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Thomas Rusche : Alles aus einer Hand

Der Textilunternehmer Thomas Rusche trennt sich von seiner Kunst – den Alten Meistern und den Zeitgenossen.

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          In gewisser Hinsicht gehört er zu den Pionieren des Crossover im Feld der Kunst, das inzwischen zum Trend avanciert ist, in den Galerien, auf den Messen, in den Auktionen. In Thomas Rusches Familie wurden seit Generationen Alte Meister gesammelt. Er selbst hat 2004 damit begonnen, zeitgenössische Kunst zu erwerben und in unglaublicher Geschwindigkeit eine eminente Kollektion zusammengebracht.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Thomas Rusche ist der Geschäftsführende Gesellschafter der SØR Rusche GmbH im westfälischen Oelde, einer Damen- und Herrenausstatter-Traditionsfirma seit 1897. Er ist in Politik und Philosophie promoviert, er ist habilitiert und lehrt an der Universität Siegen. Seine Domäne ist die Wirtschaftsethik. Und für seine Kunst-Leidenschaft ist er bekannt. Deshalb war es eine Überraschung, dass Rusche seine gesamte Sammlung versteigern lässt, nicht nur die Teile, die der Firma gehören, sondern auch die Werke aus seinem privaten Besitz. Dazu hat er sich dahingehend geäußert, dass der digitale Umbau des Familienunternehmens enorme Investitionen erfordere.

          Die 225 alten Holländer und Flamen hat Sotheby’s bekommen. Die rund 4000 zeitgenössischen Arbeiten gehen zu Van Ham nach Köln. Der Marathon beginnt gerade: Sotheby’s versteigert seine Lose in vier Auktionen, teils auch online; die Gesamtschätzung liegt bei mindestens 1,9 Millionen Pfund. Die 23 höchstbewerteten Werke kommen am 8.Mai in London in der Altmeister-Auktion zum Aufruf – „Von den Kleinsten das Beste“ hat Rusche das Angebot zusammengefasst, in Anspielung auf die, oft zu Unrecht, „Kleinmeister“ genannten Barockmaler. Zauberhaft unter ihnen ist zum Beispiel der „Junge Offizier im Profil“ des Amsterdamers Willem Cornelisz Duyster, dessen Startpreis bei 20.000 bis 30.000 Pfund liegt. Am 10.Mai online verkauft wird so etwas Hübsches wie die „Figuren mit Turban in römischen Ruinen“ von Bartholomeus Breenbergh (Taxe 6.000/ 8.000 Pfund). Es wird interessant sein, wie der Markt, dem es doch vor allem bei den Altmeistern an gutem Futter mangelt, auf dieses buchstäblich einmalige Angebot reagiert.

          Übung mit solchen Dimensionen

          Van Ham bekommt das riesige Konvolut der zeitgenössischen Arbeiten; man hat dort, von den Beständen Helge Achenbachs her, Übung mit solchen Dimensionen. Am 29.Mai werden die ersten 150 Arbeiten versteigert, die restlichen folgen in diversen Auktionen im Lauf des Jahres. Spitzenlos unter Werken von etwa George Condo, Jonathan Meese oder Alicja Kwade ist Neo Rauchs „Pendel“ von 2009 (70.000/100.000). Sicher avancieren wird auch Marlène Dumas’ Aquarell „Cultivated Emotion“ von 1986 (6.000/8.000).

          In einem Interview auf „Artnet“ hat Rusche, der sich dezidiert als „katholischer Unternehmer“ versteht, vor einigen Jahren seine Position zur „Ethik im Kunstmarkt“ so formuliert: „Wenn Sie mich als Christen ansprechen: Ich habe kein Problem damit, dass ich auch im Kunstmarkt ständig auf Sünder treffe, weil ich selber einer bin. Ein Problem habe ich eher damit, auf viele Menschen zu treffen, die glauben, sie könnten sich in unserer Konsumwelt, und dazu gehört auch der Kunstmarkt, selbst erlösen.“ Was Thomas Rusche jetzt macht, folgt genau nicht einem solchen trügerischen Erlösungsgedanken, es ist aber wohl eine Rettungstat zu nennen. Ein Handeln aus unternehmerischer Verantwortung – und gewiss ein Opfer. Vielleicht ist es ihm ein schöner Gedanke, dass die Speisung des hungrigen Markts durch Umverteilung auch zu den guten Tugenden zählen könnte.

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