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Rechtsstreit um Picasso : Der längere Hebel

  • -Aktualisiert am

Rückgabestreit um ein Picasso-Gemälde: Jüdische Erben verklagen Bayern. Das Werk soll verfolgungsbedingt an die Neue Pinakothek in München verkauft worden sein. Dort sieht man das anders.

          Aus dem Bundesstaat New York kommt eine Meldung, die deutsche Museen aufhorchen lassen dürfte: An einem Bundesbezirksgericht ist Klage gegen den Freistaat Bayern eingereicht worden. Kläger sind die Erben Paul von Mendelssohn-Bartholdys, Gegenstand ist ein Gemälde, das in der Neuen Pinakothek in München hängt, ein Werk aus Picassos Blauer Periode: Das Porträt „Madame Soler“ von 1903. Das Bild soll, so die Forderung, an die Erben restituiert werden.

          Was ist der Hintergrund? Picasso malte das Bild 1903, die längste Zeit gehörte es danach Paul von Mendelssohn-Bartholdy, einem jüdischen Bankier, der eine beeindruckende Kunstsammlung besaß und im Mai 1935 starb. Vollständig war die Kunstsammlung zu diesem Zeitpunkt nicht mehr. Von sechzehn Werken hatte sich Mendelssohn-Bartholdy bereits getrennt, darunter Picassos „Madame Soler“. Vor seinem Tod hatte Mendelssohn-Bartholdy Kontakt mit dem Kunsthändler Justin K. Thannhauser aufgenommen, um Werke seiner Sammlung zu verkaufen. Von Thannhauser kauften die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen 1964 „Madame Soler“ in New York.

          Verfolgungsbedingt verkauft

          Das ist der Teil der Geschichte, den niemand bestreitet, nicht die Kläger, nicht die Neue Pinakothek, nicht der Freistaat Bayern. Die Frage, die jedoch offenkundig nun ein Gericht beantworten muss, ist folgende: Warum bemühte sich der jüdische Bankier Mendelssohn-Bartholdy von 1934 an darum, Werke seiner Sammlung zu verkaufen? „Verfolgungsbedingt verkauft“, lautet die Antwort der Kläger. „Nicht verfolgungsbedingt verkauft“, lautet die Antwort Klaus Schrenks, des Generaldirektors der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen. Wer hat nun Recht?

          „Wir sind verwundert und enttäuscht,“ sagt der amerikanische Anwalt der Mendelssohn-Bartholdy-Erben, „dass es Bayern versäumt hat, die wichtigen Fragen, um die in diesem Fall geht, angemessen anzugehen.“ Tatsächlich gibt es eine Vorgeschichte: Die Erben argumentieren, dass Mendelssohn-Bartholdy den Picasso verkaufen wollte, weil er musste, da er finanziell unter Druck geraten war. 1933 kamen die Nationalsozialisten an die Macht; was folgte, war eine Serie von Boykotten und Gesetzen, die der jüdischen Bevölkerung erst die Erwerbs- und dann die Lebensgrundlage entzog. Die Geschichte hat der Historiker Julius Hans Schoeps recherchiert, er ist Sprecher der Mendelssohn-Bartholdy-Erben.

          Eben diese Geschichte wollten die Erben vor die Limbach-Kommission bringen - und saßen am kürzeren Hebel. Die Limbach-Kommission nämlich ist ein beratendes Gremium, das Empfehlungen ausspricht, wenn sich zwei Parteien nicht einigen können, ob ein Kulturgut im Nationalsozialismus verfolgungsbedingt entzogen wurde und deshalb zurückgegeben werden sollte. Nur: Beide Seiten müssen zunächst zustimmen, damit die Kommission angerufen werden kann. Die Erben wollten „Madame Soler“ vor die Kommission bringen. Und die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen? Lehnten ab. Stattdessen veröffentlichte Generaldirektor Schrenk eine Stellungnahme, die auch im Internet publiziert wurde.

          Man sei, heißt es dort, der Ansicht, „dass es sich nicht um einen verfolgungsbedingten Verkauf handelt“. In der Stellungnahme folgen zweieinhalb Seiten historische Recherchen. Warum aber, fragt man sich, den Fall nicht vor die Limbach-Kommission bringen, wenn man davon überzeugt ist, die besseren Argumente zu haben? Wofür wurde die Kommission eingerichtet? Die Frage lässt die Stellungnahme unbeantwortet.

          Vor Gericht

          In Deutschland sind die Erben an den zuständigen Instanzen gescheitert, da das Gemälde allerdings in New York gekauft wurde und unter den Erben auch amerikanische Staatsbürger sind, konnte nun Klage bei einem amerikanischen Gericht eingereicht werden. Dem Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst ist die Klage noch nicht offiziell zugestellt worden. Stellung möchte man daher nicht nehmen.

          Was die Folgen der Klage sein könnten? Beide Seiten werden nun ihre Version der Geschichte vorlegen müssen, nach Abschluss der Beweisaufnahme folgt der Prozess - falls es keine außergerichtliche Einigung im Vorfeld gibt. Dafür gäbe es Vorbilder: Mit dem Guggenheim Museum und dem Museum of Modern Art, die ebenfalls Werke aus der Sammlung Mendelssohn-Bartholdy erworben hatten, einigte man sich auf einen Vergleich.

          Falls es zu einem Prozess kommt, könnte eintreten, was man in Bayern mit allen Kräften verhindern wollte: Dass eine unabhängige Instanz feststellt, dass der bayerische Staat 1964 Kunst erworben hat, die „verfolgungsbedingt verkauft“ wurde. Zur Rückgabe in solchen Fällen hatte sich Bayern mit der Washingtoner Erklärung eigentlich verpflichtet. Nun kommt der Fall vor Gericht.

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