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Rechtsstreit : Eindeutige Belege in Sachen Kandinsky?

Den Streit zwischen dem Auktionshaus Lempertz und den Erben nach Sophie Küppers-Lissitzky könnte die Antwort auf eine einzige Frage beenden: Was steht in den Testamenten, auf die sich Lempertz beruft?

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          Wir haben hier über die Kontroverse um Wassily Kandinskys Aquarell „Zwei schwarze Flecke“ von 1923 zwischen dem Kölner Auktionshaus Lempertz und den Erben nach Sophie Küppers-Lissitzky berichtet, die das Werk als ihr Eigentum betrachten, um das sie durch die nationalsozialistische Aktion „Entartete Kunst“ gebracht worden seien. Kurz bevor das Blatt dann zur Versteigerung kam, konnte Lempertz bewirken, dass es aus dem „Lost Art“-Register der Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste in Magdeburg genommen wurde, in dem es bis dahin, auf Initiative der Lissitzky-Anwälte, verzeichnet war. Über die Frage, was Grundlage dieser Löschung sein konnte, wird gewiss noch gestritten werden. Lempertz jedenfalls machte die Streichung in einer Pressemitteilung publik, und Henrik Hanstein, der Geschäftsführer des Hauses, wies zudem direkt vor dem Aufruf des Loses 223 am 2. Dezember vom Pult aus noch einmal ausdrücklich darauf hin. Dennoch ging „Zwei schwarze Flecke“ in der Auktion unverkauft zurück.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Wie ungebrochen begehrt Kandinskys Aquarelle sind, hatte freilich wenige Tage zuvor, am 24. November, sein etwas kleineres Blatt „Ringsum“ vom Neujahrstag 1924 bewiesen, das - davor zuletzt 1990 bei Sotheby’s in London für 418.000 Pfund inklusive Aufgeld verkauft - bei der Villa Grisebach in Berlin für starke 1,05 Millionen Euro zugeschlagen wurde; die vorsichtige Taxe hatte bei 350.000 bis 450.000 Euro gelegen. Dabei ist „Ringsum“ womöglich eher weniger reizvoll als „Zwei schwarze Flecke“, das eben obendrein mit der ausgezeichneten Vorprovenienz Sophie Küppers-Lissitzky, der das Blatt 1924 von Kandinsky selbst geschenkt worden war, antrat: auch deshalb versehen mit einer keineswegs unrealistischen Schätzung von 900.000 bis eine Million Euro. Zu Redaktionsschluss war auch noch kein erfolgreicher Nachverkauf bekannt. Für dieses, an sich ungewöhnliche Scheitern könnte es aber plausible Gründe geben, die nicht zum Geringsten in einem veränderten Bewusstsein am internationalen Kunstmarkt zu finden sind.

          Der Reihe nach: Es besteht ja kein Zweifel an der Gutgläubigkeit des aktuellen Eigentümers, der allem Anschein nach der Einlieferer war, beim Erwerb des Blatts, das er 1989, ebenfalls bei Lempertz, für 900.000 Mark ersteigert hat, damals ein Rekordpreis in einer deutschen Auktion (F.A.Z. vom 25. November 1989). Weiter: Lempertz macht geltend, dass schon Ende der zwanziger Jahre Sophie Küppers-Lissitzky selbst das Blatt ihrer Bekannten Lotte Beck geschenkt habe, in deren Familie es durch Erbgang bis zur ersten Versteigerung 1989 verblieb. Diese Schenkung bestreiten freilich, wie berichtet, die Lissitzky-Anwälte. Tatsächlich aber hat Lempertz, auf Anfrage dieser Zeitung, am 25. November schriftlich erklärt, dass vom Auktionshaus gewonnene Erkenntnisse, was die strittigen Eigentumsverhältnisse angeht, „eindeutig“ belegen, „dass die von den Erben nach Sophie Küppers-Lissitzky vorgetragenen Argumente für eine Restitutionsbefangenheit des Blattes unzutreffend sind“ - und dann, wieder wörtlich: „Das Blatt wurde im Jahre 1989 aus dem Nachlass von Betty Beck eingeliefert. Die Herkunft ist durch Testamente lückenlos belegt.“

          Das ist eine dankenswert klare Aussage: Denn sie kann doch nur heißen, dass in den zitierten Testamenten „Zwei schwarze Flecke“ - unter diesem Titel oder zumindest in präziser Beschreibung - aufgeführt ist. Genau damit aber wären die Lissitzky-Erben ein für alle Mal widerlegt: Bezweifeln doch deren Anwälte, dass sich das Aquarell jemals überhaupt im Besitz der Familie Beck befand.

