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Sammlung Muensterberger : Von lauter guten Geistern besessen

Afrikanische Kunst aus dem Nachlass Werner Muensterbergers wird versteigert. Auch bei Matisse stand eine feine Skulptur auf dem Kamin.

          Als der Psychoanalytiker Werner Muensterberger 1994 seine Abhandlung „Collecting. An Unruly Passion“ veröffentlichte, hat er selbst wohl, als passionierter Sammler, sehr gut gewusst, wovon er spricht. Schon ein Jahr später erschien das Buch auf Deutsch („Sammeln. Eine unbändige Leidenschaft“) mit dem erklärenden Untertitel „Psychologische Perspektiven“. Muensterberger geht es um die uralte Frage, warum Menschen Objekte aller Art anhäufen, keineswegs nur Kunst. Wenn er schreibt, dass solche Dinge „zum Identitätsgefühl beitragen und fungieren als eine Quelle der Selbstdefinition“, dann konstatiert er hinter der Passion einen ungedeckten Bedarf an Rollenmodellen beim Sammler. Er erklärt, dass jedes neue Stück zum „augenblickshaften symbolischen Versuch der Selbstheilung einer immer gegenwärtigen Enttäuschung“ diene.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Es sei hier nur angemerkt, dass Muensterbergers bis heute lesenswertes Buch - ohne diese Absicht zu verfolgen - auch jede Menge Hintergrund für die aktuelle Situation am globalen Kunstmarkt liefert, der den Erwerb von begehrtesten Werken zu höchsten Preisen exerziert: maßgeblich durch eine Klientel, die sich damit gesellschaftliche Abgrenzung kaufen will und zugleich die Aufnahme eben in die winzige Gruppe derer, die sich das leisten können. Dass sich daraus die pekuniäre Schlacht um die immergleiche Kunst der immerselben Künstler ergibt, liegt auf der Hand, so betrachtet. Auf der anderen Seite folgte Muensterberger - und das womöglich unbewusst im Wortsinn - Sigmund Freuds Spuren, der seine Sammlung von Antiken, echten Stücken und Repliken, die er seine „alten und dreckigen Götter“ hieß, um sich scharte damals in Wien, ohne Ansehung ihres kommerziellen Werts freilich.

          Die Lebenszeit Muensterbergers, geboren am 15. April 1913 in Dortmund als Sohn eines deutschen Fabrikanten und einer holländischen Mutter, durchmaß beinah ein Säkulum bis zu seinem Tod am 6. März 2011 in New York. Und es ist keine schlechte Pointe, dass jetzt, gerade ein Jahr später, Kunstwerke aus seinem einstigen Besitz zur Auktion kommen. Wer immer diesen Nachlass eingeliefert hat, will daraus bare Münze machen. Objekte afrikanischer Kunst hatte Muensterberger zuerst als kleiner Junge bei Eduard von der Heydt gesehen, einem entfernten Verwandten seiner Mutter (nach dessen Familie seit 1961 das Wuppertaler Von-der-Heydt-Museum benannt ist). Er bewahrte sich diese Leidenschaft über die Zeit hin: In den dreißiger Jahren emigrierte er nach Holland, studierte dann in Leiden und Basel Ethnologie und Kunstgeschichte, ehe er in die Vereinigten Staaten ging; bis kurz vor seinem Tod führte er eine psychoanalytische Privatpraxis in New York City.

          Von Muensterberger kommt das höchstbewertete Stück in der Versteigerung mit afrikanischer, ozeanischer und präkolumbischer Kunst bei Sotheby’s am 11. Mai: Es ist eine Helmmaske der Luluwa aus dem Kongo. Das 35 Zentimeter hohe Objekt, wohl aus dem 19.Jahrhundert, stellt eine Ahnin dar und war 1915 in Carl Einsteins Buch „Negerplastik“ abgebildet, einer ästhetischen Auseinandersetzung mit der Kunst der „Primitiven“ im Umfeld der damaligen Moderne. Muensterberger kaufte es 1959 für 12.000 Dollar bei dem New Yorker Künstler und Händlersammler Merton Simpson; jetzt steht die Schätzung dafür bei 1,5 bis 2,5 Millionen Dollar. Drei weitere Stücke aus seinem Besitz flankieren dieses erhabene Luluwa-Haupt.

          Es ist ein etwas problematischer Zug Muensterbergers, dass er Namen seiner prominenten Patienten preisgab, unter ihnen - überall nachzulesen - James Dean, Marlon Brando oder Lawrence Olivier. Das geht ganz gegen die Regeln der Profession, selbst in Amerika. Vielleicht ist es eine Auflehnung wider den Übervater Freud: Wer dessen kluge Hysterikerin „Fräulein Anna O.“ war oder der obsessive „Wolfsmann“, hat erst die Nachwelt identifizieren dürfen. Und vielleicht steht gerade Muensterbergers Vorliebe für die afrikanische Welt von Animismus und Typisierung seinem eigenen, narzisstischen Temperament gegenüber. Sein Buch jedenfalls würde diesen Eindruck psychologisch abstützen.

          Ganz anders kommt eine hübsche Skulptur daher, die bis 1915 in der Sammlung von Henri Matisse nachgewiesen werden kann und 1917 noch einmal auftaucht im linken Flügel seines berühmten Triptychons „Les trois sœurs“ (heute in der Barnes Collection in Merion, Pennsylvania). Als ein charmantes Aperçu thront die sitzende weibliche Figur der Bamana aus Mali dort im Hintergrund auf dem Kamin und betont die Anmut der drei jungen Frauen vorn. Ihre Taxe liegt bei 150.000 bis 250.000 Dollar.

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