https://www.faz.net/-gqz-v9zr

Sammlung Graetz : Ein Haus wie ein Museum

Der Sammler Robert Graetz wurde von den Nationalsozialisten umgebracht, seine Kollektion versteigert. Ein Buch erzählt von dem vergessenen Schicksal der jüdischen Familie und ihrer hochkarätigen Sammlung.

          Seit der spektakulären Versteigerung von Ernst Ludwig Kirchners „Berliner Straßenszene“ erregt die Problematik der Restitution jüdischer Kunstsammlungen, die der Nationalsozialismus zerstörte, großes öffentliches Interesse. Weniger bekannt als der Kunstbesitz des Erfurter Schuhfabrikanten Alfred Hess, dem Kirchners nach New York verkauftes Gemälde entstammte, ist die ebenso auf deutschen Expressionismus konzentrierte Sammlung des Stoffproduzenten Robert Graetz. Angelika Enderlein rückt in ihrem Buch über den Berliner Kunsthandel in der Weimarer Republik und während des Nationalsozialismus die zwischen 1920 und 1935 aufgebaute Kollektion des jüdischen Sammlers in den Mittelpunkt ihrer Recherchen.

          Camilla Blechen

          Redakteurin im Feuilleton.

          Im Geiste der Avantgarde

          Am 5. Oktober 1878 in bescheidenen Verhältnissen geboren, gelang Robert Graetz nach einer Kaufmannslehre 1907, zusammen mit einem Teilhaber, die Gründung einer Textilfabrik. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs erwarb er eine Villa im Berliner Grunewald. Die Ausstattung der komfortablen Räumlichkeiten überließ Graetz seinem als Kunsthändler und Geschäftsführer der „Novembergruppe“ tätigen Bruder Hugo, der den Ankauf von Gegenwartskunst forcierte. Ins Rampenlicht rückten die Erwerbungen durch die Aufforderung des Direktors der Berliner Nationalgalerie, Ludwig Justi, an einer Schau zeitgenössischer Kunst aus Privatbesitz teilzunehmen. Für die Präsentation im Kronprinzenpalais stellte Graetz vier Gemälde von Schmidt-Rottluff, ein Stillleben von Pechstein und ein Mädchenbildnis von Paula Modersohn-Becker zur Verfügung. Die hochkarätigen Leihgaben erfüllten Justis Ansprüche an den Geist der Avantgarde; weitere Ausstellungsteilnehmer waren der passionierte Kirchner-Sammler Markus Kruss und der vom „Blauen Reiter“ eingenommene Bernhard Koehler.

          Obwohl die Sammlung Graetz nicht katalogisiert wurde, gelingt es Angelika Enderlein, anhand von überwiegend vagen Informationen der Nachkommen, ein Verzeichnis aufzustellen, dem zufolge die Kollektion knapp zweihundert Werke umfasste: Gemälde, Skulpturen, Zeichnungen und Druckgraphiken. Familienmitglieder erinnern sich an Werke von Liebermann, Ury, Dix, Radziwill, Karl Hofer und Jakob Steinhardt. Die rechtzeitig nach Südafrika ausgewanderte Tochter Hilda versicherte 1954 eidesstattlich: „Unser Haus glich einem Museum.“

          Zur Versteigerung gezwungen

          Die Auflösung der Sammlung begann mit einer Annonce im „Völkischen Beobachter“, die für den 25. Februar 1941 die „Versteigerung einer gepflegten Wohnungseinrichtung“ ankündigte. Nach Verabschiedung der unheilvollen „Nürnberger Gesetze“ am 15. September 1935 hatte der als „Mittelpunkt jeder Gesellschaft, sprühend voll Witz und Leben“ geschilderte Fabrikant nacheinander Villa und Firma verloren. Um der drohenden Verarmung zu entgehen, ließ er im Auktionshaus Gerhard Harms 289 Objekte versteigern - vornehmlich Einrichtungs- und Gebrauchsgegenstände, aber auch eine Tierplastik von August Gaul, die für hundert Reichsmark angeboten wurde, und das in Weißporzellan ausgeformte „Russische Liebespaar“ von Barlach, dessen Erwartung bei vierzig Reichsmark lag. Nicht zu beweisen ist, ob die aus Lettland stammende Ehefrau des Sammlers die bei der Auktion erzielten 9942 Reichsmark vor ihrer Verhaftung als „Staatsfeindin“ noch erhielt. Robert Graetz wurde am 14. April 1942 in das Lager Trawniki bei Lublin deportiert und Ende 1945 von einem Berliner Amtsgericht für tot erklärt.

          Vor der Katastrophe war es dem Ehepaar gelungen, Teile der Kunstschätze bei Bekannten zu verstecken. Corinths „Porträt Alfred Kerr“ überstand die Zersplitterung der Sammlung durch Einlagerung in einer Berliner Spedition, die es in den fünfziger Jahren an die Staatlichen Schauspielbühnen weitergab. 1963 übernahm das Stadtmuseum das Bildnis des Theaterkritikers. Das 1956 eingeleitete Restitutionsbegehren der Graetz-Erben wurde 1965 durch einen Vergleich geregelt.

          Bilder gegen Konfektionsware

          Bisher unentschieden ist die Forderung nach Rückgabe zweier Gemälde von Schmidt-Rottluff, die sich in der Berliner Nationalgalerie befinden. Wohl Mitte der dreißiger Jahre waren der „Gutshof in Dangast“ von 1910 und ein „Selbstporträt“ von 1920 in den Besitz des Berliner Großindustriellen Max Meirowsky gelangt, der 1938 in die Schweiz emigrierte. Beide Werke gehörten zu den kapitalen Erwerbungen, die Adolf Jannasch für die 1945 gegründete „Galerie des 20. Jahrhunderts“ aus dem Kunsthandel ankaufen konnte, bevor sein Haus 1968 mit der Nationalgalerie fusionierte. In der Sammlung Graetz befanden sich vier Gemälde des Dresdner Malers Conrad Felixmüller, dem der kunstsinnige Textilkaufmann persönlich so nahe stand, dass der Erwerb von Bildern über „Damenkonfektion“ für die attraktive Malersgattin vonstatten gehen konnte. Während die verschollen geglaubte „Apfelblüte - Klotzsche Dorf“ Mitte der neunziger Jahre auf Auktionen zweimal liegenblieb, fand sich 1997 bei einer Versteigerung der Villa Grisebach in Berlin ein Bieter für Felixmüllers „Selbstbildnis (in Sportmütze vor der Staffelei)“. Ein nachträglicher Versuch der Erbengemeinschaft, das Porträt zurückzugewinnen, scheiterte am Recht und Willen des Auktionshauses, die Identität des Käufers für sich zu behalten.

          Obwohl die geringe Zahl erhaltener Kunstwerke aus dem Besitz von Robert Graetz keine definitiven Rückschlüsse darüber erlaubt, welchen Stellenwert die Sammlung im Kontext jener Berliner Privatsammlungen besaß, die zum Siegeszug der Moderne beitrugen, förderte sie zweifellos das Ansehen einer ganzen Reihe von Künstlern des Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der französische Präsident Emmanuel Macron während seiner Ansprache an die Nation.

          Protest der „Gelbwesten“ : Macrons Kehrtwende

          Er sei kein Weihnachtsmann, hatte der französische Präsident Emmanuel Macron zuvor gesagt. Doch fast ein Monat mit teils gewalttätigen Protesten zeigt jetzt Wirkung: Zum 1. Januar gibt es in Frankreich Geldgeschenke.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.