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Sammlung Lauder : Oh my God!

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Dem Sohn und Erben von Estée Lauder, Ronald Lauder, gehört eine fabelhafte Kunstsammlung. Zurzeit kann sie in der New Yorker Neuen Galerie besichtigt werden.

          Ronald Lauders Sammeltätigkeit hat ein einfaches Prinzip - sagt er selbst: „Ich teile Kunst in drei Kategorien ein: ,Oh’ . . ., ,Oh my’ . . . und ,Oh my God’. Mein Ziel war von Anfang an, nur ,Oh my God’ zu kaufen.“

          Die auf österreichische und deutsche Kunst spezialisierte Neue Galerie auf Manhattans Upper East Side, die er zusammen mit seinem Freund, Mentor und Kunsthändler Serge Sabarsky ins Leben gerufen hat, feiert ihr zehnjähriges Bestehen mit einer Ausstellung von Ronald Lauders Privatsammlung. Man ist schon gewohnt, dort allerfeinsten Werken, etwa von Gustav Klimt und Egon Schiele, zu begegnen, doch das Spektrum dieser Sammlung beeindruckt nun auch den eingefleischtesten Museumsbesucher.

          Eine Tapisserie aus dem 15. Jahrhundert

          Was der Milliardär, der sein Vermögen der Kosmetikfirma seiner Mutter Estée Lauder zu verdanken hat, im Lauf seiner mehr als fünfzigjährigen Sammelleidenschaft zusammengetragen hat, reicht vom dritten vorchristlichen bis zum späten 20. Jahrhundert und umfasst keltische Gürtelschnallen, ottonische Elfenbeine, niederländische und italienische Renaissanceporträts oder bronzene Charakterköpfe von Franz Xaver Messerschmidt ebenso wie Zeichnungen von Seurat und Van Gogh und Werke von Beuys, Kippenberger und Polke. Wer die geschwungeneTreppe in die Beletage hinaufsteigt, wird von einem Bildteppich des 15. Jahrhunderts aus Tournai begrüßt.

          Ein paar Schritte weiter geht es in den dunkel getäfelten Saal, in dem sonst Vitrinen mit Arbeiten aus der Wiener Werkstätte prunken: Jetzt tut sich hier eine eklektische Schatz- und Waffenkammer auf. Modelle lebensgroßer Streitpferde sind stilecht gesattelt und tragen Rüstungsteile über Kopf und Brust, die zu den Rüstungen ihrer Reiter passen. Unter den Waffen ist ein österreichisches Schwert aus dem 15. Jahrhundert, das so schwer aussieht, als ob ein Mensch allein es kaum heben kann. Daneben sind barocke Pistolen mit feinster Einlegearbeiten zu bewundern.

          Sechs Gemälde von Cézanne

          Ronald Lauder war zwölf Jahre alt, als der Freund seines Vaters ihm die ersten historischen Waffen schenkte. Spätestens zu diesem Zeitpunkt entwickelte sich seine Sammelleidenschaft zu einer Sucht: „Ich finde Parade-Rüstungen wunderschön, aber Rüstungen, die in Schlachten getragen wurden, sind in ihrer Einfachheit noch berückender“, schreibt er im Vorwort des prächtigen, 540 Seiten schweren Katalogs, der im Prestel Verlag herausgekommen ist. Er besitzt eine der reichsten Sammlungen an Rüstungen weltweit und hat damit auch das Metropolitan Museum bestückt, wo eine der Galerien nach ihm benannt ist. Dass Ronald Lauder zu den reichsten Männern Amerikas gehört und dass er das Steuernsparen, unter anderem mit seinem philanthropischen Einsatz, zu einer besonderen Kunst erhoben hat, beleuchtete kürzlich die „New York Times“.

          Über einer Reihe faszinierender Helme mit engen Sehschlitzen hängen sechs Ölbilder von Cézanne: Sein herrlich melancholischer Mann mit verschränkten Armen scheint im Angesicht all der martialischen Geräte resigniert den Kopf zu schütteln. (Cézanne hat noch eine ganz ähnliche Version dieses Motivs gemalt, die drei Straßen weiter im Guggenheim Museum als Teil der Thannhauser Collection ausgestellt ist.) Zu Lauders mittelalterlichen Kostbarkeiten zählen emaillierte Reliquiare aus Limoges und Nürnberger Aquamanilien in Pferdeform ebenso wie ein reich verzierter elfenbeinerner Krummstab des 14. Jahrhunderts aus Volterra.

