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Singapur „Art Stage“ : Singapurs Blamage

Bild: Picture-Alliance

Direktor Lorenzo Rudolf kippt die Singapurer Messe „Art Stage“ kurz vor der Eröffnung

          Singapur, der straff geführte Stadtstaat in Südostasien, überlässt so wenig wie möglich dem Zufall. Aus Sicht der seit der Unabhängigkeit 1965 immer gleichen Führung bedeutet Unkalkulierbarkeit Risiko. Deshalb planen die Singapurer auf Jahrzehnte voraus. Manager lieben das; denn sie wissen, was sie sich einhandeln. Künstler lieben einen solchen Staat allenfalls, wenn er sie unterstützt. Das tut Singapur, wenn diese Künstler unpolitisch bleiben und nicht an der Gesellschaftsstruktur rütteln. Manche, die mehr wollten, sind gegangen, zumal strikte Zensur herrscht.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Die reiche Tropeninsel, die sich dank harter Arbeit aus dem Nichts zu einem der führenden Wirtschaftsplätze entwickelte, konzentrierte sich über Jahrzehnte auf das Geldverdienen, auf die Sicherung des Einkommens ihrer heute fast sechs Millionen Einwohner. Es entstanden Fabriken und Wohnungen, dann Krankenhäuser und Universitäten. Aus der Verbrecherhöhle wurde nach dem harten Durchgreifen die „Stadt der Strafen“ – die „fine city“, wie die Singapurer selbst doppeldeutig scherzen. Niedrige Steuersätze machen die Insel zusätzlich attraktiv. Eines allerdings fehlte: Lebensfreude.

          Mehr zu bieten als Tennisplätze

          Hierher kam man, um Geld zu machen. Nicht mehr und nicht weniger. Das bekam Singapur immer dann zu spüren, wenn es einen Entwicklungssprung plante. Wollten die Macher des Stadtstaats Talente aus dem Silicon Valley anziehen, sagten spätestens die Ehefrauen ab: Mehr als Tennisplätze und die „Freunde der Museen“ schien die Stadt ihnen nicht zu bieten. Deshalb öffnete sich Singapur der Kunst. Erst finanzierte man ein Cabaret aus Paris, dann das Tyler-Print-Institut, eine Druckerei für Kunst auf Papier – Ungefährliches halt, das den Ruf poliert. Bald aber folgte die Biennale, die erstmals sogar Kunst gegen die – in Singapur praktizierte – Todesstrafe zeigen durfte, damit nur niemand über Zensur stöhne. Dann förderte der Staat Galerien, half beim Konzipieren von Ausstellungen. Eine Kunsthochschule wurde ausgebaut, Museen eröffnet. Ein großer Tresor am Flughafen macht sein Geld damit, dass Sammler ihre Millionen-Dollar-Werke dort steuerfrei lagern können.

          Früh erkannte die Chance Lorenzo Rudolf, der frühere Macher der Art Basel. Gemeinsam mit einigen Galeristen ließ er sich auf den Kunstmarkt Südostasiens ein. Nicht zuletzt natürlich, weil dieser Markt dank der Talente in Indonesien, Thailand und auf den Philippinen die nächste Bonanza, nach China und Indien, versprach. Also baute Rudolf die Kunstmesse „Art Stage“ in Singapur auf. Sein Engagement war enorm: Der Impresario brachte Sammler, Galeristen, Kritiker und Architekten auf die Bühne, schuf Räume für die Künstler der Region, bildete aus. Um die Messe herum schuf Singapur eine Kunstwoche, die frischen Wind brachte. So schön das Konzept war – es funktionierte nicht. Denn der Stadt mit der höchsten Millionärsdichte der Welt fehlt die Grundlage für ein „Florenz des 21.Jahrhunderts“. Die Reichen kaufen ihre Kunst in Basel, Miami oder Hongkong. Und die Kunstszene glaubt, in der Militärdiktatur Thailand oder im muslimischen Indonesien freier arbeiten zu können als im Zensur-Staat. Zumal die Kosten allein schon für Ateliers überall niedriger sind als in Singapur.

          Jetzt hat Lorenzo Rudolf die Tür sehr laut zugeschlagen. Neun Tage vor der geplanten Eröffnung der „Art Stage“ sagte er sie Knall auf Fall ab. Aussteller sitzen nun auf erheblichen Geldbeträgen, Künstler haben gearbeitet, ohne ihre Werke zeigen zu können. Allerdings hatte Rudolf schon 2018 dieser Zeitung gegenüber unüberhörbar gedroht, abzuwandern, falls sich die Bedingungen nicht ändern würden. Damals fehlte es ihm an Unterstützung des Staats, und die Kosten waren zu hoch. Nun hat Singapur noch eins draufgesetzt: Es förderte mit seiner finanziellen Feuerkraft eine konkurrierende Kunstmesse im staatseigenen Galerienviertel Gillman Baracks. Das brachte das Fass zum Überlaufen.

          Ob der Kraftmensch Rudolf seinen Abgang so laut und auf Kosten der Kunst inszenieren musste, mag man bezweifeln. Dass Singapur sich – was selten genug geschieht – heftig verkalkuliert hat, lässt Kenner der Stadt den Kopf schütteln. „Irgendwas muss schrecklich falsch gelaufen sein in Singapurs offizieller Kunst-Welt“ twitterte selbst der deutsche Botschafter. Der Preis dafür ist hoch: Zum einen liegt offen, dass Singapur Kunst weiterhin als Staatskunst betrachtet, zum anderen ist das Vertrauen in die Kunstmacher Singapurs zerstört. Nur eines macht in der ganzen Misere Mut: Firmen, Universitäten und Privatleute springen den Galerien – und vielleicht auch ihrem blamierten Staat – bei. Sie haben ihre Tore nun der Kunst geöffnet, die eigentlich für die „Art Stage“ gebucht war.

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