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Tim & Struppi-Originalcover : Zu opulent zum Drucken

Hergé, „Der blaue Lotos“, Aquarelle und Gouache auf Papier, 34 mal 34 Zentimeter, Taxe 2/3 Millionen Euro bei Artcurial. Bild: Hergé/Moulinsart/Artcurial

Nach Jahren in der Schublade: Artcurial geht mit einem Hergé-Cover auf Rekordjagd. Das Blatt wird auf zwei bis drei Millionen Euro geschätzt.

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          Als Jean-Paul Casterman sieben Jahre alt war, erhielt er das kostbarste Geschenk seines Lebens. Er wusste es nur nicht. Ein Autor des Verlags, den Jean-Pauls Familie seit 1777 im belgischen Tournai betrieb, gab dem Jungen eine Zeichnung, die für den Umschlag seiner neuesten Publikation gedacht war, sich dann aber als zu aufwendig für die Reproduktion erwiesen hatte. Da der Autor Comiczeichner war, fertigte er eine zweite, simplere Vorlage an, und die also nutzlose erste schenkte er dem Verlegersohn. Denn sie zeigte Tim und Struppi – und die waren 1936, dem Jahr, in dem unsere Geschichte beginnt, bei Kindern in Belgien so populär, wie es „Harry Potter“ heute auf der ganzen Welt ist. Georges Remi, der sich als Comiczeichner Hergé nannte, glaubte zweifellos, dem Knaben eine Freude gemacht zu haben.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Dass das tatsächlich so war, darf man bezweifeln, denn der kleine Jean-Paul steckte das Geschenk in eine Schublade, und da blieb es, obwohl er selbst später Chef des Familienunternehmens werden sollte und mit Hergés „Tim und Struppi“- Comics Geld nur so scheffelte. Das soll jetzt fortgesetzt werden, denn elf Jahre nach dem Tod von Jean-Paul Casterman bringen seine Erben die Zeichnung aus der Schublade auf den Markt, und die soll einen der höchsten Zuschläge bringen, die auf Comicversteigerungen bislang erzielt wurden, jedenfalls aber den Rekord für ein Werk von Hergé brechen. Das heißt, es sind 2,65 Millionen Euro zu überbieten, die 2014 im Pariser Auktionshaus Artcurial für ein anderes „Tim und Struppi“-Original erzielt wurden. Und Artcurial macht sich selbst an diesen Versuch: Am 14. Januar 2021 wird das auf zwei bis drei Millionen Euro geschätzte Blatt aufgerufen.

          Ein wildes Bietgefecht

          Um den Höchstpreis für ein Comickunstwerk generell zu erreichen, müsste aber ein wildes Bietgefecht entbrennen, denn 2019 wurden für ein Umschlagbild, das der amerikanische Fantasyzeichner Frank Frazetta 1969 für das Comicmagazin „Eerie“ gezeichnet hat, umgerechnet fast fünf Millionen Euro bezahlt. Das Interesse an solchen Cover-Zeichnungen erklärt sich aus dem grafischen Aufwand, mit dem sie gestaltet wurden, um möglichst viele Kioskkäufer anzulocken.

          Das hatte 1936 auch Hergé mit seinem opulenten Bild im Sinn. Gedacht war es für die Albenausgabe von „Der blaue Lotus“, das fünfte „Tim und Struppi“- Abenteuer, das 1934 zunächst in der Jugendbeilage der belgischen Zeitung „Le Vingtième Siècle“ als Fortsetzungsgeschichte abgedruckt worden war. Es gilt als Meilenstein in der Karriere Hergés, weil er darin nicht nur als erster Europäer Einflüsse der besten amerikanischen Comiczeichner seiner Zeit aufnahm, sondern mit dieser Episode auch begann, akribische Recherchen zu Handlung und Dekors zu betreiben, die aus dem vorherigen Action-Vehikel „Tim und Struppi“ eine Serie mit Tiefgang machten. Alle Originalseiten der Geschichte sind im Besitz der Fondation Hergé, auch das ersatzweise verwendete Cover, das heute kaum noch jemand kennt, weil bei der ummontierten Neuausgabe von 1946 eine grafisch noch weiter vereinfachte Version verwendet wurde. Die Unterschiede zwischen der nun aufgetauchten Ursprungszeichnung und dem Umschlagbild der Erstausgabe beschränken sich vor allem auf eine reichere Farbpalette bei den Details – ganz anders als beim heute noch benutzten Cover von 1946, das den Drachen dann eingeschwärzt vor knallrotem Hintergrund ohne jede räumliche Tiefe zeigt.

          Eine solche Variante hat es bei Hergé wohl kein zweites Mal gegeben, denn er zog seine Lehren aus gescheiterten Versuchen. Ob allerdings der Unikat-Charakter und die schiere Schönheit etwaige Käufer über die Erhaltung des Blattes hinwegtrösten können? Der ordentliche Knabe Jean-Paul Casterman hat es sorgfältig dreimal gefaltet, ehe er es weglegte und vergaß.

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