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Serie : Die Sonne kommt näher! Aus dem Zentralarchiv 21

  • -Aktualisiert am

Am 12. September 1967 feierte das erste experimentelle Lichttheater „Die Sonne kommt näher“ vom Zero-Mitbegründer Otto Piene in der Kölner Galerie „art intermedia“ seine Europapremiere.

          Ein durchsichtiger Plastiksack mit Kopfteil und weißer Schaumstoff-Füllung kam im Mai 1999 zur Versteigerung der Sammlung Rywelski im Kölner Auktionshaus Lempertz unter den Hammer (heute ist er in der Kunsthalle Bremen). Dabei handelt es sich um ein Aktionsrelikt des ersten experimentellen Lichttheaters mit dem Titel „Die Sonne kommt näher“ vom Zero-Mitbegründer Otto Piene, das dem „Partizipienten“ zur Entspannung und Kontemplation während der 35 Minuten währenden Aufführung dienen sollte.

          Im März 1967 am New Yorker „Black Gate Theater“ vorbereitet, feierte das multimediale Lichtspektakel dann am 12. September 1967, einen Tag vor der Eröffnung des ersten Kölner Kunstmarkts, seine Europapremiere. Aufführungsort: Galerie „art intermedia“ - eine der progressivsten Kölner Galerien, die nur kurze Zeit, von 1967 bis 1972, existierte. Der „Aktionsraum“, wie ihn der Galerist Helmut Rywelski (1928 bis 1998) nannte, befand sich in der Domstraße 8, nur wenige Minuten vom Hauptbahnhof entfernt. Ein feuchter und nur provisorisch weiß getünchter Kellerraum, der den antielitären Bestrebungen Rywelskis voll entsprach.

          Ausgestattet mit neuester Technik

          „Legen Sie sich hin, und ziehen Sie sich am besten die Schuhe aus“, lautete die begrüßende Aufforderung an die Gäste. So fanden diese sich im ganzen Keller auf den Plastiksäcken liegend verteilt, umgeben von zwei Lichtplastiken - durchlöcherten Aluminium-Lampions - und zwei großen, himbeerfarbenen Luftballons, die von Staubsaugern auf etwa drei Meter Durchmesser aufgeblasen wurden. Mit neuester Technik ausgestattet - vier Karussell-Diaprojektoren nahmen Teil -, projizierten vier Vorführer zeitgleich aus allen Ecken 800 Dias, die Piene mit fluoreszierenden Nitrofarben abstrakt bemalt hatte. Die Palette reichte von kalten blauen Tönen über warme rote bis hin zu reinen weißen Flächen, die auf Wände, Decke, Publikum und Ballons als Projektionsflächen strahlten. Zeitgleich repetierte eine monotone Tonbandstimme: „The sun! The sun! The sun! . . .“, das Tempo synchron zu den Projektionen immer schneller werdend. Der Betrachter sollte stärker in den Wahrnehmungsprozeß des Lebens einbezogen werden - eine erlebbare Kunst stand hier im Vordergrund.

          Informationszentrale für audiovisuelle Ereignisse

          Für die Vielfalt der künstlerischen Ausdrucksmittel der sechziger Jahre konnte der vorhandene „Kunst“-Begriff nicht ausreichen, dem für Rywelski darüber hinaus ein stark elitärer Impetus anhaftete, der den „einfachen Bürger“ davon abhielt, sich einer Kunst mit politisch- und sozial-konstruktiven Zielen zu öffnen. Somit schien der vom amerikanischen Fluxus-Künstler Dick Higgins geprägte Begriff „intermedia“ (“Zwischenform“) ideal für den Avantgardegaleristen, Kunstjournalisten und -kritiker Helmut Rywelski, der viel mehr als eine konventionelle Galerie, nämlich eine „Informationszentrale für audiovisuelle Ereignisse“ avisierte und sich unermüdlich für die Belange seiner „Intermedis“ einsetzte, nicht aus vordergründig kommerziellem Interesse.

          Jede Graphik für 'ne Mark

          Zu den spektakulärsten Aktionen gehörten „Vakuum - Masse“ (1968) von Joseph Beuys oder, auf der Straße vor der Galerie, die Aktionsplastik „Ruhender Verkehr“ (1969) von Wolf Vostell. In der Szene sogenannte „Accrochagen“ (Gemeinschaftsausstellungen) sowie Einzelausstellungen fanden hier statt, an denen Künstler wie Diether Roth, H. P. Alvermann, Hans Salentin, George Brecht, Robert Filliou und zahlreiche andere Mitglieder der vielfältigen Happening- und Fluxusbewegung teilnahmen.

          Die Forderung einer Demokratisierung der Kunst war symptomatisch für die Zeit, und so brachte Rywelski 1972 unter anderem eine Edition mit dem Titel „Marksgrafik“ heraus - jede Grafik für 'ne Mark. Konsterniert über die exorbitante Preisentwicklung des Kunstmarkts, nagelte er schließlich seinen Stand auf der Berliner Kunstmesse im Oktober 1972 zu und verabschiedete sich gänzlich von der Szene.

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