Messen für Zeichnung in Paris : Blätter, die die Welt bedeuten
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Bei der Galerie Bendana/Pinel: Sandra Vásquez de la Horra, „The Couple“, 2022, Graphit und Aquarell auf Papier, 154 Zentimeter breit, 50.000 Euro Bild: Foto Galerie Bendana/Pinel Contemporary/ VG Bild-Kunst, Bonn 2023
Diese Pariser Kunstmessen lassen keinen Wunsch von Liebhabern der Zeichnung offen: ein Rundgang durch den klassischen Salon du Dessin und die progressive Drawing Now.
Mit zwei internationalen Messen für Zeichnung, die von einem reichhaltigen Zusatzprogramm und Auktionen begleitet werden, hat sich Paris zweifellos als „Capitale du dessin“ etabliert. Zum Frühlingsbeginn bezaubern eine Woche lang Blätter von Künstlern aus aller Welt. Im anspruchsvollen Salon du Dessin und auf der zeitgenössisch-frischen Messe Drawing Now lässt sich von der Renaissance bis zur Gegenwart die Vielfalt der Ausdrucksmöglichkeiten auf Papier entdecken.
Der Salon du Dessin bleibt eine der schönsten Messen und versammelt zur 31. Ausgabe im neoklassizistischen Palais Brongniart 21 französische und 18 internationale Galerien. Martin Moeller aus Hamburg reist jedes Jahr mit einem neuen Schwerpunktthema an. Dieses Mal sind es Porträtzeichnungen. Besonders berührt an seinem Stand August Macke, der seine Frau Elisabeth 1914 lesend darstellte (58.000 Euro). Nur wenig später fiel der Künstler im Ersten Weltkrieg. Sein Zeitgenosse Paul Valéry sagte, dass er keine Kunst kenne, die mehr Intelligenz erfordere als die Zeichnung. Marc Chagall bewies in dieser Disziplin fast surrealen Humor: Auf einem großen Pastell- und Gouache-Blatt lässt er eine farbenfrohe Kuh in den Himmel entschweben. Wie einen Schatz trägt sie ein winziges Bett mit sich, in dem sich eine nackte Dame räkelt – wohl Chagalls geliebte Bella (100.000 bis 150.000 Euro).
Studien der Renaissancemeister mit namhafter, gesicherter Provenienz sind selten und haben ihren Preis. Die Galerie Nathalie Motte Masselink aus Paris bietet eine doppelseitige Zeichnung, die Giovanni Antonio Bazzi zu Beginn des 16. Jahrhunderts schuf, für 450.000 Euro an. Seines ausschweifenden Lebenswandels wegen ging der Maler als Sodoma in die Kunstgeschichte ein. Auf der einen Seite zeigt sein Blatt den büßenden Heiligen Hieronymus, auf der anderen eine skizzierte Landschaft.
Die feine, oft spontane Kunst der Zeichnung erfordert von ihren Betrachtern Aufmerksamkeit und den Blick aus nächster Nähe – insbesondere bei kleinen Blättern. Eine winzige Skizze von Jean-François Millet ist bei dem Pariser Händler Ambroise Duchemin zu entdecken. Das Blättchen – es kostet 7500 Euro – mit zwei grabenden Landarbeitern auf einem Feld misst nur neun auf zehn Zentimeter. Im Atelier diente es als Vorlage für eine größere Kohlezeichnung – die später Vincent van Gogh zu dessen Bild „Zwei Bauern beim Umgraben“ inspirierte. Gleich neben Millets Arbeit hängt eine nur doppelt so große idyllische Ernteszene, die Gustave Courbet zugeschrieben und mit 45.000 Euro beziffert wird. Noch kleiner als Millets Blatt ist ein entzückendes Aquarell von Ernest Filliard mit einem Strauß violetter Blumen in einer bauchigen Vase. Für 3500 Euro möchte man es sofort bei Grässle-Härb-Nuti aus München kaufen.
Immer noch experimentierfreudig
Direkt aus dem Atelier in die Messekoje kommt so manche Arbeit auf der Messe Drawing Now, die bei ihrer sechzehnten Ausgabe 73 Galerien – zwei Drittel aus Frankreich – aufbietet. Auch neue Arbeiten von Künstlern, die schon Geschichte geschrieben haben, sind hier zu erwerben, wie etwa von der 99 Jahre alten und immer noch experimentierfreudigen Vera Molnar. Die Pariser Galerie Berthet-Aittouarès ehrt die ungarisch-französische Medienkünstlerin mit einem Solo. Molnar ist in vielerlei Hinsicht eine Pionierin. Arbeiten auf Papier gehören zu ihren wichtigsten Ausdrucksmitteln. Am Stand vereint sind Werke aus sechs Jahrzehnten, darunter die bewegenden „Briefe an meine Mutter“. Die Preise liegen im Schnitt bei 8000 Euro.
Wie Naturgöttinnen
Martin Kudlek aus Köln würdigt mit Werken des 2007 gestorbenen Oskar Holweck gleichfalls einen wichtigen Künstler der Nachkriegsmoderne. Holweck gehörte zwar der Gruppe ZERO an, interessierte sich aber kaum für die Avantgarden seiner Zeit. Er arbeitete mit Papier, das er es durch Kratzung bemalte, zu abstrakt-poetischen Motiven stanzte, zerriss, knitterte oder faltete. Die minimalistisch-sensiblen Werke kosten zwischen 15.000 und 18.000 Euro. Für die polnische Künstlerin Katarzyna Wiesiolek, die Eric Dupont aus Paris vertritt, steht Natur im Zentrum. Wiesiolek, arbeitet mit natürlichen Pigmenten und interessiert sich für die Wirkung des Lichts. Eine großformatige Hommage an Claude Monet wirkt wie eine Fotografie auf Samt (14.000). Die Pariser Galerie Papillon präsentiert den in Tunis geborenen Jean-Claude Ruggirello. Neben Zeichnungen schafft er eigenwillige Skulpturen, Zeichnungen im Raum, für die er feine, eingefärbte Holzstreifen verwendet. Ruggirello näht sie in losen Schleifen durch gelöcherte Wände hindurch (ab 2500).
Auf ganz andere Weise sind auch die Werke von Sandra Vásquez de la Horra Zeichnung und Skulptur zugleich: Die chilenische, in Berlin lebende Künstlerin malt Gesichter oder üppige Körper, die wie Naturgöttinnen erscheinen, schneidet sie aus, verstärkt das Papier mit Bienenwachs und faltet die beidseitig zu betrachtenden Figuren im Raum wie ein Leporello. Ihre Werke kosten bei der Pariser Galerie Bendana/Pinel zwischen 14.000 und 50.000 Euro.
Salon du Dessin, Paris, Palais Brongniart, bis 27. März; Drawing Now, Paris, Carreau du Temple, bis 26. März; Eintritt jeweils 16 Euro