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Russlands Kunstmesse Cosmoscow : Das Gelage während der Pest

  • -Aktualisiert am

Die Petersburger Galeristin Marina Gisich (hier vor dem Bild „Amor und Psyche“ von Alexander Schischkin-Hokusai) wurde für den besten Stand ausgezeichnet, auch wegen der sadistische Obsessionen evozierenden Arbeiten von Pjotr Schwezow und Maria Koshenkova. Bild: Gisich Gallery

Erstmals ohne internationale Aussteller: Russlands Messe für zeitgenössische Kunst Cosmoscow bietet Glamour für den inneren Gebrauch, aber auch Kunst des russischen Faschismus und meldet trotz Ukrainekrieg und Sanktionen Rekordumsätze. Gestohlenes Geld soll sie befeuern.

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          Sie habe sich von der Adressenliste der Moskauer Kunstmesse Cosmoscow eigentlich streichen lassen wollen, notierte die russische Kuratorin Ekaterina Degot, die vor zehn Jahren emigrierte und heute in Graz das Festival Steirischer Herbst leitet, vor Beginn des Glamour-Events in ihrer Heimat auf Facebook. Doch dann sei sie zu der Einsicht gekommen, so die bis heute in der russischen Kunstwelt hochgeachtete Degot, dass die glühende Scham, die sie für dieses Ereignis empfinde, vielleicht etwas Positives sei.

          Kerstin Holm
          Redakteurin im Feuilleton.

          Die zehnte Ausgabe der kommerziell erfolgreichsten Moskauer Kunstmesse für Zeitgenössisches, Cosmoscow, bot mir die Gelegenheit, nach zehn Monaten Abwesenheit Russlands Hauptstadt wieder zu besuchen. Journalistenvisa an Reporter aus „unfreundlichen Ländern“ – das sind alle Staaten, die infolge des russischen Überfalls auf die Ukraine Sanktionen verhängt haben – vergibt Russland heute äußerst ungern. Aber eine Einladung vonseiten der Messe ermöglichte immerhin einen Aufenthalt von einer Woche, der unmittelbar vor Putins Mobilmachung endete und mit der Auflage verbunden ist, über nichts anderes als Cosmoscow zu berichten.

          Die Direktorin von Cosmoscow, die Sammlerin und Geschäftsfrau Margarita Puschkina, wollte nichts Unangemessenes an der Veranstaltung erkennen. Sie empfing die Messegäste vorab in einem früheren internationalen Bürozentrum in der Romanow-Gasse, das zum elitären Klub russischer Kunstliebhaber „Noô­dome“ umgewidmet wurde. Der Galerist Sergej Guschtschin, der an der noch existierenden Britischen Designschule in Moskau lehrt, eröffnete den Abend, indem er die Gegenwart als traurige „Neue Realität“ charakterisiert, weil man im Rahmen der in Russland geltenden Gesetze die Dinge nicht beim Namen nennen dürfe. Gu­schtschin spielte darauf an, dass es ein Straftatbestand ist, Russlands Invasion in die Ukraine „Krieg“ zu nennen – was infolge der Einberufung von Zivilisten inzwischen überholt sein dürfte.

          Durch die Brille des russischen Faschismus geschaut: Gemälde von Pjotr Schwezow aus seiner Serie „Bestiarium“. Bilderstrecke
          Kunstmesse Cosmoscow : Die Russen kaufen trotz Ukrainekrieg und Sanktionen eifrig zeitgenössische Kunst.

          Margarita Puschkina betont dann im Gespräch, „wir“ – damit meint sie die Kunstcommunity, die bis auf wenige Ausnahmen den Krieg ablehnt – hätten die Regierung nicht gewählt. Auch wiederholt die 53 Jahre alte Managerin den Hinweis auf das geltende Rechtssystem, das Kritik am Krieg strafrechtlich ahndet. Doch ein kommerzielles Kunstfest abhalten und damit in tragischer Zeit Normalität signalisieren? Wie Ekaterina Degot empfindet ein Großteil von Puschkinas emigrierten Landsleuten das als unerträglich.

          Puschkina stellt verbindlich lächelnd fest, seit dem 24. Februar hätten etliche Künstler und Sammler das Land verlassen; weitere planten ihre Ausreise, etliche Galerien hätten zugemacht. Doch auch die Dagebliebenen verdienten Verständnis, findet sie. Die Messe solle diese wie jene unterstützen.

          Russlands europäische Kultur ist von Europa abgeschnitten

          Infolge des Krieges und der westlichen Sanktionen wurde Russlands Kultur von Europa, dem sie ihrem Wesen nach angehört, abgeschnitten. Ausstellungsprojekte mit westlichen Museen gibt es nicht mehr, das Land soll sich künftig nach China, Indien, Südamerika und den arabischen Staaten ausrichten. Wie ein nostalgischer Abschiedsgruß wirkt es, dass das ausschließlich mit europäischer Kunst bestückte Puschkin-Museum noch bis zum 30. Oktober die Schau über die brillanten Moskauer Sammlerbrüder Michail und Iwan Morosow zeigt, die um die vorige Jahrhundertwende in Paris Werke von Monet, Gauguin, Picasso erwarben, sie daheim mit russischen Modernisten kombinierten, und die bis zu diesem Frühjahr in der Pariser Louis­Vuitton-Stiftung zu sehen war.

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