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Meisterwerke der „Brücke“ : Sammlung Gerlinger kommt unter den Hammer

Eines der Spitzenwerke der Sammlung: Ernst Ludwig Kirchner, „Das blaue Mädchen in der Sonne“, 1910, Öl auf Leinwand, 71 mal 81 Zentimeter Bild: Nikolaus Steglich/Sammlung Hermann Gerlinger

Eine der bedeutendsten Sammlungen expressionistischer Kunst wird versteigert: Die Kollektion des Unternehmers Hermann Gerlinger, die bisher in Museen hing, kommt von Mitte des Jahres an bei Ketterer zum Aufruf.

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          Der „Brücke“-Sammler Professor Hermann Gerlinger will die von ihm über Jahrzehnte mit großer Sachkenntnis zusammengetragenen Werke „an Sammler der nächsten Generation“ versteigern lassen und den Erlös gemeinnützigen Organisationen stiften: Das teilte das Münchner Auktionshaus Ketterer mit, das mit der Veräußerung der Sammlung des 1931 geborenen Unternehmers aus Würzburg beauftragt wurde. Sie soll in mehreren Tranchen erfolgen.

          Ursula Scheer
          Redakteurin im Feuilleton.

          Vier Museen und fünf Städte hatten sich zuvor Hoffnung gemacht, eine der bedeutendsten privaten Kollektionen expressionistischer Kunst dauerhaft bewahren und der Öffentlichkeit zugänglich machen zu können – vergebens.

          Von den fünfziger Jahren an hat Gerlinger, unterstützt durch seine Frau Hertha, vornehmlich Arbeiten von Mitgliedern der Künstlergruppe „Brücke“ erworben. Am Anfang stand ein Holzschnitt Karl Schmidt-Rottluffs: Die „Melancholie“ aus dem Jahr 1914 stotterte Gerlinger als Student in Fünf-Mark-Schritten bei einer Galerie ab. Es war der Beginn einer Jahrzehnte währenden Faszination, die Gerlinger Werke auch Erich Heckels, Ernst Ludwig Kirchners und Fritz Bleyls versammeln ließ. Darüber hinaus erwarb er Arbeiten von Emil Nolde, Max Pechstein, Otto Mueller und anderen. Zu Schmidt-Rottluff pflegte er persönlichen Kontakt. Mehr als tausend Objekte trug Gerlinger zusammen: etwa fünfzig Gemälde, achthundert Zeichnungen, des Weiteren Aquarelle, Holzschnitte, Radierungen, Lithographien, Skulpturen und – eine Besonderheit – mit den Werken aus allen Schaffensphasen der Künstler in Zu­sammenhang stehende Dokumente. In ihrer Geschlossenheit wird die Sammlung mit der des Brücke-Museums in Berlin verglichen; Gerlingers Buch über seine Kollektion gilt als Standardwerk.

          Eine beständige museale Bleibe für sie zu finden, gelang indes nie, ob­wohl es an Anläufen, Anbahnungen und Zusagen auf Zeit nicht mangelte. Dass alle letztlich scheiterten, wirft ein Schlaglicht auf die komplizierte, in diesem Fall offensichtlich von Frustrationen auf beiden Seiten geprägte Beziehung zwischen privatem Sammler und öffentlicher Hand. Ur­sprünglich schwebte Gerlinger ein Haus für seine Sammlung in Würzburg vor. Über das Wo und Wie konnte er sich mit der Stadt nicht einigen. Stattdessen kam die Kollektion Mitte der neunziger Jahre leihweise nach Schleswig ins Museum Gottorf.

          Sammler mit Engagement, Expertise und Eigensinn: Hermann Gerlinger im Jahr 2008 im Landesmuseum Moritzburg in Halle
          Sammler mit Engagement, Expertise und Eigensinn: Hermann Gerlinger im Jahr 2008 im Landesmuseum Moritzburg in Halle : Bild: picture alliance/ASSOCIATED PRESS

          Als die Landesregierung Druck ausübte, um eine Überführung der Sammlung in eine Stiftung oder Schenkung einzuleiten, zog der Mäzen sein Konvolut ab und entlieh es von 2002 an dem Kunstmuseum Moritzburg in Halle. Dort war die Freude groß, hatte das Haus doch einst Werke der „Brücke“ bewahrt und 1937 durch die NS-Aktion „Entartete Kunst“ verloren. Gerlinger schien eine historische Wunde zu schließen. Gleichwohl liebäugelte er mit dem Kunstmuseum Bern als potentiell dauerhaftem Ort für seine Kunst, das allerdings abwinkte: Der Forderung, sie wissenschaftlich aufzubereiten, um sie übernehmen zu dürfen, wollte man wohl nicht entsprechen. Die Sammlung blieb in Halle, standesgemäß untergebracht im neu errichteten Anbau. Doch 2017 verschwand ein kleines Selbstporträt Schmidt-Rottluffs aus dem Museum. Gerlinger ging und nahm sein Eigentum mit, das er nun im Buchheim-Museum in Bernried am Starnberger See unterbrachte. Der Leihvertrag dort wurde im September 2021 in „gegenseitigem Einvernehmen“ aufgelöst, wie es heißt.

          Statt einem Museum will Gerlinger seine Kollektion nun Sammler anvertrauen. Der Erlös der auf vier Jahre angelegten Auktionen, deren Schätzwert Ketterer zufolge im achtstelligen Bereich liegt, soll der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, dem BUND Naturschutz und der Stiftung Juliusspital Würzburg zugutekommen. Wer zum Abschied einen Blick auf Sammlungsobjekte im Kontext werfen möchte, kann dies vom 16. Juli an in der Ausstellung „Brücke & Blauer Reiter“ in Bernried tun: Vierzehn Werke aus der Sammlung Gerlinger sind für sie noch einmal ausgeliehen.

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