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Rundgang durch die Galerien : Exodus aus Berlin?

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Die Galerien in der Hauptstadt öffnen wieder. Aber die Zeitgenossen-Szene ist beunruhigt über die Kulturpolitik des Senats.

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          Die Sammlung Flick, der „Me Collectors Room“, die Julia Stoschek Collection. Innerhalb von wenigen Wochen haben drei Sammler ihren Abzug aus Berlin verkündet, und der Aderlass der deutschen Kunsthauptstadt, der schon mit der Absage der Messe Art Berlin einen vorläufigen Höhepunkt erreicht hatte, geht weiter. Auch Axel Haubrok erwägt den Weggang; das Kunst-Areal in Berlin-Lichtenberg, das er zur Förderung junger Künstler aufbaute, ist schon länger – wegen der angeblichen Gefahr von Gentrifizierung – bedroht.

          Nach dem Lockdown eröffnen jetzt die ersten Galerien wieder. Doch die Krisenstimmung hat sich verstärkt. Wie wird die Situation den Kunstmarkt, zumal in Berlin, treffen? Viel wurde in dieser Zeit über Unterstützung durch den Bund diskutiert. Ein Rundgang durch die aktuellen Ausstellungen gibt Aufschluss über einen vor allem Zeitgenossen-Markt, der sich am Scheideweg befindet. Und über eine Stadt, die es vor wenigen Jahren mit Kunstzentren wie New York oder London aufnehmen wollte und nun dringend neue Strategien finden muss, um Galeristen, Sammler und Künstler an sich zu binden.

          Bei Barbara Thumm hat das Tagesgeschäft wieder begonnen. Am Freitag hat die neue Schau „Rats and Horses“ eröffnet, die collagenartige Arbeiten von Jo Baer zeigt (bis zum 31. August). Thumm hat dafür großformatige Pergamentzeichnungen zusammengestellt, wie die Kohle-Serie „With Bruce Robins“, die unterschiedliche Körperausschnitte von Rennpferden in Bezug zu menschlichen Leibern setzt (je 12.000 Euro). In den Graphitzeichnungen „Brute Matter“ und „The River Thames“ von 1992 widmet sich Baer ihrer Leidenschaft für Kartographie und interpretiert Höhlenmalerei neu (je 180.000 Euro). Bisher ist Thumm mit der Resonanz zur Ausstellung zufrieden. Doch sie fürchtet, dass sich die Folgen von Corona über das ganze Jahr ziehen könnten. Besonders kritisch aber betrachtet sie die Leistung der Stadtpolitik: Es fehle an Visionen und Fingerspitzengefühl im Umgang mit der privaten Kunstszene, sagt sie.

          Ähnlich sieht es Nicole Hackert von Contemporary Fine Arts (CFA). Sie unterstützt die aktuelle Petition für eine Mehrwertsteuersenkung auf sieben Prozent bei Kunstkäufen: „Für die Bundespolitik wäre jetzt ein guter Anlass, diese Unterstützung für den Kunstmarkt elegant umzusetzen.“ Und sie spüre einen Exodus aus Berlin – Kollegen, die überlegen, ins Ausland zu gehen, oder Sammler, die der Stadt den Rücken kehren. Hackert versteht nicht, wie die deutsche Kulturpolitik es zulassen kann, dass deutsche Künstler weltweit mitmischen, aber der deutsche Käufermarkt in die Bedeutungslosigkeit falle. Für Hackert ist das Potential da, das zeige sich in der hohen Resonanz, die CFA von internationalen Sammlern für die aktuelle Konzentration auf Positionen aus Deutschland bekomme. Eine dieser Künstlerinnen ist die 1981 in Berlin geborene Sophie Reinhold, die CFA derzeit ausstellt. Reinhold schafft mit ihren Ölbildern balladenartige Situationen. Viele der Werke – die verträumte Gerichtsszene „Courtroom“ (30.000 Euro) oder das knallbunte „R U concerned? (Eiermann)“ (9000 Euro) mit einem melancholisch dreinschauenden Ei – erzählen Geschichten von Hoffnung und Isolation (bis zum 20. Juni).

          Bei Sprüth Magers wird eine Kernkompetenz der Galerie, die Installation, zelebriert (bis Ende Juni). Präsentiert sind Kara Walker und Richard Artschwager. Die Amerikanerin Walker ist mit „The Sovereign Citizens Sesquicentennial Civil War Celebration“ von 2013 vertreten, einem riesigen Scherenschnitt, der sich kritisch mit der „White Supremacy“-Bewegung und dem Bürgerkriegsgedenken auseinandersetzt. Die Landschaftsbilder von Richard Artschwager vergegenwärtigen den Umgang mit Farbe und Textur in seiner letzten Schaffensperiode (22.500 bis 25.000 Dollar). Die Galeristin Philomene Magers hofft für Berlin auf Synergien durch das frühe Ende des Lockdowns: „Die globale Kunstwelt schaut im Moment auf die Stadt als einen der wenigen Orte, an dem Galerien wieder geöffnet sind.“

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