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Spaniens Kunstmarkt : Nur eine Million Euro

  • -Aktualisiert am

Die Galeristin Begoña Martínez in Alicante hinter der Gipsbüste „Silencio autocensurado“ (Selbstzensiertes Schweigen, 2016) der Konzeptkünstlerin Concha Jerez. Bild: Clementine Kügler

Vielen Galerien gehe die jetzige Krise an die Existenz: Spaniens Kunstmarkt in Zeiten von Notstand und Ausgangssperre.

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          Das aktuelle Spitzenlos auf dem spanischen Kunstmarkt kommt aus einem Auktionshaus, das bislang nur Online-Versteigerungen durchführte. Darley Arts aus Valencia versuchte sich am 19. Februar mit einer ersten Saal-Auktion und konnte prompt ein Gemälde des 1991 gestorbenen chinesischen Künstlers Lin Fengmian für 700.000 Euro abgeben. Wenig später kamen alle Pläne, sich neben dem Online-Geschäft auch mit Auktionen vor Publikum einen Namen zu machen, zum Erliegen. Seit dem 14. März herrschte Corona-Notstand in Spanien und vereitelte alle Arbeit, die nicht systemrelevant ist. Seit dem 11. Mai nun können Galerien und Auktionshäuser mit weniger als 400 Quadratmeter Grundfläche stufenweise wieder öffnen. Wie überall verlegten sie sich während der Ausgangssperre auf ihre Websites und Branchenplattformen und die sozialen Netzwerke.

          Unterdessen begannen die Verbände der Kulturschaffenden mit dem Kulturministerium zu verhandeln, um die wirtschaftlichen Verluste aufzufangen, die schon in der Krise von 2008 an Künstler und Galerien ruinierten. Die Folgen spüren sie bis heute. Die Banken verweigern ihnen die von der Regierung versprochenen Kredite, weil sie Buchläden, Kinos oder Galerien für nicht solvent halten. Anfang Mai wurde deshalb ein neues System günstiger Kredite für Kulturschaffende eingerichtet, für das die Regierung bürgt. Der Kultursektor wird mit 76 Millionen Euro unterstützt, das Geld geht hauptsächlich an den Buchhandel, die Kinos und die Bühnen. Die bildende Kunst erhält davon nur eine Million Euro. Damit sollen digitale Projekte zur Förderung und der Ankauf von zeitgenössischer spanischer Kunst finanziert werden. Der spanische Galerienverband (CG) protestiert energisch. Seine Präsidentin, die Madrider Galeristin Idoia Fernández, nennt diese Unterstützung „eine Schande“: Weiter reichende finanzielle Hilfen seien dringend nötig, der Notstand habe lange vorbereitete Ausstellungen verhindert, und es häuften sich Verdienstausfälle und Kosten. Ob auch Künstler Zugang zu den Krediten haben, sei noch gar nicht klar, so Fernández gegenüber dieser Zeitung.

          Wir finanzieren alte Kredite mit neuen

          Die Galeristin Begoña Martínez führt die Galerie „Aural“, die einzige für zeitgenössische Kunst in Alicante. „Es bleiben Kredite. Wir finanzieren alte Kredite mit neuen, wie ein Fisch, der sich in den Schwanz beißt“, sagt sie, „und die Zukunft ist ungewiss. Nicht nur für uns, genauso für die Museen.“ Auch sie nennt den Beitrag des Kulturministeriums einen Skandal, er zeige die völlige Unkenntnis, wie dieser Markt funktioniert, wie Künstler, Galerien, Museen und Kuratoren arbeiten. Martínez vermisst, wie viele andere, ein attraktives Sponsorengesetz und eine bessere Zahlungsmoral der öffentlichen Hand. Denn die Werke, die die Region Valencia im vorigen Jahr angekauft habe, und die zugesagten Subventionen seien bis heute nicht bezahlt. Vielen Galerien gehe die jetzige Krise an die Existenz, sagt sie. Die Online-Arbeit sei zwar ein Weg, aber die Präsenz vor einem Kunstwerk hält sie, auch das wie viele andere, trotzdem für wesentlich. Gerade erst im Januar hat Martínez eine Zweigstelle in Madrid eröffnet. Diesen Schritt sieht sie positiv; in gewisser Weise helfe die Galerie in der Hauptstadt der Arbeit in Alicante.

          Die gebürtige Deutsche Helga de Alvear, die mit ihrer Galerie in Madrid und ihrem Museum in Cáceres zu den erfolgreichen Veteraninnen gehört, hat selbst eine Million Euro an die öffentliche Forschungseinrichtung CSIC für die Entwicklung eines Impfstoffs gegen das Coronavirus gespendet. Sie möchte helfen und ihre Hochachtung vor Ärzten und Krankenhauspersonal ausdrücken. Dass jetzt der Kauf von Kunst keine Priorität habe, verstehe sie vollauf. „Natürlich geht jetzt niemand in Galerien. Die müssen umstellen. Wir setzen auf Film- und Videokünstler, die sich online vermitteln lassen.“ In der Krise zeigen sich viele Künstler solidarisch mit glückloseren Kollegen, manche Galeristen veranstalten Benefizverkäufe, berichtet sie. Die 1936 geborene Alvear ist optimistisch: „Wir haben schon andere Krisen überstanden und sollten nicht so viel jammern.“

          Vergleichsweise optimistisch bewerten die Auktionshäuser die Lage. Der Chef der Madrider Traditionsfirma Ansorena, Jaime Mato, bleibt dabei, dass Saal-Auktionen und Vorbesichtigungen absolut notwendig seien. Ohnehin bietet auch Ansorena die Möglichkeit, online zu bieten. Das Haus will bis zur Sommerpause drei Auktionen mit limitiertem Publikum durchführen; das Interesse sei da, es lägen bereits zahlreiche schriftliche Gebote vor. Da die Mobilität weiterhin eingeschränkt ist, vertrauen die Kunden auf die langjährigen Experten. Außerdem kämen in Krisenzeiten oft interessante Werke auf den Markt, die das Angebot bereicherten. Das Auktionshaus Balclis in Barcelona glaubt, die Krise bewältigen zu können, weil man dort schon vor zehn Jahren begonnen hat, auf das Internet und Online-Versteigerungen zu setzen. Natürlich sei die Pandemie ein Drama und eine wirtschaftliche Katastrophe, sagt der Direktor Enric Carranco, und vermutlich werde es spürbar sein, dass manche Kunden und Sammler unter der neuen Finanzkrise leiden und sparsamer sein müssen. Aber inzwischen hat Balclis seine Kunden in ganz Europa, nutzt internationale Plattformen und ermutigt alle Interessenten, sich umzustellen. Die Galerien, meint Carranco, hätten es da schwerer, weil sie stärker vom persönlichen Kontakt abhängen.

          So sieht das auch José María de Francisco, Leiter der Graphikmesse Estampa, die im Herbst in Madrid stattzufinden pflegt. Er glaubt, dass die virtuelle Kunstvermittlung nur eine erste Annäherung erlaubt; die persönliche Besichtigung sei entscheidend für den Kauf. Die Messen böten Galerien und Kunstinteressierten große Foren auf relativ kleinem Raum; in diesem Sinn seien sie unersetzlich. Und de Francisco sieht in der Krise die Chance, den heimischen Markt auszubauen: „Machen wir Schluss mit dem Exzess der Globalisierung. Wir haben in Spanien eine gute Chance, Sammler zu gewinnen.“

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