          Eine Bonbonnière von Josef Hoffmann

          Der nächste Raum ist ein Schritt in eine andere Welt: Hier leuchtet giftgrün das Polster einer ansonsten schwarzen Sitzgruppe von Koloman Moser. Trotz dieser Leuchtkraft nimmt sie nichts vom Glanz der unbestrittenen Königin der Sammlung: Blass wie stets blickt Klimts goldflimmernde Adele Bloch-Bauer den Betrachter an. Nach Österreichs später Restitution des Gemäldes an die Nichte der Porträtierten, Maria Altmann, vor sechs Jahren hat Lauder ihr das Bild, das er schon lange liebte, abgekauft. Der Preis soll bekanntlich 135 Millionen Dollar betragen haben. Altmann schenkte der Neuen Galerie dazu die zwei knienden Marmorknaben von George Minne, die das Bild schon bei der Internationalen Kunstausstellung in Mannheim im Jahr 1907 flankierten.

          In einer Vitrine funkeln die auf Hochglanz polierten Objekte der Wiener Werkstätte, darunter eine silberne Bonbonnière mit Lapislazuli-Ornamenten von Josef Hoffmann aus dem Jahr 1906 und eine abschließbare Silberdose mit roter Koralle von Koloman Moser, die Gustav Mahler an Weihnachten 1902 seiner geliebten Alma Mahler überreichte. Das anschließende Kabinett ist vor allem den Arbeiten auf Papier von Klimt und Schiele gewidmet: Schieles Porträt von Arnold Schönberg aus dem Jahr 1917 schaut so weltentraurig, als ob er ahnte, was das 20. Jahrhundert an Grausamkeiten bringen würde. Es war übrigens der Enkel des Komponisten, der Anwalt Randol Schoenberg, der die Restitution der Klimt-Gemälde an Maria Altmann erkämpfte.

          Eine Abstraktion von Kandinsky mit indianischem Klang

          Ein Stockwerk weiter oben gibt es zuerst eine geballte Ladung deutsche Kunst aus dem frühen 20. Jahrhundert: Der Expressionismus ist mit Kirchners in Blau und Grün gehaltener „Russischen Tänzerin Mela“ von 1911 vertreten sowie Erich Heckels bunten „Badenden“ von 1908, die Neue Sachlichkeit mit George Grosz’ gruseligem „Mann mit Glasauge“, Otto Dix’ verheultem „Halbakt“ und Christian Schads kühl erotischen „Zwei Mädchen“. Von Max Beckmann stammt das „Selbstporträt vor rotem Vorhang“ aus dem Jahr 1923. Es fehlt sein berühmteres „Selbstbildnis mit Horn“ von 1940, das aus der Sammlung von Stephan Lackner bei Sotheby’s in New York vor zehn Jahren für 22,6 Millionen Dollar (inklusive Aufgeld) versteigert wurde und seitdem regelmäßig in der Neuen Galerie zu sehen war. Auch Kirchners „Straßenszene“ sucht man vergeblich: Diese Werke seien nicht allein Eigentum von Lauders Privatsammlung, heißt es.

          „Oh my God“ muss man dann schon wieder sagen, wenn man Brancusi, Picasso, Matisse und Kandinsky zusammen sieht. An einer Wand prangt die Serie der vier monumentalen Bronzereliefs „Nu de dos“, die Matisse zwischen 1908 und 1931 schuf und die in ihrer fortschreitenden Abstraktion Meilensteine der Moderne darstellen. (Vier andere postume Güsse derselben Serie hat Sotheby’s kürzlich für rund 120 Millionen Dollar in einem Privatgeschäft verkauft.) Die Schwelle zur Abstraktion hat 1911 auch Kandinsky mit seiner großen, von Schönberg inspirierten „Komposition V“ überschritten, die in ihren bedeutungsvollen Linien an indianische Höhlenmalerei erinnert.

          Ronald Lauders Sammlung wird noch weiter wachsen. Dabei weiß er, dass alle wissen, dass er Spitzenpreise für die Werke bezahlt, die er haben will: „Das hat Vor- und Nachteile. Wenn ein Händler ein ,Oh my God’-Stück hat, dann wird er es mir zuerst zeigen.“

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