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Umgang mit kolonialem Erbe : Provenienzforschung muss sein

Die Aufklärung der Objektgeschichte soll die wichtigste Grundlage zum Umgang mit Objekten aus der Kolonialzeit bilden. Bild: Daniel Bockwoldt/dpa

Auf der ersten Konferenz zum Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten wurde die Rückgabe von Museumsobjekten außereuropäischer Herkunft diskutiert. Wie viele Kulturgüter Museen in Zukunft tatsächlich aussortieren müssen, bleibt offen.

          „Erste Eckpunkte“ steht über den acht Seiten „zum Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten“, welche die Kulturminister der Bundesländer nach der ersten Sitzung ihrer neugegründeten Konferenz gemeinsam mit den beiden für Kulturpolitik zuständigen Staatsministerinnen sowie den kommunalen Verbänden veröffentlicht haben.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Zweite Eckpunkte werden folgen, mit Raum für Notizen für dritte und vierte. Man möchte glauben, die Minister hätten vorsorglich deutlich machen wollen, dass der 13. März 2019 kein historischer Tag sein soll: Das Thema der Rückgabe von Museumsobjekten außereuropäischer Herkunft will man nicht im französischen Stil des napoleonischen Exekutivdezisionismus bearbeiten, sondern nach den hergebrachten Grundsätzen des Kulturföderalismus, im Modus bürokratischer Diplomatie, mit offenem Ende.

          Im Umlaufverfahren werden Formulierungen so lange abgeschliffen, bis alle zustimmen können. Es sind im Minimalkonsenspapier vom Mittwoch nun aber gerade harmlos, fast trivial daherkommende Sätze, die, tastet man sie Wort für Wort ab, Ecken und Kanten offenbaren.

          Druck durch Aktivismus

          Einfache, handfeste Festlegungen können einer Versachlichung der Diskussion förderlich sein. „Die Provenienzforschung bildet die Grundlage zur Beurteilung der Herkunft des Sammlungsgutes und der Erwerbungsumstände.“ Das klingt fast wie eine Definition aus Wikipedia. Aber damit ist gesagt, dass sich ohne Provenienzforschung die Umstände einer Erwerbung nicht beurteilen lassen und deshalb auch nicht entscheiden lässt, ob in diesen Umständen Gründe für eine Rückgabe liegen.

          Postkoloniale Aktivisten drängen die Politiker, die Aufklärung der Objektgeschichten zu überspringen, und waren mit dem Herbeireden von Zeitdruck immerhin so erfolgreich, dass auch aus staatsministeriellem Munde schon zu vernehmen war, die Provenienzforschung dürfe nicht zur Ausrede werden. Bénédicte Savoy und Felwine Sarr haben dem französischen Präsidenten eine Stichjahresregel empfohlen, die Vermutung der Unrechtmäßigkeit jedes staatlichen Erwerbs während der Kolonialzeit.

          Einer pauschalen Eigentumsübertragung hätte der vom Vorsitzenden der Konferenz, dem Hamburger Kultursenator Carsten Brosda (SPD), unterstützte Vorschlag den Weg bereitet, den Kolonialismus als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ zu klassifizieren. Die Minister der rot-grün, rot-rot oder rot-grün-rot regierten Länder Berlin, Hamburg, Thüringen, Brandenburg und Bremen haben den Eckpunkten eine Protokollerklärung mit einigen der nicht konsensfähigen Formulierungen beigefügt.

          Der Kolonialismus sei „ein auf Vorstellungen kultureller und biologischer Ungleichwertigkeit basierendes System von Herrschafts-, Gewalt- und Ausbeutungsverhältnissen“. Die Forderung, die koloniale „Machtasymmetrie“ bei der „Entwicklung von Standards für Restitutionsvorhaben systematisch zu berücksichtigen“, geht in Richtung einer Beweislastumkehr, die allerdings nicht ausdrücklich gefordert wird.

          Rückführung wohl weiterhin Seltenheit

          Was sagen die Eckpunkte zu den Standards für Restitutionen? Alle Minister sind sich einig, dass sie Kulturgüter aus kolonialen Kontexten identifizieren wollen, „deren Aneignung in rechtlich und/oder ethisch heute nicht mehr vertretbarer Weise erfolgte“. Es wird alles darauf ankommen, wie man dieses Unvertretbare versteht. Soll jeder Umstand, der dem heutigen moralischen Bewusstsein im Rückblick bedenklich erscheint, für ein Museum Grund genug sein, ein Objekt auszusortieren?

          Dann dürfte sich die Prüfung nicht auf außereuropäische Bestände beschränken. Was ist etwa mit den im Zuge der Aufhebung von Klöstern um 1800 konfiszierten Altarbildern? Die „Herkunftsgesellschaft“ ist in Gestalt der katholischen Kirche noch vorhanden. Eine Bevorzugung ehemaliger Kolonien gegenüber allen anderen je von Kunstbeutejägern heimgesuchten Gemeinschaften ist ohne paternalistische Herablassung nicht zu rechtfertigen.

          Theresia Bauer, grüne Kulturministerin in einer grün-schwarzen Regierung, lässt sich mit ihrer Interpretation der Eckpunkte zitieren: „In eindeutig nachgewiesenen Fällen, in denen der Erwerb von Objekten in einem Unrechtskontext stattgefunden habe, sei Baden-Württemberg zur Rückführung bereit.“ Die Last des Nachweises trägt, wer ein Objekt herausfordert oder herausgeben will.

          Es gibt Dinge, die ein Eigentümer nicht behalten möchte, sobald er erfahren hat, wie sie auf ihn gekommen sind: wenn etwa wirkliches Blut an ihnen klebt, nicht nur das metaphorische der postkolonialen Rhetorik. Man darf voraussagen, dass Rückgaben nach dem vorgestern erklärten Willen der Kulturminister Ausnahmen bleiben werden. Gerade dann werden sie die ihnen gebührende Aufmerksamkeit finden.

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