          Warum nicht ein klärender Blick ins Testament?

          Also drängt sich eine simple Frage auf, die nicht juristischen Winkelzügen, sondern bloß dem gesunden Menschenverstand geschuldet ist: Warum hat man Kandinskys schönem Werk nicht seinen weiteren Weg geebnet, indem man die entsprechenden Passagen in den erwähnten Testamenten gegenüber den Erben nach Sophie Küppers-Lissitzky offenlegte? Unter Wahrung aller notwendigen Diskretion, das ist selbstverständlich; alles andere geht gegen die sinnvollen Regeln des Geschäfts. Und gewiss nicht, um das notorische Interesse der Öffentlichkeit an derartigen Auseinandersetzungen zu befriedigen.

          Sondern schlicht, weil im Fall von Kunstgütern, auf denen auch nur der leise Verdacht nationalsozialistischen Diebstahls liegt, inzwischen eine hohe Sensibilität herrscht. Es hätte völlig gereicht, den im Auftrag der Lissitzky-Erben agierenden Anwälten - deren Argumentationslinie, wie berichtet, auch keineswegs lückenlos verläuft - mit einem eindeutigen Testament ihren möglichen Irrtum vor Augen zu führen. Damit wäre die Angelegenheit sehr wahrscheinlich erledigt gewesen. Die Lissitzky-Anwälte erklären aber, dass ihnen von Lempertz nie ein solches Dokument gezeigt worden sei.

          Gefährliche Unsicherheit

          Auf Anfrage dieser Zeitung sagt nun der Justiziar von Lempertz, dass diese Angabe stimme, dass allerdings die Anwälte auch nie darum gebeten hätten; doch die Anwälte könnten jederzeit Einsicht nehmen. Überdies sei in den Dokumenten nirgends Kandinskys „Zwei schwarze Flecke“ ausdrücklich erwähnt. Wie aber passt diese Auskunft mit der oben zitierten schriftlichen Stellungnahme zusammen?

          Richtig ist: Der internationale Kunstmarkt, zumal der Auktionsmarkt, ist im Hochpreissegment unberechenbar. Was also den Verkauf von „Zwei schwarze Flecke“ am Ende verhindert hat, stehe dahin. Allerdings ist die Annahme zumutbar, dass ein Blick der Lissitzky-Erben in die von Lempertz angeführten Testamente jede unnötige Spekulation ausgeräumt hätte; denn nichts ist dem Kunsthandel weniger zuträglich als eine Unsicherheit, die nicht zuletzt an Emotionen rührt, jenseits juristischer Kautelen. Und eines ist sicher: Das Bedürfnis nach absoluter Transparenz, die Beseitigung auch des geringsten Zweifels an allfälligen Restitutionsansprüchen, ist zur conditio sine qua non des internationalen Geschäfts geworden. Das ist unumschränkt gut zu heißen.

          Was bleibt: Die Causa Kandinsky wird hoffentlich noch ihre Klärung erfahren. Sollte das - beweisbar, von der einen oder anderen Seite - nicht mehr möglich sein, möge sie wenigstens eine gütliche Einigung finden. Endlich: Der Fall muss unbedingt Anlass zu einer ganz präzisen Klärung sein, was die Funktion des deutschen „Lost Art“-Registers angeht. Dieser Institution ist eine klare Verfassung zu geben, was ihre Entscheidungskompetenz über Einstellung oder Entfernung eines Kunstwerks angeht. Und das muss schnell geschehen.

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