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Salzburger Galerien zur Festspielzeit : Unter einem Himmel voller Geigen

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Bei Mario Mauroner: Rebecca Horn, „Drei Grazien im Tanz“, 2020 Bild: Mario Mauroner Contemporary Art/VG Bild-Kunst, Bonn 22

Von Rebecca Horn bis Sean Scully: Zur Festspielzeit legen auch die Salzburger Galerien wieder große Auftritte hin. Dass gleich mehrere von ihnen Jubiläum feiern, beflügelt sie zusätzlich.

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          An der Wand hängen Geigen, auf Knopfdruck streichen ihre Bögen aber nicht etwa die Instrumente, sondern Glastrichter. Es trifft sich bestens, dass die Galerie Mario Mauroner Rebecca Horns Wandinstallation „Drei Grazien im Tanz“ von 2020 zeigt. An diesem Beispiel ist live zu erleben, was kinetische Plastiken der Künstlerin, die das diesjährige Programmheft der Salzburger Festspiele illustrieren, mit ihren Motoren anstellen können. Die „Grazien“ stimmen ihr klirrendes Lied nicht nur zu dem großen Musikfestival an, sondern auch zum Jubiläum von fünfzig Jahren Galerie Mauroner. Unter dem Titel „Inspire me“ zeigt sie in ihren Gewölberäumen in der fürstbischöflichen Residenz Arbeiten von Christian Boltanski, Jan Fabre, Kendell Geers, Jaume Plensa und vielen weiteren Wegbegleitern und Inspiratoren. (Bis 31. August)

          Jubiläum feiert auch die 1982 eröffnete Galerie Thomas Salis und nimmt zu diesem Anlass das „Prinzip Collage – von Arp bis West“ in ihrer Ausstellung mit Katalog in den Blick. Angereichert mit ein paar Leihgaben führt die breit gefächerte Auswahl in die Technik ein, die zu den vielfältigsten der Kunst zählt. Hans Arps „Avant ma Naissance“ von 1914, ein Werk aus geschnittenen Papieren und zerlegten Schachteln, verfügt über eine erlesene Provenienz, stammt es doch aus der ehemaligen Sammlung von Herta Wescher, der Verfasserin eines Standardwerks zum Thema Collage (150.000 Euro). Tiefer in die Materialkiste griff Jean-Jacques Lebel für sein „Portrait de Mona Lisa et sa dou­blure Rose Selavy“: Silberdruck, Nägel, Spiegel, Stoff, Kunsthaar und manches mehr verwendete er für den Frauenakt und die Schnurrbartattrappe (45.500). Das jüngste der siebzig Beispiele stellt James Rosenquists galaktisches Chaos „Source for after Berlin II“ aus dem Jahr 1998 (Preis auf Anfrage). (Bis 31. August)

          Bei Nikolaus Ruzicska: Ben Willikens, „Raum 1421“, 2019, Acryl auf Leinwand, 200 mal 250 Zentimeter Bilderstrecke
          Galerien in Salzburg : Musik liegt in der Luft

          Die runden Ge­burtstage häufen sich in diesem Salzburger Festspielsommer: Vor zehn Jahren eröffnete die Wiener Galerie Frey eine Dependance am Salzburger Erhardplatz im idyllischen Nonntal und präsentiert dort nun einen Querschnitt ihres umfangreichen Programms. Da gibt es wilde Schwünge aus Cortenstahl von Pieter Obels neben einem 2021 gefertigten Schüttbild von Hermann Nitsch (96.500). Da gibt es Jorge Fuembuenas Fotografien im morgendlichen Grönlandeis (7800), derweil die Kanadierin Kate Waters Impressionen flüchtiger Momente in Öl fixiert (7150). Außerdem gibt Seamus Kealy, im Hauptberuf Direktor des Salzburger Kunstvereins, sein Debüt als Maler mit einer Wand voller kleiner Szenen aus Filmen, Politik oder Kunstkontexten – zum Beispiel Menschen in „Wall/Floor Positions“ von Bruce Nauman (je 1400). (Bis 4. September)

