https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunstmarkt/sigmar-polkes-haeuserfront-aus-der-sammlung-sohst-kommt-in-der-contemporary-evening-auction-bei-sotheby-s-in-new-york-zu-auktion-17976498.html

Polke-Auktion in New York : Alle Punkte werden Brüder

Sigmar Polke, „Häuserfront“, 1967, Dispersionsfarbe auf Leinwand, 170 mal 140 Zentimeter, Schätzpreis 10 bis 15 Millionen Dollar Bild: Foto Sotheby's/VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Freundschaftlich verbunden: Sotheby’s ruft bei der Contemporary Evening Auction in New York ein Werk Sigmar Polkes aus der Sammlung Sohst auf – in bester Gesellschaft.

          3 Min.

          Viele kleine Bildpunkte fügen sich zu einer Ansicht, die ebenso persönlich wie universell wirkt: Was für Sigmar Polkes Rasterbild „Häuserfront“ gilt, das am 19. Mai bei Sotheby’s in New York im Rahmen des „Contemporary Art Evening Sale“ erstmals zur Versteigerung kommt, trifft auch auf die deutsche Privatsammlung zu, der das auf 10 bis 15 Millionen Dollar taxierte Werk aus dem Jahr 1967 entstammt. Mehr als vier Dekaden gehörte es dem Hamburger Ehepaar Elisabeth und Gerhard Sohst: Sammlern, die sich von Mitte der Siebzigerjahre an ganz dem Gegenwärtigen verschrieben hatten, mit Schwerpunkten auf der Konzeptkunst und einer Vorliebe für Schwarz-Weiß-Kompositionen.

          Ursula Scheer
          Redakteurin im Feuilleton.

          Das Ergebnis der stetig genährten Leidenschaft ist eine Kollektion mit einer Vielzahl früh erworbener Werke großer Namen: Gerhard Richter, Sol LeWitt, Hanne Darboven und Daniel Buren; Robert Barry, Douglas Huebler, Joseph Kosuth und Lawrence Weiner; Thomas Schütte, Dan Graham, Richard Long – und eben Sigmar Polke. Als Dauerleihgabe bereichert ein Teil der Sammlung – darunter lange Polkes „Häuserfront“ – die Galerie der Moderne in der Hamburger Kunsthalle. Auch diverse Schenkungen an das Museum tätigte das Paar, das in den Achtzigern einen eigenen „Raum für Kunst“ in der Hansestadt unterhielt mit Schauen der ihnen teils freundschaftlich verbundenen Künstler, von denen sie Werke erworben hatten. Mit Kunst nicht nur leben, sondern einen lebendigen Austausch über sie fördern: Das war der Wunsch des Ehepaars. Für Bastienne Leuthe, die als Senior Director und Senior Specialist die Zeitgenossen-Abteilung von Sotheby’s in Deutschland leitet, sind Elisabeth und Gerhard Sohst ein „Vorbild dafür, wie man Kunst sammeln und mit ihr auf engagierte Weise umgehen kann“.

          Sigmar Polke bei der Arbeit an seinem Bild „Häuserfront“ in seinem Atelier
          Sigmar Polke bei der Arbeit an seinem Bild „Häuserfront“ in seinem Atelier : Bild: MARC LEVE, ESTATE OF MANFRED LEVE. ART © 2022 ESTATE OF SIGMAR POLKE / ARTISTS RIGHTS SOCIETY (ARS), NY / VG BILD-KUNST, BONN 2022

          Dabei bekannte der Anfang des Jahres verstorbene Gerhard Sohst 2006 an der Seite seiner Frau bei einer öffentlichen Veranstaltung freimütig über die Anfänge ihrer Sammlertätigkeit: „Wir hatten von Konzeptkunst praktisch keine Ahnung.“ Der Kauf von Grafiken der klassischen Moderne war ihnen verleidet worden, als sie irrtümlich einen Druck von Georges Braque erworben hatten, der sich als Ausriss aus einem Buch entpuppte. Von da an sollten es Unikate sein, doch bezahlbare – also solche eher unbekannter Zeitgenossen. Mit einer der ersten Ausgaben der Zeitung „Kunstforum international“ in der Hand reiste das Ehepaar nach Köln und Düsseldorf, schaute sich in Galerien um und hatte so sein „Schlüsselerlebnis“. Dass der in der Versicherungsbranche tätige Gerhard Sohst rot-grün-blind war und seine Frau als Naturwissenschaftlerin eine Präferenz für Mathematisches und Abstraktes mitbrachte, gab die Richtung vor; alles Weitere nahm mit wachsender Kenntnis im Austausch mit Künstlern, Galeristen und Kunsthistorikern seinen Lauf. „Es ist spannend, ein Werk zu haben, das sich jenseits der Wahrnehmung über eine geistige Auseinandersetzung erschließt“, fassten die Sammler ihre Motivation einmal zusammen.

