https://www.faz.net/-gqz-ry4y

Van Gogh : Mit rosa Bluse und hellgrünem Mieder: Die „Synthese aller Arlésiennes“

  • -Aktualisiert am

Sein letztes Bildnis von Marie Ginoux, im Februar 1890 nur wenige Monate vor seinem Tod gemalt, wird am 2. Mai bei Christie's in New York versteigert. Es soll mindestens vierzig Millionen Dollar einspielen.

          2 Min.

          Madame Marie Ginoux, die Ende des 19. Jahrhunderts das Café de la Gare in Arles führte, diente ihren Nachbarn, den Herren Gauguin und Van Gogh, mehrfach als Modell. Heute hängen Van Goghs Porträts von ihr im Metropolitan Museum in New York, im Kröller-Müller Museum in Otterlo und im Musée d'Orsay in Paris. Sein letztes Bildnis der „Arlésienne“, im Februar 1890 nur wenige Monate vor seinem Tod gemalt, wird am 2. Mai bei Christie's in New York versteigert. Es soll mindestens vierzig Millionen Dollar einspielen.

          Das Gemälde zeigt Madame Ginoux in provenzalischer Tracht mit rosa Bluse und hellgrünem Mieder vor einer geblümten Tapete an einem grellgrünen Tisch sitzend. Sie trägt ihr dunkles Haar säuberlich gescheitelt und stützt ihr androgynes, von Krankheit gezeichnetes Gesicht in eine Hand. Dabei wirkt sie fast so maskenhaft wie Picassos sechzehn Jahre später gemalte Gertrude Stein. Mit einem würdigen, leicht amüsierten Ausdruck geht der Blick der „Arlésienne“ knapp am Betrachter vorbei. Vielleicht denkt sie über die Buchtitel nach, die vor ihr liegen, „Onkel Toms Hütte“ von Harriet Beecher-Stowe und Charles Dickens' „Weihnachtsgeschichte“ - Bücher, die voller Hoffnung von Individuen handeln, denen die Gesellschaft übel mitgespielt hat.

          Ein Bild, das Dir und mir gehört

          Van Gogh nannte das Gemälde, das er in der Nervenheilanstalt von Saint-Rémy nach einer Kohlezeichnung von Gauguin schuf, eine „Synthese aller Arlésiennes“, die er und Gauguin gemalt und gezeichnet hatten. In einem Brief an seinen Freund schrieb er im Juni 1890: „Ich habe versucht, Deiner Zeichnung treu zu folgen, und mir dabei trotzdem die Freiheit zu nehmen, durch das Medium der Farbe den nüchternen Charakter und den Stil der Zeichnung zu interpretieren. Es ist ein Bild, das Dir und mir gehört. Es ist eine Zusammenfassung der Monate unserer gemeinsamen Arbeit.“

          Das Bild ging durch die Hände der Schwägerin Johanna van Gogh in Amsterdam und kam via Bernheim-Jeune in Paris und die Galerie Thannhauser in Berlin 1929 in die Sammlung des New Yorker Ehepaars Bakwin. Der New Yorker Kinderarzt Dr. Harry Bakwin war einer der ersten Mediziner, die sich mit Autismus beschäftigten. Seine Frau, die Kinderärztin Dr. Ruth Morris Bakwin, war eine reiche Erbin aus der Fleischindustrie in Chicago. Sie hatten den Stil, das Gespür und die finanziellen Mittel, schon damals bekannte Größen der Moderne wie Matisse, Cézanne und Van Gogh zu sammeln.

          Ein großer Fang

          Nach ihrem Tod wurden in den achtziger Jahren wichtige Werke aus der Sammlung Bakwin, darunter Corot, Matisse und Rodin, bei Sotheby's versteigert. Um so bemerkenswerter ist es, daß ihr Sohn Edwin Bakwin nun nicht wieder Sotheby's, sondern Christie's ausgewählt hat. Das Auktionshaus erwartet einen Preis zwischen vierzig und sechzig Millionen Dollar für „L'Arlésienne“. Für Guy Bennett, der die Leitung des Impressionist and Modern Art Department erst im November übernommen hat, ist es ein großer Fang. Doch Deals dieser Art haben ihren Preis - in diesem Fall wird gemutmaßt, daß Bennett dem Einlieferer zwischen sieben und neun Prozent der Käuferkommission zugesagt hat.

          Christie's hat das bisher teuerste Gemälde von Van Gogh in New York verkauft: 1990 erzielte sein „Porträt des Dr. Gachet“ 75 Millionen Dollar, inklusive Aufgeld damals 82,5 Millionen Dollar. Dr. Gachet, Van Goghs Arzt in der Nervenheilanstalt Saint-Rémy, ermutigte den Künstler immer wieder zum Malen. In einem Brief an Gauguin berichtet Van Gogh sogar, was Dr. Gachet zum Gemälde der pastellfarbenen „Arlésienne“ zu sagen hatte: „Comme c'est difficile d'être simple.“ Wie schwierig ist es doch, einfach zu sein.

          Weitere Themen

          Selbst die Grenze hat eine Stimme

          Wahl in Nordirland : Selbst die Grenze hat eine Stimme

          In Nordirland hilft nur noch Galgenhumor: Die britische Provinz fühlt sich von allen Seiten verkauft. Die bitterste Ironie ist die Zwickmühle, in die Boris Johnson die nordirischen Konservativen gebracht hat.

          Nur Gesichter bannen die Tristesse

          DDR-Fotos von Helga Paris : Nur Gesichter bannen die Tristesse

          In der DDR lag die Wahrheit über den Sozialismus auf der Straße, aber es brauchte Mut und Kaltblütigkeit, sie festzuhalten. Beides besaß die Fotografin Helga Paris. Die Berliner Akademie der Künste zeigt ihr Werk.

          Topmeldungen

          Der britische Premierminister Boris Johnson

          Kein britischer EU-Kommissar : Johnsons Signal

          Wahlkampf ist offenbar wichtiger als internationale Verpflichtungen. Boris Johnson zeigt der EU ein weiteres Mal, was er von ihr hält – keine guten Aussichten für die künftige Zusammenarbeit.
          Erdogan und seine Partei geben nicht auf:  Statt aus der Schlappe ihre Lehren zu ziehen, rächen sie sich an der Opposition für die Kommunalwahlen.

          Brief aus Istanbul : Die Bank gewinnt, das Gewissen verliert

          In der Türkei treibt die Wirtschaftskrise die Menschen buchstäblich in den Tod. Währenddessen arbeitet der Palast an einer Gesetzesvorlage, die Haftstrafen für jeden vorsieht, der behauptet, der Wirtschaft gehe es schlecht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.