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Schachfiguren : Die Königin ist eine weiße Maus

  • -Aktualisiert am

Sie repräsentieren Ideologien und Kulturen, entsteigen der mythischen Unterwasserwelt und kommen auf Elefanten geritten: Schachfiguren dienen nicht immer nur dem Spiel, sondern manchmal auch künstlerischen Zwecken. Bei Christie's in London kommt jetzt eine einzigartige Figurensammlung zum Aufruf.

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          Anatoly Karpow, russischer Schachweltmeister, sagte einmal: „Schach ist alles - Kunst, Wissenschaft, Sport.“ Dass Schach nun auch nicht nur im Spiel, sondern auch beim Spielgerät wirklich hohe Kunst sein kann, offenbart jetzt eine Sammlung von Schachfiguren, die bei Christie's in London am 2. Mai zum Aufruf kommt.

          Doch kaum ein bedeutender Schachspieler käme wohl auf die Idee, mit diesen Kunstwerken eine wichtige Partie zu bestreiten: Die Figuren sind viel zu schön und kunstvoll gefertigt. Die Mäuse, Elefanten, Eskimos, napoleonischen Krieger oder auch literarischen Figuren begeistern durch ihren theatralischen Auftritt, den sie - auch ohne gezogen zu werden - auf dem Schachbrett vollführen.

          Mäuse und Eulen, prunkend und humpelnd

          Die Kollektion von Jean-Claude Cholet, der zu Lebzeiten selbst ein leidenschaftlicher Spieler war, bietet als teuerstes Los mit einer Schätzung von 20.000 bis 30.000 Pfund ein in Deutschland geschnitztes Elfenbein-Spiel mit Mäusen und Eulen als Figuren: Eine Elfenbein-Maus mit Perlenkette um den Hals und Krone auf dem Kopf stellt die Königin der weißen Spieler. Die Mausdame hält einen feingearbeiteten Fächer in der Hand.

          Eine schwarze Eule gibt den Herrscher der Gegenseite; er trägt eine prunkvolle, jedoch weiße Krone und hält ein Zepter. Die Bauern sind ärmlich gekleidete Mäuse oder eine verletzte Eule, die ihren Fuß in einer Schlinge hält und also nur - ihrer Rolle im Spiel angemessen - humpelnd vorwärtskommt. Da hat der aufmerksame Vogel auf seinem Turm schon eine bessere Position: Er überwacht die Flügel und steht zur Rochade bereit.

          Figurenensemble im Dienst kommunistischer Ideale

          Porzellan ist das Material eines russischen Schachspiels. Ein vollständiger Satz Figuren aus dem Jahr 1922 wird im Katalog „Propaganda“ (Taxe 3000/5000 Pfund) genannt: Der König in Arbeiterschürze hält passend einen Spaten in der Hand und trägt eine einfache Mütze. König und Königin personifizieren die Tugenden der Arbeit und der Freiheit. So zeigen sich auch hier die Einflüsse der Oktoberrevolution von 1917 auf russische dekorative Kunst und Design.

          Aus den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts kommt ein französisches Schachfiguren-Set (3000/ 4000): Es repräsentiert eine der entscheidenden Schlachten in den Napoleonischen Kriegen, die Schlacht von Borodino im September 1812. Napoleon Bonaparte und Marschall Davout stellen König und Königin. Im Nachbarland Italien wurde 1920 das „Sea-Life“-Schachspiel gefertigt: Der Anführer wird hier zu Neptun, dem Gott des Meeres, gemacht und seine Gattin zur Meerjungfrau (4000/6000).

          Schlichte Eleganz und elefanteske Größe

          Reduziert und deshalb von schlichter Eleganz ist das Design eines Schachspiels, das Man Ray um 1950 in Aluminium entwarf. Die weißen Figuren sind glänzend-goldfarben, die Gegner in warmem Rot (10.000/15.000) gefasst. Neben historischen Figuren und Tiergestalten findet sich in der Sammlung von Jean-Claude Cholet auch eine seltene Einzelfigur aus dem Italien des 11. Jahrhunderts: Die Funktion des 6,2 Zentimeter hohen Elefanten auf dem Brett, dem leider das linke Bein fehlt, ist ungeklärt; 1505 aber war er im Dienst der Abtei von Saint-Denis, so geben es Dokumente wieder.

          Auf Elefanten geritten kommen indische Schachfiguren des frühen 20. Jahrhunderts (10.000/15.000). Die beiden Könige zeigen sich auf den prächtigsten Tieren, die Springer stellen Löwen dar, die Bauern einfache Krieger. Aus Knochen gefertigt ist eine gruselige Totenkopf-Mannschaft aus Indonesien mit Hindi-Kopfschmuck: Ihr König fletscht beängstigend die Zähne (800/1200).

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