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Serie : Tabubruch: Aus dem Zentralarchiv 25

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„Ist das noch Kunst?“: Die Ausstellung „Ars multiplicata“ im Wallraf-Richartz-Museum 1968, die erste museale Multiple-Ausstellung überhaupt, stellte die Kriterien der Originalität und Einzigartigkeit in Frage und rührte damit an einem fundamentalen künstlerischen Tabu.

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          Erfinden ist göttlich - multiplizieren ist menschlich“, sagte Man Ray einmal, und menschlich war auch die Frage „Ist das noch Kunst?“, die, wie hier auf einem hektografierten, an ein Ausstellungsfaltblatt gehefteten Zettel zu sehen, am 6. März 1968 in der Kölner Kunsthalle öffentlich diskutiert werden sollte. Stein des Anstoßes war die am 13. Januar desselben Jahres am selben Ort eröffnete Ausstellung „Ars multiplicata - Vervielfältigte Kunst seit 1945“, zu der das Wallraf-Richartz-Museum mit der hier abgebildeten (noch nach dem echten Fotokopierverfahren verfertigten) Fotokopie die Presse informiert hatte.

          Nur etwa zehn Prozent der mehr als 700 gezeigten Objekte waren „originale“ Multiples. Größtenteils waren Druckgraphiken ausgestellt, aber dennoch war diese Ausstellung die erste museale Multiple-Ausstellung überhaupt. Das heißt, ganz so museal war sie nicht, denn anders als im Museum konnte man alle ausgestellten Stücke auch kaufen, und deshalb sahen zahlreiche Kunstkritiker die Ausstellung als direkten Ableger des im Jahr zuvor begründeten Kunstmarkts Köln, der weltweit ersten Messe für moderne Kunst.

          Dort wie hier war damals, so steht zwischen den Zeilen der Kritik zu lesen, vermeintlich ein fundamentales künstlerisches Tabu gebrochen worden. Dort hatte man das zuletzt in Benjamins Aura-Begriff sakralisierte Kunstwerk ganz offen als Ware behandelt, hier wurden die Kriterien der Originalität und Einzigartigkeit in Frage gestellt und als Kunst bezeichnet, was nach Daniel Spoerri auf der Basis eines Prototyps und nicht mehr als vervielfältigte Reproduktion auf der Basis eines Originals im konventionellen Sinne entstanden war.

          Für Spoerri, der 1959 mit der Edition MAT (Multiplication d'Art Transformable) in Paris seinen Verlag für Kunstwerke gegründet hatte, und für Karl Gerstner, der 1964 als Mitverleger hinzukam, waren die Multiples „Originale in Serie“. Für ihre Herstellung und ihren Verkauf hatte Gerstner den Kölner Galeristen Hein Stünke gewonnen, dessen Galerie „Der Spiegel“ über eigene Werkstätten verfügte. Aus Stünkes Nachlaß stammen die hier abgebildeten Dokumente. Sie sind Teil einer Dokumentation zur Kölner „Ars multiplicata“, an deren Organisation Stünke ebenso beteiligt war wie an der Organisation des „Kunstmarkts Köln 1967“.

          Die rheinische Lokalpresse amüsierte sich damals über eine Anekdote (die freilich 1976 durch die Säuberung von Beuys' Badewanne in den Schatten gestellt wurde): Beim Auspacken der Multiples für die „Ars multiplicata“ hatte ein Museumsmitarbeiter ein Paket ausgepackt, in dem sich laut Frachtbrief ein Kunstwerk von Gianfranco Baruchello befinden sollte. Was er darin fand, war ein verschnürtes Packpapier-Päckchen mit einem Aufkleber „FRAGILISSIMO“. Er packte dieses Multiple aus und wunderte sich, daß es nur Papierschnipsel enthielt.

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