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Restituierter Picasso : Teuer ist die Frau vor Blau

Keine Auktion: Im Auftrag der Erben verkauft Kunsthändler Larry Gagosian ein restituiertes Picasso-Pastell.

          3 Min.

          Wie zuerst das „Wallstreet Journal“ berichtet hat, ist ein frühes Werk Pablo Picassos wieder auf dem Kunstmarkt, das die National Gallery of Art in Washington jüngst an die Erben des einstigen Besitzers zurückgab. Zum Verkauf steht das Pastell einer „Tête de femme“ aus dem Jahr 1903, das die Erben des jüdischen Berliner Bankiers Paul von Mendelssohn-Bartholdy dem Kunsthändler Larry Gagosian zum Verkauf anvertraut haben; die Erwartung dafür liegt bei mindestens zehn Millionen Dollar. Gagosian arbeitet schon seit langem und erfolgreich mit Werken aus dem Nachlass Picassos, und er hat hochrangige, annähernd museale Ausstellungen damit bestückt.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Von Bedeutung ist an dieser Entscheidung zunächst, dass das Bild nicht zur Auktion eingeliefert wurde, sondern auf privatem Weg vermittelt wird. Solche private sales führen in wachsendem Maße auch die Auktionshäuser durch, und das schon seit geraumer Zeit. Die Wahl des mächtigen, global agierenden Gagosian könnte freilich anzeigen, dass jetzt – nach Ausbruch der Pandemie und im Schatten des Shutdown – nicht nur das Risiko einer Versteigerung vermieden werden soll. Ohnehin sind die großen Prestigeauktionen des Frühjahrs in New York bereits von Mai auf Ende Juni verschoben, sollte es nach Plan gehen. Sondern es zeichnet sich vielleicht eine Rückkehr zum klassischen Kunsthandel ab.

          Interessant ist auch die Vorgeschichte von Picassos Blatt. Die Familie von Paul von Mendelssohn-Bartholdy hatte die renommierte Berliner Privatbank Mendelssohn & Co. schon 1795 begründet. Er war einer der Teilhaber – und eminenter Kunstsammler der Moderne in Deutschland. Bevor er 1935 starb, gab er einige seiner Picassos – darunter dieses Pastell – in die Schweiz an den Kunsthändler Justin K. Thannhauser. Seine zweite Ehefrau hatte Paul von Mendelssohn-Bartholdy als Vorerbin eingesetzt; sie verkaufte weitere Teile des Erbes. Die Nationalsozialisten kassierten 1938 die Aktiva der Bank für die Deutsche Bank ein. Seit 2008 versucht eine Gruppe von Erben Mendelssohn-Bartholdys, die Restitution wertvoller Bilder aus seinem einstigen Besitz zu erreichen – mit dem Argument, er habe sie aufgrund nationalsozialistischer Repression veräußern müssen.

          Zu den Picassos, die Mendelssohn-Bartholdy besaß, gehören so kapitale Werke wie „Le Garçon conduisant un cheval“ im MoMa oder „La Moulin de La Galette“, das Thannhauser 1978 dem Guggenheim Museum in New York schenkte. In beiden Fällen kam es 2009 zur Einigung mit den Erben, die den Verbleib in den Museen sicherte; über die Bedingungen herrscht Stillschweigen.

          Die „Tête de femme“ befand sich seit 1978 in der Sammlung Guggenheim. Nach einigen Auktionen wurde das Blatt aus dem Nachlass des amerikanischen Bauunternehmers und Zeichnung-Sammlers Ian Woodner 2001 der National Gallery geschenkt. Zu seiner Rückgabe an die Erben erklärt das Museum in Washington laut „Wallstreet Journal“, man habe sich so entschieden, um die hohen Gebühren eines Rechtsstreits zu vermeiden; der Schritt stelle keine Anerkennung des Wertes oder der Gültigkeit des behaupteten Anspruchs dar.

          Picassos durchgearbeitetes Pastell ist das Porträt einer unbekannten Frau mit ernstem, klarem Blick und melancholischen Gesichtszügen. Die Zeichnung gehört zu den besonders begehrten, relativ raren frühen Arbeiten aus der Blauen und Rosa Periode. Die Preisvorstellung orientiert sich an den bisher höchsten Zuschlägen für Pastelle von Picasso: Laut der Informationsplattform „Artprice“ sind das eine „Femme nue aux jambes croisées“, ebenfalls 1903 entstanden, für 10,5 Millionen Dollar bei Sotheby’s 2015 und eine spätere großformatige „Femme accoudée“ von 1921 zum gleichen Hammerpreis von 10,5 Millionen Dollar bei Christie’s 2018.

          Wenn nun Gagosian einen neuen Besitzer sucht, zweifellos einen kompetenten Sammler oder eine finanzstarke Institution, könnte das eben eine Tendenz im Markt abbilden: dass nämlich Geschäfte mit Kunstwerken höchster, gar musealer Qualität ein Stück weit zu Händlern solchen Kalibers zurückkehren, deren Domäne sie waren, ehe beim Verkauf solcher Werke Auktionen zur Regel wurden. Das hat durchaus zu – wenigstens dem Anschein nach – höherer Transparenz bei der Entwicklung der Preise geführt. Indem Gagosian jetzt seine Erwartung von zehn Millionen Dollar für einen Privatverkauf publik macht, nutzt er geschickt solche Informationen. Und zugleich erreicht er die ernsthaften Interessenten in aller Welt.

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