgh teilte dem damaligen Eigentümer schon im November 2001 völlig unmissverständlich mit: „Unserer Meinung nach kann Ihr Gemälde nicht Vincent van Gogh zugeschrieben werden.“ Van Tilborgh begründete seine Einschätzung damals auch ausführlich: Der Pinselduktus entspreche nicht dem des Künstlers. Vor allem aber sei das Impasto des Bildes in weiten Teilen aus weißer Grundierung aufgebaut, auf deren Oberfläche dann anschließend dünne Farbe aufgetragen worden sei. Van Gogh aber habe so nie gearbeitet.

          Trotzdem kündigt der Kölner Unternehmer Markus Roubrocks nun für den 7. August die „Letzte Vernissage in Deutschland“ an. Es ist nicht der erste Versuch, das merkwürdige Gemälde mit der angeblich ausgekratzten Signatur am Rand des Blumengefäßes als Original zu präsentieren. 1996 wurde ein aufwendiges Buch gedruckt; vor sechs Jahren veranstaltete Roubrocks eine denkwürdige Präsentation in einem Kölner Geschäftsgebäude in Rheinnähe - mit Kerzenbeleuchtung und Bodyguards. Die Ablehnung aus Amsterdam, erklärte er damals, sei nicht nachvollziehbar: „Die genannten Gründe sind einfach sachlich und fachlich nicht richtig.“ Sein Vater habe das Bild 1977 aus einem belgischen Nachlass erworben.

          Diesmal soll das Van-Gogh-Schauspiel im Dachrestaurant eines Luxushotels stattfinden - Einlass, wegen der Sicherheitsvorkehrungen, nur nach Anmeldung. Es gibt allerdings harte Konkurrenz, denn das bunte Blumenstillleben ist nicht das einzige Gemälde, das in diesem nachrichtenarmen Sommer darum kämpft, als neues Van Gogh-Werk anerkannt zu werden. Das Museum Villa Colloredo Mels in Recenati bei Ancona zeigt gerade die Ansicht einer Kirche mit Kutschenunterstand, die angeblich sogar das letzte Werk des Malers sein soll. Gutachten verschiedener Experten, die diese absurde These materialtechnisch belegen, gibt es ebenso wie ein umfangreiches Buch über das angebliche Meisterwerk.

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