          Ben Willikens malt menschenleere Architekturen in kühlen Grau- und Blautönen. Die Räume scheinen Hüllen zu sein, in denen Licht und Schatten symbolisch für Geschehnisse stehen. In der Galerie Nikolaus Ruzicska hängen Fortsetzungen der Reihe „Orte“, in der Willikens sich in den Neunzigerjahren mit Bauten der NS-Zeit auseinandersetzte, um der „Verquickung von Macht, Grausamkeit, Licht und Strahlkraft“ nachzuspüren. Diesmal steht Hitlers Berghof im Fokus; über einen Schreibtisch im Vordergrund fällt der Blick durch ein riesiges Sprossenfenster auf den schneebedeckten Obersalzberg. Willikens macht hier eine seltene Ausnahme, wenn er Räume nach außen öffnet und auch, wenn er dort seine haargenaue Malweise bei allem Gebauten mit lockerer Gestik konterkariert. Man kann das als Ausdruck der Befreiung deuten, die weitere Gemälde der Reihe mit Zerbrechen des Sprossengitters desselben Fensters und schließlich dessen vollständiger Zerstörung nach dem alliierten Luftangriff ausdrücken (30.000 bis 130.000). (Bis 30. August)

          Menschen kommen auch auf den Bildern von Eduard Angeli nicht vor. Dass sie ein einsames Haus hinterließen, ein leeres Boot oder einen Steg ohne Badende, unterstreicht ihre Abwesenheit nur noch. Angeli ist ein Meister melancholisch untermalter, diffus unheimlicher Stille. In seiner Ausstellung in der Galerie Welz dominieren Gemälde vom Wasser in ruhigen Blautönen mit tiefem Horizont, von Sonnenuntergängen und Lichtern der Nacht. Dass der gebürtige Wiener oft in Venedig arbeitet, verraten Titel wie „Arsenale“, „Mazzorbo“ oder „Lagune“, doch sie zitieren allenfalls Bezugspunkte, denn was zu sehen ist, verfremdet die vertrauten Ansichten. Der Achtzigjährige hegt eine Vorliebe für Pastell, das er auf großformatigen Leinwänden einsetzt, gelegentlich in Kombination mit Ölfarben (Arbeiten auf Leinwand ab 17.000, auf Bütten 9000). (Bis 3. September)

          Für seine Schau „The Shadow of Figuration“ in der Galerie Thaddaeus Ropac produzierte Sean Scully eine Reihe neuer Werke in seiner gewohnten, vertikale und horizontale Farbblöcke kombinierenden Façon. Ungewohnt warmtonig fällt die Fortsetzung seiner „Wall of Light“-Serie mit einem außergewöhnlich hohen Anteil an Gelb aus. Scully sagt über diese Farbe, er habe sie in der gegenwärtigen Weltlage zu lieben gelernt: „Ich bin mir nicht sicher, warum, aber vielleicht bietet Gelb eine Art Schutz gegen die Kälte.“ Wie für sein gesamtes, streng abstraktes Werk lässt sich der irisch-amerikanische Künstler auch bei seinen „Land­line“-Bildern von der realen Welt anregen, hier vom horizontalen Zusammenspiel zwischen Nordseeküste, Meer und grauem Himmel (Ölbilder zwischen 675.000 und 1,3 Millionen Dollar, Papierarbeiten ab 82.500). Zunehmend arbeitet Scully mit Skulptur, sein monumentaler „Indoor Sleeper“ verstellt den zentralen Blick aus der Galerie-Villa in den Mirabellgarten. Der oben offene Quader aus ausrangierten Eisenbahnschwellen (railway sleepers) lebt von der Patina des alten Holzes (eine Million). (Bis 24. September)

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