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Tesfaye Urgassa in London : Die Haut und die Knochen

  • -Aktualisiert am

Tesfaye Urgessa, „Same Old Shit 5“, 2021, Öl auf Leinwand, 190 mal 250 Zentimeter groß. Bild: Saatchi Yates

Die junge Londoner Galerie Saatchi Yates will ihre Künstler zu internationalen Stars machen. Jetzt sind dort Werke des äthiopischen Malers Tesfaye Urgessa zu sehen.

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          Wer im Londoner Nobelviertel Mayfair eine neue Galerie mit fast tausend Quadratmetern Ausstellungsfläche eröffnet, muss nicht nur Startkapital haben, sondern auch Selbstbewusstsein. Darüber — und einen ansteckenden Enthusiasmus — verfügt Phoebe Saatchi Yates, die 27 Jahre alte Tochter des britischen Kunstsammlers und ehemaligen Werbeunternehmers Charles Saatchi. Mit der Sammlung ihres Vaters aufgewachsen, arbeitete sie zunächst einige Jahre für seine nichtkommerzielle Ausstellungshalle, die Saatchi Gallery in Chelsea. Im Oktober 2020 eröffnete sie dann, zusammen mit ihrem Mann Arthur Yates, in der traditionsreichen Cork Street die Galerie „Saatchi Yates“, die sich auf den Aufbau noch unbekannter Künstler konzentrieren will. Ihre Pläne gehen allerdings schon jetzt über den Standort London hinaus: „Wir sind sehr ambitioniert. Wir wollen uns als globale Galerie aufstellen, und wir wollen, dass unsere Künstler globale Stars werden“, sagt Phoebe Saatchi Yates. Seine Künstler findet das Händlerpaar auch auf Social-Media-Plattformen wie Instagram und TikTok. Viel junges Talent sehen die beiden in Deutschland, „wegen der vielen guten Kunsthochschulen“. Das Risiko, sich auf noch nicht international aufgestellte Künstler zu konzentrieren, fängt die Galerie mit Handel im Sekundärmarkt ab, was sich während der Lockdowns schon als wichtiges, zweites Standbein bewährt hat.

          Die dritte Ausstellung richtet Saatchi Yates gerade dem in Deutschland lebenden äthiopischen Maler Tesfaye Urgessa aus. Geboren 1983, studierte Urgessa in seiner Heimatstadt Addis Abeba zunächst technisches Zeichnen und Kunsterziehung, bevor er 2009 mit einem DAAD-Stipendium zum Studium der Malerei an die Stuttgarter Kunstakademie kam. Über Deutschland hinaus bekannt ist Urgessa, der mit seiner Familie in Nürtingen lebt, seit seiner Soloschau von 2018 in den Uffizien in Florenz. Während seiner Aufenthalte in Italien machte Caravaggio mit seinem dramatischen Helldunkel besonderen Eindruck auf ihn. Das lässt sich an seinen neuen Gemälden ebenso ablesen wie seine Bewunderung für die „London School“, Lucien Freud oder Francis Bacon. Die Einflüsse verbinden sich in Urgessas großformatigen figurativen Bildern mit seiner eigenen Geschichte und kulturellen Identität.

          Im Zentrum seiner Bilder steht der menschliche Körper: fast oder ganz nackt, ungeschützt, verletzlich, zugleich statuarisch und in Bewegung. Die Figuren stehen meist in enger Beziehung zueinander, scheinen teilweise miteinander zu verschmelzen. Zweidimensional, das Gesicht frontal oder im Profil, wirken sie selbstbestimmt und ein wenig unnahbar. Deutlich zeigt sich Urgessas starker Bezug auf die antike, christlich-orthodoxe Kunst Äthiopiens. Die dargestellten Körper haben etwas Blockartiges, erhobene Hände und zeigende Finger scheinen den Betrachter auf Wichtiges hinzuweisen. Vor allem Füße und Augen verweisen auf Themen, die den Künstler bewegen: die leidvollen Erfahrungen von Migranten, die entbehrungsreiche Wege auf sich nehmen, um nach Europa zu kommen; die Erfahrung von Überwachung und fehlender Privatheit, durch Institutionen oder Mitmenschen, die Einwanderern mit Misstrauen begegnen. In seinen neuesten Bildern begegnet man immer wieder einem Paar, manchmal mit einem Kind, das über den scheinbar privaten Charakter hinaus auf die Heilige Familie verweisen kann.

          Bis zum 15. August. Preise von 35.000 bis 60.000 Pfund.

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