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Sommerauktionen mit Pechstein : Tanz auf dem Vulkan

Taxe 2 bis 3 Millionen Euro: Max Pechstein, „Russisches Ballett“, 1909, Öl auf Leinwand, 100 mal 100 Zentimeter Bild: Grisebach

Ein Gemälde Max Pechsteins verbreitet Aufbruchstimmung auf den Sommerauktionen bei Grisebach in Berlin. Für weitere Highlights sorgen Max Beckmann, Emil Nolde und amerikanische Fotografen.

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          Wie so viele war auch Max Pechstein elektrisiert von der Tanzperformance, die nicht nur die Berliner Secessionisten einhellig bejubelten: Im Mai 1909 gaben die von Sergej Diaghilew kurz zuvor in Paris gegründeten „Ballets Russes“ ein Gastspiel an der Spree und begeisterten mit einer Expressivität, die das Ballett revolutionierte. Den Brücke-Künstler Pechstein inspirierte die avantgardistische Bühnenschau zu einem Frühwerk mit raschen Pinselstrichen, das die Aufbruchstimmung jener Tage einfängt. Zwei Tänzer bringen den Pas des deux von Harlekin und Pierrot zur Aufführung, ein Spiel der Gegensätze zwischen einem Tollpatschigen im weiten weißen Gewand mit überlangen Ärmeln hier und einem Agilen mit Maske im eng anliegenden karierten Kostüm dort. Der grüne Hintergrund und die rote Bühne scheinen wegzuklappen – Pechstein setzt einen Tanz auf dem Vulkan in Szene. Das Bild gewinnt an Aktualität in Zeiten, in denen der russisch-europäische Kulturaustausch zum Erliegen gekommen ist.

          Kevin Hanschke
          Volontär.

          Auch deshalb verwundert es nicht, dass das 100 mal 100 Zentimeter messende Ölgemälde mit einem Schätzpreis von 2 bis 3 Millionen Euro an der Spitze der Sommerauktionen bei Grisebach steht, die vom 1. bis zum 3. Juni stattfinden. 65 Jahre befand sich die Leinwand in Privatbesitz, nun hofft das Berliner Auktionshaus auf ein Museum als Abnehmer. Bei den Frühjahrsauktionen im vorigen Jahr konnte ein niederländisches Seestück von Max Beckmann an das Den Haager Kunstmuseum vermittelt werden. Im aktuellen Katalog findet sich ein verwandtes Werk Beckmanns. „Grauer Strand“ von 1928 zeigt Strandkörbe und Flaggen vor rauer See (Taxe eine bis 1,5 Millionen Euro). Der ­Antagonist dazu ist Wassily Kandinskys spätimpressionistisch anmutendes Strandgemälde „Scheveningen – Strand“ von 1904 (140.000/180.000).

          Marianne von Werefkins „Der Abgrund“ von 1923, Tempera auf dünnem Karton, 59 mal 69 Zentimeter, Taxe 100.000 bis 150.000 Euro.
          Marianne von Werefkins „Der Abgrund“ von 1923, Tempera auf dünnem Karton, 59 mal 69 Zentimeter, Taxe 100.000 bis 150.000 Euro. : Bild: Grisebach

          Den „Abgrund“ stellt Marianne von Werefkin in ihrer gleichnamigen Küstenlandschaft von 1923 dar (100.000/150.000). Alexej von Jawlensky „Stillleben mit Blumen und Früchten“ (200.000/250.000) reizt das Auge mit satten Blütenfarben ebenso wie Ernst Wilhelm Nays schwungvolle Geometrien „Figurale – Eta“ von 1949 (150.000/200.000) mit Erdtönen. Zwei weitere Gemälde Nays kommen zum Aufruf: „Mit grüner Scheibe“, ein Beispiel seiner großformatigen „Documenta-Bilder“ von 1964 (250.000/350.000) und „Drei Orange“ (180.000/240.000).

          Nachdem Grisebach 2016 eine erste Tranche aus der Sammlung Adalbert und Thilda Colsman versteigert hatte, folgt nun Teil zwei. Unter den sechzig Werken befindet sich Emil Noldes Ölgemälde „Hohe See“ mit einem Schätzpreis von einer bis 1,5 Millionen Euro, gefolgt von „Christina“, einem Porträt von Noldes Nichte Christina Christensen (400.000/600.000). Ewald Mataré steuert die Skulptur „Große kniende Kuh“ (100.000/150.000) zur Auktion bei. Paul Cézannes frühe Zeichnung „Homme nu“ (50.000/70.000) ist eines der Highlights in der Sektion 19. Jahrhundert. Präsentiert werden Zeichnungen von Max Klinger aus der Sammlung Fritz Tögel, der die Arbeiten aus dem Nachlass des Künstlers erwarb (1000/10.000). „Der heilige Eustachius“ von Albrecht Dürer (40.000/80.000) ist hingegen eine der prächtigsten Arbeiten des Renaissance-Künstlers. Grisebach bietet einen Abzug an, der der Datierung zufolge zu Lebzeiten des Künstlers oder wenig später entstanden ist. Noch höhere Erwartungen weckt die großformatige Bleistiftzeichnung „In der Kirche“ von Adolph Menzel mit 60.000 bis 80.000 Euro. Sie stammt aus der Sammlung der Berliner Sparkasse.

          Emil Nolde, „Christina“, 1915, Öl auf Leinwand, 59 mal 50 Zentimeter, Taxe 400.000 bis 600.000 Euro.
          Emil Nolde, „Christina“, 1915, Öl auf Leinwand, 59 mal 50 Zentimeter, Taxe 400.000 bis 600.000 Euro. : Bild: Grisebach

          Unter den Zeitgenossen dominiert der deutsche Neorealismus, vertreten etwa durch Karin Kneffels Früchtestillleben „(F XXXVIII)“ (150.000/200.000). Das Selbstbildnis „Pierrot Lunaire – DER DANDY“ aus dem Jahr 1984 von Markus Lüpertz könnte einen Rekord erzielen (60.000/80.000). Die Fotografie-Auktion ist amerikanischen Pionieren der Street Photography gewidmet mit Aufnahmen von Bruce Davidson, Helen Levitt, Saul Leiter und Nicholas Nixon (1000/5000). Insgesamt werden bei den Sommerauktionen 660 Kunstwerke mit einem mittleren Schätzpreis von 16 Millionen Euro in sechs Auktionen versteigert.

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