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Solidarität mit Pussy Riot : Das sind Künstlerinnen

  • -Aktualisiert am

Mit einer Benefizaktion sammelte die Galerie Lombard & Freid in New York für das Kollektiv Pussy Riot. Was lief im Kunstkino? Fünf Videos der russischen Aktionistinnen.

          New Yorker Galerien verlangen in der Regel kein Eintrittsgeld. Aber wer sich die fünf Videos anschauen wollte, die Lombard Freid Projects an den vorschriftsmäßig weißen Galerienwänden explodieren ließ, musste jetzt fünfzig Dollar auf den Tisch legen. Zumindest einen Abend lang wollte die amerikanische Kunstwelt sich nicht mit sich selbst beschäftigen, sondern ihre Solidarität mit dem russischen Künstlerinnenkollektiv Pussy Riot unter Beweis stellen, gemeinsam mit Amnesty International und anderen Kultur- und Menschenrechtsorganisationen.

          Die Veranstaltung war der Auftakt für eine Reihe von Abenden, die in den nächsten Tagen und Wochen in anderen Städten und Teilen des Landes als Protest gegen die Verurteilung von drei Mitgliedern der Gruppe und zugleich als Fundraising für ihre weiteren Gerichtskosten und, noch dringender, für ihre notleidenden Familien geplant sind. Maria Alekhina und Nadeschda Tolokonnikova, beide in Haft, sind Mütter noch kleiner Kinder.

          Wider Putins Machtmissbrauch

          Lea Freid, die gemeinsam mit Jane Lombard die Galerie gegründet und immer wieder gesellschaftskritisch bespielt hat, will mit den fünf Pussy-Riot-Videos aber auch auf eine Gruppe von insgesamt zehn Künstlerinnen aufmerksam machen, deren Performances der Justizskandal in den Hintergrund gedrängt hat. Was die grellbunt maskierten und kostümierten Gestalten auf den Videos vorführen, ist in der Tat von einer anarchischen Rohheit, wie sie in der profitzentrierten New Yorker Galerieszene schockieren muss.

          Auf dem Roten Platz, in der U-Bahn und eben auch in der Moskauer Christus der Retter-Kathedrale, in der die Frauen die Gottesmutter in lautstark feministischer Verbundenheit anflehten, Putin das diktatorische Handwerk zu legen, haben sie freilich nichts anderes getan, als sich in die avantgardistische Protest- und Krawalltradition zu reihen: „Das sind Künstlerinnen, nicht bloß Aktivistinnen“, sagt Lea Freid.

          In ihrem wütenden Kunstkampf gegen den politischen, juristischen und religiösen Machtmissbrauch eines Putin und seiner Putinisten werden sie aber automatisch zu Aktivistinnen, und als solche sind sie erst ins Blickfeld von Amnesty International geraten. Suzanne Nossel, Leiterin der amerikanischen Sektion, sieht Pussy Riot denn auch im größeren russischen Unrechtsrahmen, in dem das Geschick der Gruppe keineswegs als Ausnahmefall zu verstehen sei: „Es ist ein weiteres Anzeichen dafür, dass Putin seinen Angriff auf die Meinungsfreiheit in Russland fortsetzt.“

          Amnesty International fordert darum auch die amerikanische Regierung auf, sich für die Freilassung der drei Mitglieder von Pussy Riot, für ihre Sicherheit und die ihrer Familien und Anwälte einzusetzen. Ein ausgesprochen frommer Wunsch zumal im Wahlkampf, der Amerikas Politiker jetzt voll und ganz beschäftigt. Umso wichtiger ist daher der amerikanische Spendenpragmatismus, der im Zeichen der Kunst eine akute menschliche Not zu lindern versucht.

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