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Sammlung Simon-Wolfskehl : Erinnern Sie sich an unseren Kirchner?

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Auch Bilder haben ihre Schicksale. Die Sammlung der Moderne des Frankfurter Weingroßhändlers Eduard Simon-Wolfskehl ist fast vergessen.

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          Jenseits der aktuellen Bemühungen der Provenienzforschung, Unrecht aus der Zeit des Nationalsozialismus aufzuarbeiten und auszugleichen, erzählen die Geschichten hinter Bildern und Sammlungen von einem selbstbewussten Bürgertum, das sich durch das Bekenntnis zur Moderne vom Historismus und Plüsch des Kaiserreichs abzugrenzen versuchte. Gemälde der französischen Impressionisten oder Postimpressionisten waren wie Fenster zur Welt; Werke der jungen, nach neuen Wegen und Formen suchenden Kunst fungierten als programmatisches Bekenntnis zur Gegenwart und Zukunft.

          Eine heute nahezu vollständig vergessene und weitverstreute Kunstsammlung moderner Meister baute in den ersten Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts der Weingroßhändler Eduard Simon-Wolfskehl in Frankfurt auf. Der 1862 in Mainz geborene Kaufmann war um 1903 ins Frankfurter Westend gezogen, wurde Mitglied der „Kunstfreunde in den Ländern am Rhein“ und besuchte die Ausstellungen des Kunstvereins. Um 1910 erwarb er Van Goghs Gemälde „Frauenkopf“ von 1887, das sich heute in der Sammlung Rudolf Staechelin befindet, sowie Gauguins „Die roten Dächer“, das um 1894 entstand und heute im Metropolitan Museum in New York ist. Angespornt dazu wurde er vermutlich durch Georg Swarzenski, den seit 1906 amtierenden Direktor des Städel Museums, der aus seiner Begeisterung für die französische Moderne keinen Hehl machte.

          Die Kunst seiner Zeitgenossen

          Ermutigt durch den befreundeten Sammler und Publizisten Walter Müller-Wulckow und den Frankfurter Galeristen Ludwig Schames, ging Simon-Wolfskehl jedoch bald schon darüber hinaus und wandte sich der Kunst seiner Zeitgenossen zu: Innerhalb weniger Jahre erwarb er bedeutende Werke von Erich Heckel, Ernst Ludwig Kirchner, Max Pechstein, Emil Nolde, Christian Rohlfs, August Babberger, Albert Weisgerber, Paula Modersohn-Becker und Paul Klee. „Da mein Vater leidenschaftlicher Bildersammler war..., ging ich jeden Sonntagmorgen mit ihm zu ,Schames‘. Das war ein Bilderhändler in unserer Heimatstadt Frankfurt am Main am Theaterplatz“, erinnert sich Tony Simon-Wolfskehl viele Jahrzehnte später. „Was bei uns in den beiden Salons hing, war fast alles bei ihm gekauft. Im Herrenzimmer waren die alten Niederländer, die – geerbt zum großen Teil – die Liebe meiner Mutter waren. Ich selbst war ganz und gar auf die modernen Bilder von Hodler, Van Gogh, Gauguin, Kokoschka, Kirchner, Heckel und andere mehr eingestellt, trauerte denen nach, die unser Vater manches Mal gegen andere eintauschte.“

          Im Jahr 1917 gab Eduard Simon-Wolfskehl seine Gemälde von Van Gogh und Gauguin an die Münchner Galerie Heinrich Thannhauser ab und erwarb bei Schames, den Heckel einmal als seinen „besten und vornehmsten Kunsthändler“ bezeichnete, die „Häuser am Morgen (Brügge)“ von Heckel und Noldes Stillleben „Kuh, japanische Figur und Kopf“. Ein Werk von Klee kaufte er, wie seine Tochter sich im Alter erinnerte, für sie bei Zinglers Kabinett für Kunst- und Bücherfreunde in der Frankfurter Kaiserstraße.

          Die Begeisterung für Kunst und Moderne übertrug sich vom Vater auf die Tochter: Tony Simon-Wolfskehl studierte, als eine der ersten Frauen, von 1912 an Architektur an der Technischen Hochschule in Darmstadt. Obwohl sie bereits 1917 in Darmstadt ihr Examen machte, zog sie 1919 nach Weimar, um die Gründung des Bauhauses mitzuerleben, und setzte ihr Studium dort fort: „Hier ist’s fein. Gropius, Feininger famos! Es wird stark gearbeitet“, berichtete sie an Müller-Wulckow in Frankfurt und: „Heute sprach ich längere Zeit mit Gropius u. er ist dafür, daß ich auf der hiesigen Bauschule erst nochmal richtig technisch ausgebildet werde. Der Betrieb hier ist famos. Wir essen alle zusammen in einem Speisehaus, das eigens für uns eingerichtet ist.“

          Nach ihrer Zeit in Weimar, wo sie auch als Bühnenbildnerin für das Deutsche Theater tätig war, kehrte sie nach Frankfurt zurück. Eine kurze Liaison verband sie mit Carl Einstein, mit dem sie Kandinsky und Klee in deren Ateliers besucht hatte; mit Einstein lernte sie in Frankfurt auch Max Beckmann kennen. 1924 heiratete sie den Werbegraphiker Roderich Lasnitzki, mit dem sie 1927 nach Berlin zog. Zeit ihres Lebens kümmerte sie sich um die Sammlung ihrer Eltern. „Mein Vater möchte einiges abstoßen“, teilte sie Müller-Wulckow 1929 mit: „Erinnern Sie sich an unsern Kirchner? Auf dem Bild sind 2 Frauen (Frau Kirchner u. ihre Schwester, die sich die Hände in einer Schüssel waschen).“ Das kraftvolle Gemälde in Rosa und Grün, das heute zu den Hauptwerken Kirchners im Frankfurter Städel gehört, kaufte schließlich der I.G.-Farben-Manager und Sammler Carl Hagemann, aus dessen Nachlass es der Städelsche Museums-Verein erwarb.

          Einen großen Teil der Sammlung des Vaters konnte Tony Lasnitzki, die nach 1933 als Jüdin verfolgt wurde, ins Exil retten. Im Jahr 1936 emigrierte sie mit ihrem Mann ins belgische Gent. Nach der deutschen Besetzung wurde Roderich Lasnitzki verhaftet und 1942 in Auschwitz ermordet. Tony überlebte, weil sie sich über mehr als zwei Jahre bei einer alleinstehenden Dame in Gent verstecken konnte. Nach der Befreiung Belgiens lebte sie weiter mit ihrer Retterin, bis zu deren Tod, zusammen. Aus Dankbarkeit ihrer neuen Heimat gegenüber vermachte Tony Lasnitzki 1991 einige der expressionistischen Gemälde aus der Sammlung ihres Vaters, die sie 1936 nach Belgien hatte schmuggeln können, dem Museum voor Schone Kunsten in Gent: Paula Modersohn-Beckers „Mädchen im Birkenwald“, Heckels Stadtansicht von Brügge und das Gemälde „Moses überblickt das gelobte Land“ von Christian Rohlfs bilden in Gent nicht nur den Kern der Werke des deutschen Expressionismus, sondern auch eine Erinnerung an die in Frankfurt entstandene und heute vergessene Sammlung der Moderne Simon-Wolfskehl.

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