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Sammlerpaar Sembat und Agutte : Aus Liebe zur Avantgarde und zueinander

  • -Aktualisiert am

Sie malte ihn im Garten des gemeinsamen Haues in Bonnières-sur-Seine: Georgette Agutte, „Marcel Sembat lesend“ Bild: Hervé Champollion/AKG

Beim Sammlerpaar Marcel Sembat und Georgette Agutte gingen die Künstler des Montmartre ein und aus. Das Erbe der vor hundert Jahren Verstorbenen bewahrt ein kleines Museum an der Seine. Es ist eine Reise wert.

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          Ihre Meinung wurde geschätzt, zumal sie mit einer Sammlung zeitgenössischer Kunst hervorgetreten waren: Marcel Sembat und Georgette Agutte, seine Frau, galten als schillernde Figuren im französischen Kunstleben des frühen 20. Jahrhunderts. Der 1862 geborene Sembat, promovierter Jurist, war ein bedeutender sozialistischer Abgeordneter. Einen Namen hat er sich auch als Journalist und Buchautor gemacht, etwa mit Schriften im Spannungsfeld von Erstem Weltkrieg, Kohlekrise 1916 und Versailler Vertrag. Zu verdanken ist ihm zudem die erste Henri Matisse gewidmete Monographie.

          Sembat war an Kunst und Kultur sehr interessiert. Als Minister für öffentliche Bauaufgaben unter René Viviani und Aristide Briand von 1914 bis 1916 holte er seinen Freund, den Dichter und Kunstkritiker Gustave Kahn, in seinen Stab. Das politische Tagesgeschäft verband er mit seiner Leidenschaft und setzte seine Redegewandtheit ein, um nachzuhelfen. 1904 rettete er Henri Matisse mit der Vermittlung eines Brotjobs, den oberste Stellen vergaben, aus der Misere. 1909 stellte er sich erfolgreich hinter Paul Signac, der bei Kulturbehörden um Unterstützung des von ihm mitinitiierten Salon des Indépendants nachsuchte. Obwohl Sembat kein Anhänger Pablo Picassos oder Georges Braques war, verteidigte er 1912 mit einer flammenden Rede im Parlament den Kubismus und damit die Freiheit der Kunst. Im gleichen Jahr, sieben Jahre nach der Trennung von Staat und Kirche, als Denkmalschutz noch in den Kinderschuhen steckte, prangerte er – aus Gründen der Ästhetik, Identitätsstiftung und Heimatbindung – den Verfall oder gar Abriss kleiner Landkirchen an.

          Wo Cézanne und Monet auf Motivsuche waren

          Grundlage dafür waren zweifellos meinungsbildende Gespräche mit seiner Frau. 1897 hatte er Louise Georgette Aguttes geheiratet, Tochter eines früh verstorbenen Corot-Schülers. Die 1867 geborene Malerin und Bildhauerin, die sich Georgette Agutte nannte, stand René Piot und anderen Schülern des Ateliers von Gustave Moreau nahe. Hier kam sie mit einem Teil der späteren Fauves in Kontakt. Bekannt wurde sie besonders durch Stillleben und Landschaften in spätimpressionistischem Duktus.

          In der Hauptstadt lebte das Paar in der stillen Rue Cauchois, die zu Sembats Wahlbezirk am westlichen Montmartre gehörte. Während an dem Haus mit Garten nicht einmal eine Gedenktafel an sie erinnert, wurde ihnen in seinem gut sechzig Kilometer entfernten Heimatstädtchen Bonnières-sur-Seine ein kleines Museum eingerichtet. Das Geburtshaus Sembats, das seit wenigen Jahren im Namen der Kommune, aber ehrenamtlich betrieben wird und nach Vereinbarung besichtigt werden kann, wartet unter anderem mit dem Atelier auf, das Agutte sich hier einrichten konnte.

          Heutzutage macht Samuel Bouré, Bibliothekar und Motor des geräumigen, aber schlichten Refugiums, Besuchern transparent, dass Haus und Park für Sembat und Agutte eine Oase abseits der Pariser Betriebsamkeit waren. Hier verbrachten sie, lesend, schreibend oder malend, Wochenenden oder sommerliche Auszeiten. Während er, humanistisch gebildet, ein Buch nach dem anderen verschlang, bot ihr der Garten Inspiration für ihre Bilder. Anregung vermittelte auch der Blick aus dem hochgelegenen Atelier und von einer Dachterrasse auf die Seine, eine Brücke und über drei schmale Inseln hinweg nach Bennecourt am anderen Ufer. An diesem Dorf und seinem immer noch idyllischen Seine-Arm waren schon Paul Cézanne und Claude Monet auf Motivsuche gegangen. Wenige Kilometer stromabwärts erwarb Monet später sein Refugium in Giverny.

          „Diese Woche soll Rodin zum Mittagessen in die Rue Cauchois kommen; dann werde ich ihm unsere Werke von Ihnen zeigen, gespannt sein, welchen Eindruck sie auf ihn machen, und Ihnen davon berichten“, schrieb Agutte 1913 dem in Marokko weilenden Matisse. Das Sammlerpaar pflegte mit vielen Künstlern freundschaftlichen Umgang und lud nach Bonnières ein. Korrespondenzen spiegeln das breite Spektrum der Themen, zu denen seine Erwerbungen gehörten. Unter den mehr als 150 Gemälden, Zeichnungen, Keramiken und Plastiken befanden sich, neben solchen von Matisse und Signac, auch Bilder von Henri-Edmond Cross, André Derain, Kees van Dongen, Pierre Girieud, Henri Manguin, Albert Marquet, Édouard Vuillard und Maurice de Vlaminck. 1923 wurden große Teile der Kollektion dem Musée de Grenoble als Vermächtnis zugesprochen.

          Wenn sich das Paar weder auf Reisen im europäischen Ausland befand noch in Paris oder Bonnières, konnte man es in den Hochsavoyer Alpen antreffen, wo es in Chamonix-Mont-Blanc ein Chalet besaß. Hier erlitt Sembat am 5. September 1922 eine Gehirnblutung, an der er mit erst 59 Jahren verstarb. Kaum hatte die Nachricht vom Tod des populären Politikers ganz Frankreich betrübt, schockierten die Journale damit, dass sich die namhafte Malerin in der Nacht zum 6. September das Leben genommen hatte. Ihr Abschiedsbrief endete mit den Worten: „ … aber ich weiß, dass ich ohne ihn nicht leben kann. Nun ist es zwölf Stunden her, dass er [von mir] ging. Ich habe Verspätung.“

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