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Sammlung aus dem Haus Orléans : Ein Zipfelchen vom Mantel der Geschichte

  • -Aktualisiert am

Vom repräsentativen Gemälde bis zum Ordensschmuck: Bei Sotheby’s in Paris kommt Besitz der ehemaligen französischen Könige zur Versteigerung. Manche Werke wurden zuvor als national wertvolles Kulturgut eingestuft.

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          Das älteste Stück dieser historischen Sammlung aus dem Haus Orléans ist ein kleines dunkles Fetzchen Stoff, das liebevoll in einen vergilbten Briefbogen gebettet wurde. Darauf ist zu lesen „Ein Stück des Mantels Ludwigs des Heiligen, König von Frankreich - 1793 aus einem Reliquienschrein in Saint-Denis entwendet“. Im August 1793 waren die königlichen Gräber und die Basilika von Saint-Denis von der Revolution geplündert worden. Wie diese winzige Mantelreliquie aus dem 13. Jahrhundert, die immerhin auf 6000 bis 8000 Euro geschätzt wird, sind die mehr als 200 Gegenstände und Kunstwerke der Sammlung nicht nur Zeugnisse der bewegten Königsgeschichte Frankreichs, sondern haben selbst eine ruhelose Geschichte hinter sich.

          Die Gemälde, Möbelstücke und Manuskripte, das Porzellan und der emblematische Ordensschmuck stammen ursprünglich aus den verschiedenen Wohnsitzen der Herzöge von Orléans. Sie begleiteten das Leben einer Dynastie. Als Louis-Philippe, der letzte regierende französische König und aus dem Haus Orleans stammend, nach der zweiten Revolution von 1848 ins Exil fliehen musste, reisten all diese Objekte mit der Königsfamilie mit, nach England, Belgien und Portugal. Sie blieben stets im Besitz der Nachkommen von Louis-Philippe. Erst in den fünfziger Jahren kamen sie wieder zurück nach Frankreich. Heute sind es die Erben der Grafen von Paris, die die historische Sammlung am 29. und 30. September bei Sotheby’s in Paris versteigern lassen.

          Ein neuer Platz im Louvre?

          Zu den Höhepunkten unter den Gemälden gehört zweifellos eine Serie aquarellierter Zeichnungen von Louis Carmontelle. Dieser talentierte Autodidakt war nicht nur Ingenieur, Landschaftsgestalter und Präzeptor im Hause Orléans, er war auch ein begnadeter Maler; mit seinen Zeichnungen dokumentierte er die inoffizielle Seite des aristokratischen Lebens im Ancien Régime. Er überrascht Monsieur de Mornay beim Nickerchen, in einem Sessel, die Füße auf den Kaminsims hochgelegt (Taxe 80.000/120.000 Euro). Die „Gentilshommes“ des Herzogs von Orléans malt er mit Humor in Rückenansicht: Sechs erlauchte Herren mit Perücke, schwarzer Haarschleife und rotem Rock stehen aufgereiht nebeneinander und betrachten andächtig eine Parklandschaft (250.000/350.000).

          Diese „Sammlung für die Geschichte“, wie Sotheby’s die Auktion betitelt, ist eine heterogene Mischung aus Privatheit und Repräsentation. Ein Ölgemälde von Nicolas-Bernard Lépicié von 1774 zeigt eine liebevolle Familienszene mit dem späteren König „Louis-Philippe in der Wiege“ (150.000/200.000). In den öffentlichen Raum führt hingegen ein 160 Zentimeter langes Orden-Collier mit Lilien- und Kronenmotiven: Derselbe Louis-Philippe trug es 1824 zur Krönung seines Vorgängers Karl X. (200.000/300.000). In die Kategorie Kuriosum gehört zweifellos ein ledernes Kästchen mit samtgefassten Laden, in denen große geheimnisvolle Schlüssel liegen (3000/5000); so könnten die Schlüssel zum Paradies aussehen. Zur Zeit der Julimonarchie von Louis-Philippe öffneten sie immerhin die Tore in die königlichen Landgüter, die Parks von Versailles und Vincennes oder den Wald von Saint-Germain-en-Laye.

          Drei herausragende Werke waren zuvor als nationales Kulturgut eingestuft worden und erhielten keine Exportgenehmigung. Laut Sotheby’s sind die Verhandlungen mit den französischen Museen noch nicht abgeschlossen. Das imposante Ganzfigurporträt Ludwigs XIII. von Philippe de Champaigne könnte als Pendant eines Porträts von Richelieu in den Louvre passen. Ein bezauberndes Bildnis der Herzogin von Orléans von Elisabeth Louise Vigée Le Brun könnte im Louvre oder im Schloss von Versailles seinen Platz finden.

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