          Toplos: Francis Bacon, „Study of Red Pope 1962“, zweite Version von 1971, Öl auf Leinwand, 198 mal 147,5 Zentimeter, Taxe 40 Millionen bis 60 Millionen Dollar
          Toplos: Francis Bacon, „Study of Red Pope 1962“, zweite Version von 1971, Öl auf Leinwand, 198 mal 147,5 Zentimeter, Taxe 40 Millionen bis 60 Millionen Dollar : Bild: Sotheby's

          Ein solches Werk ist auch die 170 mal 140 Zentimeter messende „Häuserfront“. Nur wenige von Polkes frühen Rasterbildern, die er, wie Fotografien des Künstlers bei der Arbeit an diesem Werk belegen, noch mit der Hand auf Leinwand malte, befinden sich heute in privaten Sammlungen. Polke nimmt in dem Werk die Standardisierung des Wohnens etwa im Plattenbau ins Visier; als Vorlage diente ihm wahrscheinlich eine Immobilienanzeige aus einer Zeitung. Stark vergrößert, parodiert das Bild den Mechanismus der konfektionierten Vervielfältigung wie Vermassung und fußt dabei auf dem „Kapitalistischen Realismus“, den der aus der DDR geflohene Polke mit Kollegen als ironische Replik auf die in Ostdeutschland verordnete Kunstform ausrief. Auf Ausstellungen zu sehen war das Werk unter anderem im Hamburger Bahnhof in Berlin, dem Astrup Fearnley Museum of Modern Art in Oslo und dem Museum of Modern Art in New York.

          Dass Sotheby’s den Markt für Polkes Werke anführt, sorgt für Spannung: 2015 verkaufte das Auktionshaus das Leinwandbild „Dschungel“ von 1967 für rund 27 Millionen Dollar mit Aufgeld; taxiert war es auf 8 bis 12 Millionen. Auch das Auktionsumfeld, in dem „Häuserfront“ nun zum Aufruf kommt, adelt das Bild. Die „Contemporary Evening Auction“ wird nach dem, was bisher bekannt ist, von einer „Study of Red Pope 1969“ von Francis Bacon in der zweiten Fassung von 1971 angeführt, mit einer Erwartung von 40 bis 60 Millionen Dollar.

          Weitere Toplose sind ein „Elvis“-Siebdruck aus dem Jahr 1963 von Andy Warhol (Taxe 15 bis 25 Millionen Dollar) und Ed Ruschas Textbild „Cold Beer Beautiful Girls“ von 1993 (15/20 Millionen). Die Offerte reicht von der Pop-Art bis zur Medienkunst, leitet über zur Auktion „The Now“ mit Zeitgenossen – und kommt wenige Tage nach Teil zwei der im Erbschaftsstreit zwangsweise verkauften Macklowe-Sammlung auf den Markt, deren erste Tranche im vergangenen Jahr mit einem Umsatz von 646 Millionen Dollar Rekorde brach.

          Andy Warhol, „Elvis“, 1963, Siebdruck auf Leinwand, 210,2 mal 117,5 Zentimeter, Taxe 15 bis 25 Millionen Dollar
          Andy Warhol, „Elvis“, 1963, Siebdruck auf Leinwand, 210,2 mal 117,5 Zentimeter, Taxe 15 bis 25 Millionen Dollar : Bild: Sotheby's

          Polkes „Häuserfront“, die vor der New Yorker Auktion in London ausgestellt ist, wird indes nicht veräußert, um die Kollektion Sohst zu zerschlagen, im Gegenteil: „Der Wunsch der Familie ist es, die Sammlung im Kern zu bewahren“, weiß Bastienne Leuthe. Auseinandergehen, um zusammenzubleiben. Oder, wie Sigmar Polke hintersinnig sagte: „Ich liebe Punkte. Mit vielen Punkten bin ich verheiratet. Ich möchte, dass alle Punkte glücklich sind. Die Punkte sind meine Brüder. Ich bin auch ein Punkt. Früher haben wir immer zusammen gespielt, heute geht jeder seine eigenen Wege. Wir treffen uns nur noch zu Familienfesten und fragen uns: Wie geht’s?“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der Rauch der Ölraffinerie von Lyssytschansk steht über der Stadt.

          Krieg in der Ukraine : Selenskyj: „Der Donbass wird ukrainisch sein“

          Der ukrainische Präsident spricht von einer sehr schwierigen Lage im Osten des Landes. Russland setze ein Maximum an Artillerie und Reserven ein. Die ukrainisch-orthodoxe Kirche sagt sich vom Moskauer Patriarchat los. Die Nacht im Überblick

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.
          Bildungsmarkt
          Alles rund um das Thema Bildung
          Sprachkurs
          Verbessern Sie Ihr Englisch
          Sprachkurs
          Lernen Sie Französisch