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Serge Gainsbourg : Verliebt, verfemt, verloren

  • -Aktualisiert am

Serge Gainsbourg war Idol, Verführer und Prügelknabe - nicht nur für Frankreich. Jetzt kommen Manuskripte seiner berühmten Chansons in Paris zur Auktion.

          Zwanzig Jahre nach dem Tod von Serge Gainsbourg erinnert die Mauer seines Domizils in der Rue de Verneuil immer noch an den einstigen Bewohner. Sie ist wohl die einzige mit Graffiti bemalte Mauer im siebten Arrondissement, einem der teuersten Viertel von Paris. Eine Aufnahme des englischen Fotografen Nigel Parry zeigt Gainsbourg 1989 im geöffneten, tadellos gebügelten Jeanshemd vor der Graffitiwand seines Hauses; er hat den Blick abgewandt, in der Hand eine brennende Zigarette. Er ist unrasiert und sein Gesicht ist gezeichnet von Alkohol und Tabakkonsum. Dieses Schwarzweißfoto und vier weitere aus derselben Serie sind Teil der Versteigerung von Chanson-Manuskripten, Autographen und Memorabilia Gainsbourgs am 9.November bei Sotheby’s in Paris.

          Das Konvolut mit Dokumenten der achtziger Jahre, seiner letzten Schaffensperiode, stammt aus dem Besitz seines Butlers Fulbert Ribeaut. Fünf Manuskripte berühmter Chansons stehen im Mittelpunkt - eine Seltenheit: Denn außer dem für Juliette Gréco geschriebenen „La Javanaise“, das 2002 im Drouot 34000 Euro erzielte, gab es kaum solche Manuskripte auf dem Markt. Spätestens mit dem Welthit „Je t’aime moi non plus“ - 1969 mit Jane Birkin - etablierte Gainsbourg sich als Aufrührer in Sachen Sex. „Love on the Beat“, zugleich Titel eines Albums von 1984, mimt ähnlich explizit, von schwerem Rock-Rhythmus unterlegt, den Liebesakt. Auf den beiden schwarz beschriebenen Blättern (Taxe 12.000/ 18.000 Euro) lassen zahlreiche Korrekturen und bislang unbekannte Varianten Anklänge an Baudelaire erkennen, die aus der endgültigen Fassung verschwunden sind. Die vier Strophen von „No comment“, einem weiteren Titel des Albums, sind so knapp gefasst, dass sie auf nur ein, mit schwarzem Filzstift beschriebenes Blatt passen (8000/12.000).

          Öffentliche Geldverbrennung

          Mehr als zehn Jahre lang waren Serge Gainsbourg und Jane Birkin ein emblematisches Paar. 1980 verließ sie ihn. „Sorry Angel“ von 1984 nimmt in schwärzester Manier Bezug auf diesen Bruch; die endgültige Fassung umfasst zwei Seiten (12.000/18.000). Gainsbourg nahm 1987 in New York sein letztes Studioalbum auf. Er wandte sich dem Rap zu. Das Manuskript von „You’re Under Arrest“ (5000/7000) zeugt auch von der physischen Erschöpfung des Künstlers. In den Achtzigern nahm das gespenstische Doppel namens „Gainsbarre“ von ihm Besitz. Gainsbarre konnte als „poète maudit“ medienreife Skandale anzetteln.

          Im März 1984 verbrannte er vor Millionen Fernsehzuschauern drei Viertel eines Fünfhundertfranc-Scheins, um den Anteil seiner Steuern zu dokumentieren. Dieses Geld gehe nicht an die Armen, erklärte er, sondern an die Atomindustrie. Seine Geste wurde missverstanden und brachte ihm säckeweise Beschimpfungen ein. Butler Fulbert legte die Protestbriefe säuberlich ab. Dafür erhielt er vom Hausherrn eine halbe Fünfhundertfranc-Note mit der Widmung: „Affectueusement à Fulbert Gainsbourg“. Das Fragment mit dem Porträt von Blaise Pascal ist mit 15000 bis 20000 Euro das teuerste Los der Auktion. Francis Pelletan fotografierte „Serge mit Jane auf dem Rücken“ um 1969. Der Abzug trägt auf der Rückseite die Signatur Jane Birkins (300/400) - wie ein Schnappschuss aus glücklichen Tagen.

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